"Das größte Risiko unserer Zeit liegt in der Angst vor dem Risiko", sagte einmal der Soziologe Helmut Schoeck. Tatsächlich gibt es kollektive Ängste vor so etwas wie der Schweinegrippe, der Finanzkrise oder Terroranschlägen. Oft werden sie ausgerechnet von Dingen geschürt, deren Wahrscheinlichkeit einzutreten – also deren Risiko – in Wahrheit gering ist. Die vielleicht neuste Furcht der Deutschen: Messerattacken. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, im Auftrag der Deutschen Presseagentur dpa, schätzen 50 Prozent der Erwachsenen das Risiko junger Leute als hoch oder sehr hoch ein, Opfer eines Messerangriffs zu werden.

Aber hat diese Art von Verbrechen wirklich zugenommen? Belege dafür gibt es kaum. Auch deshalb, weil Kriminalstatistiken nicht unterscheiden, ob bei einem gewalttätigen Übergriff ein Messer eingesetzt wurde oder nicht. Nur vereinzelt gibt es Zahlen. Warum fokussiert sich derzeit die Angst also so auf diese Taten? Das haben wir den Risikoforscher Ortwin Renn gefragt, der als Gastautor bereits für ZEIT ONLINE geschrieben hat. Er ist Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS).

ZEIT ONLINE: Herr Renn, die Angst vor Messerangriffen ist nur ein Beispiel für ein bekanntes Phänomen: Menschen scheinen wechselnd Angst vor Gewalttätern in U-Bahnen, vor Flugzeugabstürzen oder Einbrechern zu haben. Wie kommt es dazu?

Ortwin Renn: All diese Beispiele haben eines gemeinsam: Die Ereignisse erwecken den Eindruck, es handele sich um ein Massenphänomen. Ein Auslöser dafür, dass sich die Angst vieler Menschen auf ein Thema fokussiert, sind sicherlich die Medien. Sie spielen Einzelereignisse hoch, malen sie in allen Einzelheiten aus, sodass sie besonders plastisch wirken.  Gerade, weil sie emotional ansprechen, sind sie auch beliebte Themen für Alltagsgespräche: Man spricht anschließend mit Freunden und Bekannten darüber und schon hat man den Eindruck, dass solche Ereignisse allgegenwärtig sind. Das sind sie aber nur in der Kommunikation. Auffallend ist dabei: Die wenigsten derjenigen, die solche Ängste verspüren, haben jemals ein Opfer gesehen oder einen Angriff beobachtet. Man erfährt davon über Dritte. Das hinterlässt vor allem dann besonders Eindruck, wenn man sich in der eigenen Phantasie lebhaft vorstellen kann, betroffen zu sein.

ZEIT ONLINE: Also ist die Furcht größer, je mehr man sich mit Opfern, von denen berichtet wird, identifizieren kann?

Renn: Genau. Entsprechend bergen Messerattacken ein besonderes Angstpotenzial. Bei Vorfällen in der U-Bahn, dem Anschlag auf einem Weihnachtsmarkt oder eben einem willkürlichen Angriff mit einem Messer wird jedem deutlich: Das könnte jeden treffen, auch mich. Durch dieses Gefühl der Nähe, durch den Bezug zum Alltäglichen kann allein die Vorstellung, dass einem etwas Ähnliches geschehen könnte, Menschen in viel stärkere Angst versetzen, als wenn sie von Vorfällen hören, bei denen die Opfer zu einer Gruppe zählen, zu der man selbst sich nicht zuordnet. Etwa ein Bandenkrieg zwischen rivalisierenden Gruppen oder auch eine Beziehungstat, über die etwas in der Zeitung steht und man denkt: "Der Täter war ja nicht mein Geliebter. Also passiert mir das auch nicht."

ZEIT ONLINE: Dabei ist es statistisch viel wahrscheinlicher, Opfer einer Beziehungstat zu werden als eines Terroranschlags...

Renn: Das stimmt. Übrigens nutzen moderne Terroristen den Effekt, dass gefühlte Nähe zur Tat mehr Angst macht, gezielt aus. Zwar schockiert es viele, wenn Terroristen öffentlich einen Prominenten töten. Aber in dem Moment, in dem sich jeder Mensch sagen kann: "Ich bin nicht prominent, zum Glück wird es mich nicht treffen", schwächt sich die terrorisierende Wirkung eines Attentats auf die Bevölkerung ab. Deshalb suchen sich Täter, die eine Wirkung auf die Öffentlichkeit erzielen wollen, heutzutage eher willkürlich ihre Ziele und attackieren normale Menschen in Alltagssituationen.

Ortwin Renn ist Soziologe, Volkswirt und Nachhaltigkeitswissenschaftler. Neben zahlreichen Forschungsarbeiten veröffentlichte er 2014 das Buch "Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten". © Ortwin Renn

ZEIT ONLINE: Immer wieder heißt es, die Menschen hätten Angst vor Terror, vor Gewalt, vor Verbrechen – und jetzt angeblich vor Messerattacken. Aber ist das überhaupt wissenschaftlich belegt?

Renn: Wissenschaftliche Untersuchungen haben zunächst einmal gezeigt, dass einige Menschen eher zu Ängsten neigen als andere. Mit der Interpretation wäre ich aber vorsichtig. In der Soziobiologie vermutet man, dass es genetische Prädispositionen dafür gibt, wie ängstlich jemand von Natur aus angelegt ist. Ich bin da eher etwas skeptisch, weil diese Untersuchungen meiner Meinung nach nicht immer schlüssig sind. Unabhängig davon weiß man, dass Frauen und ältere Menschen sich häufiger fürchten – schon deshalb, weil sie verwundbarer sind. Und Menschen, die zu einer vergleichsweise konservativen Werthaltung oder politisch eher zum rechten Spektrum neigen, empfinden eher Angst als diejenigen, die sich dem linken Spektrum zuordnen lassen. Das zeigte sich vor allem in US-amerikanischen Studien – in Deutschland ist das nicht so eindeutig. Man weiß hier aber nicht, was Ursache ist und was Wirkung: Kommt die politische Einstellung dieser Leute daher, dass sie ängstlicher sind? Oder sind die politischen Argumente für sie so einsichtig, dass sie mehr Angst empfinden?

ZEIT ONLINE: Welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter?

Renn: Zu unseren normalen Wahrnehmungsprozessen gehört etwas, das wir Forscher den "Confirmation-Bias" nennen. Das ist die Neigung, vornehmlich Informationen zu speichern, die wir als die unsrigen wiedererkennen und uns in unseren Ansichten bekräftigen. Das heißt: Wenn ich sowieso schon die Befürchtung habe, dass Angriffe mit Messern zunehmen, sehe ich mich mit jeder Meldung, die ich darüber lese, mehr in diesem Eindruck bestärkt. Der "Availability-Bias" beschreibt, wie Menschen die ersten Assoziationen, die ihnen zu etwas in den Sinn kommen, überschätzen. Habe ich also am Abend zuvor einen Film gesehen und deshalb ein genaues Bild von einem bewaffneten Mann vor Augen, hat ein Bericht über eine Messerstecherei eine viel größere Kraft. Und da wir hierzulande ansonsten ja glücklicherweise von schwerwiegenden Risiken unbehelligt bleiben, bekommen diese Einzelrisiken einen besonderen Stellenwert. Wir wissen aus Studien, dass solche Ängste für Menschen stärker in den Hintergrund treten, deren Existenz täglich stärker bedroht ist, etwa weil sie im Alltag mit Überschwemmungen, Hungersnöten oder den Folgen von Krieg zu kämpfen haben.