Trotzdem könnte es Folgen haben, wenn wir die Fähigkeit, einen Laut in eine Handbewegung umzuwandeln, im Alltag nicht mehr nutzen. Wir werden schlechter darin, sagt Christian Marquardt. Die Handschrift sei außerdem eines der besten Mittel, um die Motorik, also das gezielte Ausführen von Bewegungen, zu schulen. Christian Kell erklärt: "Grundlegende feinmotorische Fähigkeiten wie das Zeigen oder Greifen entwickelt jeder." Anders sei es bei den sogenannten "skills", also dem Zeichnen oder dem Spielen eines Instruments. Diese Weiterentwicklung der motorischen Fähigkeiten müsse man lernen. Und das fordere und schule das Nervensystem. "Wenn Menschen sich motorisch nicht fordern, ist das weder gut für die Hirnentwicklung noch für die Aufrechterhaltung von Hirnleistung im Alter", sagt Kell. Christian Marquardt hält es deswegen auch für "wichtig, dass jeder Mensch sich in seinem Leben mindestens eine feinmotorische Fähigkeit aneignet." Wenn es nach ihm geht, wäre es das Schreiben.

Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass das Schreiben per Hand Kindern das Lernen erleichtern könnte. Das fängt beim Lesenlernen an: Kinder, die einen Buchstaben per Hand nachmalen, können ihn besser im Gedächtnis behalten als Kinder, die ihn auf einer Tastatur eintippen, zeigte eine Studie an 23 Kindergartenkindern (Advances in Cognitive Psychology: Kiefer et al., 2015).

Ähnlich verhält es sich beim Fakten-Lernen: In den USA ließen eine Psychologin und ein Psychologe eine Gruppe von 67 Studenten der Princeton University an einer Vorlesung teilnehmen. Die Studentinnen und Studenten durften entweder Notizen mit dem Laptop oder per Hand machen, anschließend wurden die Teilnehmenden getestet. Das Ergebnis: Die, die per Hand geschrieben hatten, schnitten signifikant besser ab. Die Forscher führten das darauf zurück, dass sie das Gehörte bereits stärker verarbeitet und gedeutet hatten als ihre tippenden Kommilitonen (Psychological Science: Müller & Oppenheimer, 2014). "Wenn wir per Hand mitschreiben, hören wir bewusster zu", sagt auch Marquardt. Die Verbindung von Inhalt und Bewegung hinterlässt eine Art Erinnerungsspur. Trotzdem müsse man aufpassen, nicht zu sehr zu verallgemeinern, sagt Kell: Manche Menschen lernten besser durch Hören, Aufsagen oder Lesen. "Lernen ist etwas sehr Individuelles", sagt Kell.

Die Handschrift wird nur überleben, wenn sich in den Schulen etwas ändert

Wie aber wollen Forscher wie Christian Marquardt, die die Handschrift wegen all dieser positiven Effekte erhalten möchten, das anstellen? "Im Unterricht muss sich etwas ändern", sagt er. "Es wäre viel effektiver, den Kindern direkt zu ermöglichen, ihre eigene Handschrift auszubilden." In der Schweiz wird das momentan ausprobiert – und es funktioniere gut, sagt Marquardt. Die Kinder lernen eine Grundschrift, die der Druckschrift ähnelt, und dürfen selbst entscheiden, welche Buchstaben sie verbinden und welche nicht. Unterstützt werden sie dabei von den Lehrern. Auch in einigen anderen Ländern setzt sich diese Herangehensweise durch. In Finnland lernen Kinder seit 2016 diese Grundschrift, während gleichzeitig das Tippen auf der Tastatur unterrichtet wird. In Hamburg steht es Lehrern seit 2011 frei, ob sie Schreibschrift oder Grundschrift unterrichten.

"Früher wurde die ordentliche Handschrift als Erziehungsmittel eingesetzt, das ist heute nicht mehr ihr Zweck", sagt Marquardt. Das müsse auch in den Schulen ankommen, Lehrer müssten kindgerechtere Wege finden, ihren Schülern das Schreiben beizubringen. Dazu zähle auch, die Digitalisierung nicht zu verteufeln, sondern beide Bereiche zu verbinden. Etwa durch Stifte, die das Geschriebene direkt digitalisieren oder durch Tablets. Marquardt arbeitet auch an Computerprogrammen, die mithilfe von Tablets die Schreibfähigkeiten von Schülern analysieren. Die Software erfasst den individuellen Bewegungsablauf des Schreibenden und schlägt gezielt Übungen für die jeweiligen Probleme des Kindes vor.

Wer die Handschrift rettet, helfe Kindern also nicht nur, sich Wissen besser einzuprägen und sich motorisch gut zu entwickeln, glaubt Christian Kell, er rettet auch den persönlichen Ausdruck, der in der Schrift stecken kann. Denn in den kurzen Strichen, weiten Bögen und engen Windungen einer Handschrift erkennt man den Schreibenden wieder.