Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Zuletzt beschrieb unser Gastautor Matthias Stepan die veränderten Machtstrukturen der Kommunistischen Partei

Die Chinesische Mauer ist zwar nicht wirklich mit bloßem Auge vom Weltraum aus zu sehen. Doch das schiere Ausmaß dieses Projekts erstaunt bis heute: Sie ist mehr als 20.000 Kilometer lang und besteht aus einer Milliarde Kubikmeter Gestein, Mörtel und Lehm. Ihre Bauherren dachten schon vor Jahrhunderten in gewaltigen Dimensionen. Eine Haltung, die sich die heutigen Herrscher des Landes bewahrt haben. Sie schrecken inzwischen nicht einmal vor Vorhaben zurück, die in voller Absicht globale Auswirkungen haben.

Das Fachwort dafür, mit biochemischen oder anderen Technologien in den Klimahaushalt der Erde einzugreifen, lautet Geoengineering – es ist das aktuelle In-Wort unter den Technokraten an Chinas Spitze. Auf unterschiedlichste Art soll dabei dem Klimawandel begegnet und die Erderwärmung verlangsamt werden. Einige der ambitionierten Ziele: in Wüsten Regen machen, erodierte Berge bewalden oder die Weltmeere reinigen.

Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in China warnen davor, diese Vorhaben gleich als schädlichen Wahnsinn abzutun. "Die Frage nach dem Schaden und Nutzen sollte nicht pauschal gestellt werden", sagt Shi Jun, Leiter des Instituts für Klimawandel und -politik der Universität Nanjing, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Es kommt letztlich darauf an, dem Menschen zu nützen." Shi ist Autor eines Buches über ethische Fragen des Geoengineerings. Die Auswirkungen der Projekte seien allerdings fast unmöglich vorherzusagen – sie finden in der Geschichte erstmals in dieser Größenordnung statt.

Regen machen mit Silberiodid

Schon bald wird Shi allerdings jede Menge Daten bekommen, die er zur Abschätzung der Folgen des Geoengineerings auswerten kann. Denn mehrere Großprojekte laufen bereits an. Auf der Tibetischen Hochebene entsteht zum Beispiel ein Netz aus Öfen, die aus Schornsteinen Silberiodid ausstoßen sollen. Das Ziel: Regen zu erzeugen. Die Substanz soll mit dem Aufwind an Berghängen in die Wolken aufsteigen und diese zum Abregnen bringen. Die Luft hat sich zuvor über dem Südchinesischen Meer und dem Golf von Bengalen mit Wasser vollgesogen, das nun gezielt über Tibet herunterkommen soll.

Die Ingenieure rechnen mit zusätzlichem Regen mit einem Volumen von zehn Milliarden Kubikmetern im Jahr, berichtet die Zeitung South China Morning Post. Das wären – wenn es mit dem künstlich erzeugten Niederschlag klappt, wie geplant – rund sieben Prozent der gesamten chinesischen Wassernutzung. Und das hätte einige Vorteile für China. Wenn die Flüsse, die in Tibet entspringen, nämlich mehr Wasser führen, füllen sich die Talsperren, was die Erzeugung von Hydroenergie begünstigt. Außerdem kann es zur Bewässerung in der Landwirtschaft genutzt werden. Das Regenmachernetz soll eine dreimal größere Fläche haben als Spanien, berichtet die Zeitung.

Durch einen 1.000 Kilometer langen Tunnel, der noch gebaut werden muss, soll das zusätzliche Wasser in die Wüsten der Provinz Xinjiang fließen und die staubtrockene Region zu einem grünen Paradies machen. Einen ähnlichen Tunnel gibt es bereits unter New York, er ist mit 137 Kilometern bisher der längste der Welt und verteilt Frischwasser unter der US-Metropole. China wird den bisherigen Rekord also mal eben um den Faktor sieben übertreffen. Der Bau eines vergleichbaren 600 Kilometer langen Wassertunnels in der Provinz Yunnan als "Generalprobe" für das Tibetprojekt soll schon begonnen haben, berichten Medien.

Die chinesische Regierung lässt bereits 45 Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr aus dem nassen Süden in den trockenen Norden des Landes umleiten. Um die nötigen Kanäle zu bauen, hat sie 400.000 Menschen umsiedeln lassen. "Wir danken diesen Bürgern für ihr Opfer und wünschen ihnen ein schönes Leben in ihren neuen Häusern", sagte Präsident Xi Jinping vor vier Jahren in seiner Neujahrsbotschaft. Ob die Menschen, von denen viele sicher nicht gerade freiwillig ihre Heimat verließen, sich eingelebt haben, ist die eine Frage. Die andere ist, wie die Natur den Eingriff verkraftet.

Stellenweise fließt das Wasser durch Tunnel unter großen Flüssen her – oder quer durch Gebirgszüge. In Städten verläuft der Riesenkanal auch schon mal über Brücken. Das Projekt hat bereits umgerechnet rund 70 Milliarden Euro gekostet, erreicht aber erst im kommenden Jahr seine letzte Ausbaustufe. Schon jetzt ist schlechtere Wasserqualität am Fluss Yangzi die Folge, außerdem häufen sich Berichte über Artensterben und Wetterveränderungen.

China neigt auch sonst zu Projekten von gigantischen Dimensionen. Selbst wenn es sich dabei nicht im strengen Sinne um Geoengineering handelt, gestalten diese Großvorhaben doch die Erdoberfläche in erheblichem Maße um. Mehrere Städte, die an Hängen lagen, haben ihre Berge im Laufe der Zeit komplett abgetragen, um Platz zu schaffen. Nach der Logik der Planer entsteht dabei besser nutzbare Baufläche. Beispiele sind die Großstädte Lanzhou in der westchinesischen Provinz Gansu oder Shiyan in der Provinz Hubei (Nature: Li, Quiang et al, 2014).