Mein Mann ist 22 Jahre älter als ich. Das war nie ein Problem, denn für sein Alter war er immer sehr fit. Wir haben viel Sport zusammen gemacht. Dann hatte er plötzlich einen sehr schweren Schlaganfall und sein Leben stand tagelang auf der Kippe. Seither ist er halbseitig gelähmt und auf fremde Hilfe angewiesen.

Für mich war von Anfang an klar, dass ich ihn bei uns zu Hause pflegen würde. Dabei hatte ich den Vorteil, dass ich im Krankenhaus arbeite und dort gut vernetzt bin. Ich sprach mit den Kolleginnen und Kollegen vom Sozialdienst und ließ mich beraten. Sie haben mich in einen Pflegekurs für Angehörige gesteckt. Dort habe ich ersten Input bekommen. Der Sozialdienst in der Reha, die mein Mann durchlaufen hat, hat mich dagegen kaum unterstützt. Die einzige Frage, die sie mir gestellt haben, war: "Sollen wir für Ihren Mann erst mal eine Kurzzeitpflege im Pflegeheim organisieren, oder möchten Sie ihn direkt dauerhaft ins Pflegeheim schicken?" Da habe ich erst mal geschluckt und gesagt, dass ich vorbereitet bin und es selbst schaffe.

Die Reha ist dann leider nicht gut gelaufen. Dort hat sich mein Mann einen multiresistenten Keim eingefangen und ist richtig krank geworden. Er musste sieben Wochen im Isolierzimmer liegen und konnte deshalb nicht richtig therapiert werden. Die Reha sollte verlängert werden, weil die Ärzte in der Klinik noch Verbesserungspotenzial gesehen haben. Die Verlängerung wurde von der Krankenkasse dann aber abgelehnt, weil mein Mann nicht genügend Fortschritte machte. Wie denn auch auf dem Isolierzimmer? Wir haben dann mit der Klinik noch Einspruch bei der Kasse eingelegt, aber genützt hat es nichts.

Ich hatte große Angst, etwas falsch zu machen.
Susanne A., Ehefrau eines Schlaganfallpatienten

Ich bekam erst vier Tage vorher Bescheid, dass er entlassen wird. Trotzdem hatte ich am Ende alles zusammen, was wir brauchten: einen Toilettenstuhl, einen Lifter für die Badewanne, einen Pflegebetteinsatz (für das Ehebett) und so weiter. Ich hatte mich in der Klinik informiert, was ich alles benötigen werde, bezahlt hat es die Krankenkasse. Auf Anraten meiner Hausärztin hatten wir zu Beginn auch einen Pflegedienst da. Der kam zweimal die Woche und half mir zum Beispiel dabei, meinen Mann in die Wanne zu setzen. Gerade dabei hatte ich am Anfang große Angst, etwas falsch zu machen.

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Für mich stellte sich schnell heraus: So ein Pflegedienst ist ein ganz massiver Eingriff in die Privatsphäre. Dass da auf einmal jemand kommt, um meinen Mann zu waschen und ihn anzuziehen … Als die Pflegerin meinen Mann dann einmal fallen lassen hat, habe ich mit ihm zusammen überlegt, dass ich den Pflegedienst eigentlich nicht brauche und das selbst besser schaffe. Das hat uns ein Stück Normalität zurückgegeben.

Trotzdem hat sich unser Alltag seit dem Schlaganfall um 180 Grad gewendet. Die reinen Pflegetätigkeiten sind dabei nicht das Problem. Ich hatte von Anfang an keine Berührungsängste, und auch mein Mann hat da sehr gut mitgemacht. Was für mich besonders schwierig ist, ist die fehlende Kommunikation. Durch den Schlaganfall kann mein Mann nur noch sehr schlecht sprechen. Er hat keine Aphasie, die Sprache ist also nicht aus dem Gedächtnis gelöscht, aber durch die halbseitige Lähmung hat er eine motorische Sprachstörung. Er kann seine Zunge und die Gesichtsmuskeln nicht mehr richtig bewegen. Er spricht deshalb sehr langsam. Oft verstehe ich ihn nicht. Deshalb gleichen unsere Unterhaltungen häufig einem Monolog. Ich rede und er nickt. Das ist für uns beide manchmal frustrierend.

Es wird nicht mehr besser. Und das ist auch okay so.

Ich hatte am Anfang auch einen sehr hohen Anspruch, was alles wieder gehen muss. Dann war ich kolossal enttäuscht, wenn etwas nicht mehr funktioniert hat. Das hat auch meinen Mann frustriert. Nach einem Schlaganfall weiß man am Anfang ja nicht, was wiederkommt. Zu Beginn konnte mein Mann beispielsweise gar nicht sprechen. In den ersten Wochen kam von der Sprache sehr viel zurück. Und er sagte: In ein paar Wochen kann ich wieder laufen. Doch irgendwann stockte dieser Prozess und es wurde nicht mehr besser. Mittlerweile ist es eher so, dass er wieder abbaut. Am Anfang haben wir alle gesagt: Ach, der kommt schnell wieder auf die Füße. Dass das nicht passiert, haben wir alle erst langsam akzeptiert. Ich musste Stück für Stück Abschied von unserem alten Leben nehmen. Ich bin noch heute dabei. Ich habe bestimmt ein Jahr gebraucht, um mich von bestimmten Vorstellungen zu trennen und zu verstehen: Es wird nicht mehr besser. Und das ist auch okay so.

Hinzu kommt, dass es für einen Menschen unheimlich schwierig ist, plötzlich von einem anderen abhängig zu sein. Für einen Mann vielleicht noch mehr. Man muss da einen gewissen professionellen Abstand wahren. Von beiden Seiten. Wir haben nie groß drüber geredet, das war irgendwie immer klar. Für mich selbst habe ich herausgefunden, dass es mir hilft, für gewisse Sachen Einmalhandschuhe anzuziehen. Wenn ich die ausziehe, dann ist der Pflegepart für mich abgeschlossen und ich kann wieder eine Ehefrau sein. Das funktioniert aber nur, wenn da von beiden Seiten was kommt. Ich höre auch von anderen Fällen, in denen der Pflegebedürftige ungeduldig und ungerecht wird. Das ist bei meinem Mann nicht so.