Die Psychologieprofessorin Jule Specht untersucht, wie sich die Persönlichkeit von Menschen im Laufe ihres Lebens verändert. Am 15. Mai erscheint ihr neues Buch "Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern" im Rowohlt-Verlag. Wir haben mit der Autorin darüber gesprochen, wie wandelbar unsere Persönlichkeit ist.

ZEIT ONLINE: Frau Specht, die meisten Menschen hoffen, dass sie im Alter weise werden. Wie muss sich die Persönlichkeit dafür entwickeln und wie stehen die Chancen auf Weisheit?

Jule Specht: Weisheit erreichen tatsächlich nur sehr wenige Menschen. Das liegt daran, dass es für Weisheit zum einen Lebenserfahrung bedarf, die wir häufig erst im höheren Alter haben. Und gleichzeitig eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen, die wir häufiger im jungen Erwachsenenalter finden. Unter anderem wegen dieser gegenläufigen Entwicklung ist Weisheit eher selten. Was wir jedoch herausgefunden haben, ist, dass sich die Persönlichkeit im Alter genauso stark verändern kann wie in den Teenagerjahren. Die meisten Menschen nehmen intuitiv an, dass ihre Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stabiler wird. Aber das ist eine Illusion. Die Persönlichkeitsentwicklung ist niemals fertig.

ZEIT ONLINE: Ist das eine gute Nachricht?

Specht: Wenn ich Vorträge halte und berichte, dass sich die Persönlichkeit auch mit 70 Jahren noch verändern kann, habe ich den Eindruck, dass diese Erkenntnis die Leute erleichtert. Sie sagen dann: "Hach, dann kann ich mich ja noch verbessern!" Das stimmt. Es sind aber natürlich auch Veränderungen zum Negativen, weniger Angepassten möglich.

ZEIT ONLINE: Und wie stark kann diese Wandlung sein? Kann aus einem braven, angepassten Menschen am Ende des Lebens noch ein Draufgänger werden?

Specht: Ja, in Einzelfällen ist das möglich. In einer Studie haben wir gezeigt, dass sich etwa jeder Fünfte nach dem 60. Geburtstag noch einmal stark verändert (Journal of Personality and Social Psychology: Specht, Egloff et al, 2011) . Typischer sind aber kleinere Veränderungen. Mit zunehmendem Alter werden viele verträglicher, das heißt, sie streiten sich weniger, sind nachsichtiger und hilfsbereiter. Die Offenheit nimmt dagegen im Durchschnitt eher ab. Gerade im höheren Alter sind Persönlichkeitsveränderungen jedoch sehr individuell.

Jule Specht ist Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Anfang 30 gehört sie zu Deutschlands jüngsten Professorinnen. Im Jahr 2014 bekam sie den Berliner Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftler. Über Psychologie schreibt sie auch auf ihrem [persönlichen Blog](http://jule-schreibt.de). © Jens Gyarmaty

ZEIT ONLINE: Bisher galt in der Psychologie die Annahme, dass die Persönlichkeit mit etwa 30 Jahren fertig entwickelt ist. Eine Theorie, die auf die Persönlichkeitspsychologen Paul Costa und Robert McCrae zurückgeht.

Specht: Ja, ich war deshalb selber über unsere Ergebnisse überrascht. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich: "Wahnsinn, was sich da im hohen Alter noch alles tut!" Wir haben anfangs mit den Daten des Sozio-oekonomischen Panels gearbeitet. Für diese Längsschnittstudie werden seit 1984 in Deutschland jedes Jahr dieselben Menschen ab 16 Jahren befragt, derzeit sind das etwa 30.000 Personen. Seit 2005 werden auch Daten zur Persönlichkeit erhoben. Mittlerweile wissen wir, dass sich ähnliche Ergebnisse mit anderen Daten aus anderen Ländern und anderen Analysemethoden bestätigen.

ZEIT ONLINE: Und warum haben andere Forscher diese Veränderungen im Alter bisher übersehen?

Specht: Bisher fehlten Daten in diesem Umfang. Psychologische Studien werden oft an jüngeren Menschen durchgeführt, zum Beispiel Studierenden, an die wir auf dem Campus leicht herankommen. Und auch mit Onlineumfragen kommt man nicht so gut an ältere Menschen heran. Vielleicht hatten viele Forscher auch die Grundannahme verinnerlicht, dass sich die Persönlichkeit jenseits der 50 nicht mehr großartig verändert.

ZEIT ONLINE: Was prägt denn die Persönlichkeit? Sind es die Gene oder die Erfahrungen, die wir im Leben machen?

Specht: Wir gehen davon aus, dass ungefähr 30 bis 50 Prozent der Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen genetisch bedingt sind. Im Laufe des Lebens lässt sich aber gar nicht mehr so genau unterscheiden, ob Gene oder Umwelt die Persönlichkeit eines Menschen geformt haben. Das liegt daran, dass wir häufig Situationen aufsuchen, die unserer Persönlichkeit entsprechen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Specht: Personen, die offen sind, gehen zum Beispiel eher ins Ausland. Die Erfahrungen, die sie dort sammeln, machen sie nicht nur verträglicher und emotional stabiler, sondern lassen ihre Offenheit noch einmal wachsen. Das führt wiederum dazu, dass sie sich auf weitere neue Herausforderungen einlassen. So lässt sich dann nicht mehr genau sagen, ob sie wegen ihrer Gene so offen sind. Oder durch all die neuen Erfahrungen, die sie mittlerweile gemacht haben.