Es ist eine stille Revolution. Und sie geschieht kilometerweit über unseren Köpfen. Unsere Erde, sie wird schon lange umschwirrt von Satelliten, die unaufhörlich Daten sammeln, speichern und versenden. Klar, das wissen wir. Aber ist allen auch bewusst, wie rasant die Zahl dieser Späher, Vermesser und überirdischen Datentracker gerade zunimmt? Und was die neue Ära der digitalen Erdbeobachtung für die Privatsphäre der Erdlinge bedeutet?

Mehr als 1.700 Satelliten umrunden schon heute den Globus. 2010 waren es noch 900. Erst vor knapp zwei Monaten erhielt Elon Musk – SpaceX-Gründer, Tesla-Chef und Pionier der privaten Raumfahrt – von der amerikanischen Kommunikationsbehörde FCC die Erlaubnis, fast 4.500 Satelliten zu starten. In zehn Jahren könnten bereits mehr als 10.000 Satelliten die Erde umkreisen.

Auffällig ist, wo sich die neuen Satelliten tummeln: in den erdnahen Orbits, kreisförmigen Autobahnen für Satelliten in 100 bis etwa 2.000 Kilometern Höhe. Allein dort fliegen mehr als 1.000 Satelliten umher – und ein Großteil von ihnen hat die Erde im Visier. Wer sich schon vor Google-Street-View grauste, liest nun besser nicht weiter.

Die Satellitendaten, für ein paar Euro zu haben, lassen die letzten Zufluchtsorte der unbeobachteten Privatsphäre verschwinden. Die neue Satelliten-Ära bringt etwas mit sich, was die Raumfahrt bisher nicht kannte: Satellitenschwärme, die die Erde fast in Echtzeit abbilden. Sie nehmen in rascher Folge den gleichen Punkt der Erdoberfläche auf. Damit bilden sie auch kurzfristige Änderungen ab: klimatische, geographische, biologische – und wirtschaftliche. Das war mit den bisherigen, häufig staatlich betriebenen Forschungssatelliten nicht möglich.

"Wenn ein Satellit erst vier Tage später wieder an die gleiche Stelle kommt, hat er womöglich wichtige Ereignisse verpasst", sagt Agnieszka Lukaszczyk. "Unsere Satelliten nehmen auch die täglichen Änderungen wahr." Lukaszczyk ist für die Europastrategie der Firma Planet zuständig. Das erst siebeneinhalb Jahre alte Raumfahrtunternehmen betreibt mit mehr als 200 Erdbeobachtungssatelliten die größte private Satellitenflotte der Welt. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht umrunden ihre Späher die Erde, während sich diese unter ihnen dreht.

Erst intelligente Software macht die Daten nützlich

Ihre entscheidende Durchschlagskraft erhält die Erdbeobachtung durch die stark gewachsene Rechenkraft von Computern in Verbindung mit intelligenter Auswertungssoftware. Sinnvolle Informationen aus der Flut der Terabytes herauszufiltern, ist teuer und aufwendig. Deshalb spielen besonders die automatische Bilderkennung und -auswertung eine immer größere Rolle. Erst mit ihrer Hilfe können digitale Analyseunternehmen wie SpaceKnow aus den Daten hochspezialisierte Produkte entwickeln. Die Firma aus San Francisco hat unter anderem den China Satellite Manufacturing Index für den Informationsdienstleister Bloomberg geschaffen, um Ungenauigkeiten in chinesischen Regierungsstatistiken zu umgehen. Dabei wertet eine Software die Fortschritte von im Bau befindlichen Straßen und Gebäuden aus und beurteilt so den wirtschaftlichen Zustand des Landes.

Die Zahl derartiger Anwendungen wächst stetig. Manche Auswertungsprogramme finden und zählen nicht nur Öltanks, sie ermitteln auch ihren Füllstand, indem sie den Schattenwurf der absinkenden Tankdächer messen. Daraus ermitteln sie, wie groß die Ölreserven der Staaten sind, in denen sie stehen. Andere Programme zählen die Zahl von Containern in Häfen und die Zahl der Autos auf Parkplätzen, um auszurechnen, wie viel Umsatz Umschlagsunternehmen und Supermärkte wohl machen.

Künstliche Intelligenz wird die Daten der Erdbeobachtung schon bald nicht nur schneller, sondern auch besser auswerten, als der Mensch es je könnte. Die Daten werden auf allen Kontinenten in allen Ländern erfasst. Egal, ob die Besitzer der fotografierten Objekte das wollen oder nicht.