In ihrer engen Raumkapsel bekamen die drei nichts mehr mit von dem Riesenspektakel, das um sie herum tobte. Nichts von der fauchenden und zischenden Sojus-Rakete unter ihnen, die wie ein ungeduldiges Rennpferd auf den Start zu warten schien. Nichts von den 35 Grad Celsius in der kasachischen Steppe, in die Freunde, Fans, Berichterstatter gekommen waren und in der sie stundenlang erbarmungslos schwitzten. Nichts von dem milchigen Himmel, in den die Rakete abhob – angetrieben von 26 Millionen PS.  

Alexander Gerst und seine Crew waren voll konzentriert auf ihre Reise zur Internationalen Raumstation ISS und die sechs Monate, die sie dort verbringen werden. Ab Freitag werden sie dort leben, arbeiten und forschen.

Doch so gut der Start für die Besatzung der Horizons-Mission lief, so schlecht ist es um die russische Raumfahrt bestellt: Baikonur, der erste Raketenbahnhof der Raumfahrtgeschichte, soll durch ein neues Kosmodrom ersetzt werden. Die Sojus-Kapsel, derzeit das einzige Raumfahrzeug für Astronautentransporte zur ISS, bekommt amerikanische Konkurrenz. Und die Beziehungen zwischen Russland und seinen internationalen Partner sind so angespannt wie selten zuvor. All das hat Folgen: "In der russischen Raumfahrt geht die Angst um, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen", sagt Hansjörg Dittus, Raumfahrtvorstand beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

In Baikonur weiß man das im Alltag zu kaschieren. Einen wichtigen Anteil daran haben die jahrzehntealten Traditionen, die jeden Start vertraut erscheinen lassen; es wechseln lediglich die handelnden Personen. Wie üblich hat auch Gerst gemeinsam mit seinem russischen Sojus-Kommandanten Sergej Prokopjew und der US-Astronautin Serena Auñón-Chancellor am Abend vor dem Start Die weiße Sonne der Wüste geschaut – einen Klassiker des Sowjetkinos, der seit den 1970er-Jahren auf dem Unterhaltungsprogramm jeder Crew steht. Wie üblich hat er auf der Tür seines Zimmers im Kosmonautenhotel unterschrieben, in dem er die vergangenen Wochen verbracht hat – auch wenn die Unterkunft gerade renoviert wird und daher eine andere Tür zum Unterschreiben gefunden werden musste. Und wie üblich ist er zum Song Gras vor dem Haus der russischen Rockband Semljane ("Die Erdbewohner") zu seinem Bus Richtung Startplatz gegangen – begleitet von lautem Jubel und unzähligen in die Höhe gereckten Smartphones.

"Gar keine Zeit, um sich Sorgen zu machen oder nervös zu werden"

Die Traditionen sollen die Nerven der Astronauten beruhigen. "Durch die vielen Zeremonien und die vielen kleinen Schritte haben die Raumfahrer immer etwas tun und etwas zu sehen", sagt Frank De Winne, Leiter des Europäischen Astronautenzentrums in Köln. "So bleibt gar keine Zeit, nervös zu werden."

Die russischen Raumfahrtmanager hingegen haben allen Grund zur Sorge. Noch überweist die US-Raumfahrtbehörde Nasa zwischen 70 und 80 Millionen Dollar für jeden westlichen Astronauten, der mit einer russischen Sojus zur ISS fliegt. Die Amerikaner sind zu solchen Flügen nicht mehr in der Lage, seit sie im Juli 2011 ihre Space-Shuttle-Flotte eingemottet haben. Das allerdings soll sich ändern. Sowohl Boeing als auch das private Raumfahrtunternehmen SpaceX entwickeln derzeit Kapseln für amerikanische Astronautenflüge. Beide Projekte liegen zwar weit hinter ihrem Zeitplan, 2020 könnten sie aber endlich einsatzbereit sein.

Und dann? Zumindest zwei statt vier Sojus-Starts pro Jahr wären noch immer denkbar, meint Frank De Winne, vielleicht sogar mit europäischen Astronauten. Doch nicht einmal dafür sind die Verträge bislang unterzeichnet.

Dabei ist die Sojus der ganze Stolz der russischen Raumfahrt – und aus dem Stadtbild von Baikonur ebenso wenig wegzudenken wie all die Raketen, die in Schaufenstern, auf Plakaten und als Denkmäler die Stadt schmücken. Immer wieder wurde die robuste Kapsel, deren Design aus den 1960er-Jahren stammt, technisch weiterentwickelt. Waren zu Beginn drei Männer oder Frauen nötig, um das Raumschiff unter Kontrolle zu halten, kann die Kapsel heute alleine geflogen werden. Als Co-Pilot, auf dessen Sitz sich Alexander Gerst knapp drei Stunden vor dem Start als Erster zwängte, musste der Deutsche zum Beispiel lernen, die Kapsel in Eigenregie zurück zur Erde zu fliegen. Künftig, spekuliert Frank De Winne, könnten die Russen ihre Sojus sogar ganz ohne Crew zur ISS schicken, um von dort wissenschaftliche Experimente zurück zur Erde zu bringen. Die stolze Sojus degradiert zu einem Frachter? Das tut weh in der russischen Raumfahrtseele.

Wenig Hightech, dafür viele Ruinen

Die Kasachen selbst haben ganz andere Sorgen. 1957 startete von Baikonur Sputnik, der erste Satellit; es war der Beginn des Raumfahrtzeitalters. Im April 1961 folgte mit Juri Gagarin der erste Mensch. Die Startrampe, auf der Gerst heute in seine Sojus geklettert ist, steht noch immer am gleichen Platz wie zu Gagarins Zeiten. Doch vielerorts bröckelt es. Wer über die holprigen Straßen des riesigen Kosmodroms fährt, sieht sehr viel Steppe, mitunter ein Kamel oder eine Kuh, Antennen und Radaranlagen, aber selten ein neues Gebäude. Dafür viele Ruinen. Russland, das Stadt und Startplatz für jährlich 115 Millionen Dollar von Kasachstan pachtet, hat längst das Interesse an Baikonur verloren: Zu teuer und zu nervenaufreibend sind die Abhängigkeit von Kasachstan und die ständigen politischen Reibereien. In Wostotschny, an der Grenze zu China, haben die Russen daher ein neues Kosmodrom gebaut. Von dort soll auch die Sojus-Nachfolgerin, eine Raumkapsel namens Federazija, starten. Zum Glück für Baikonur kommt deren Entwicklung – wie bei Boeing und SpaceX – allerdings nicht so recht voran. Der Erststart wird derzeit für 2024 angepeilt.

Die politische Lage sorgt für zusätzlichen Ärger. Bei der traditionellen Pressekonferenz am Vorabend des Starts, kurz vor der Weißen Sonne der Wüste, lobte Gerst noch die internationale Kooperation, die Freundschaft zwischen einem Russen, einer Amerikanerin und einem Deutschen, die Frieden stiftende Wirkung der Raumstation – so wie er es bei fast jeder Gelegenheit tut. Hinter den Kulissen sieht es anders aus. Gerade erst hat Russlands Staatschef Putin seinen Vertrauten Dimitri Rogosin zum Chef der Raumfahrtorganisation Roskosmos gemacht – einen antiwestlichen Hardliner, der den Amerikanern in der Vergangenheit schon mal nahegelegt hat, entweder mit den Russen oder "mit dem Trampolin" zur ISS zu starten.

Wir müssen uns neu zusammenfinden und sehen, wie wir miteinander auskommen.
Johann-Dietrich Wörner, Esa-Chef

"Jeder macht sich Sorgen, dass das Verhältnis schlechter werden könnte", sagt DLR-Vorstandsmitglied Dittus. Johann-Dietrich Wörner, Chef der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, formuliert es etwas diplomatischer: "Wir müssen uns neu zusammenfinden und sehen, wie wir miteinander auskommen." Parallel zum Start stehen in Baikonur daher auch atmosphärisch wichtige Gespräche mit Rogosin an. Deutschland, als einer der wichtigen Partner Russlands, hat dafür lediglich 15 Minuten eingeräumt bekommen. Kein gutes Zeichen.

Gerst, Prokopjew und Auñón-Chancellor, die internationale Wohngemeinschaft auf Zeit, werden in den nächsten Monaten weit weg sein von all dem – zu ihrem Glück. Zwei Tage dauert die Reise zur ISS, eingesperrt im kugelförmigen Wohnmodul der Sojus, ohne Toilette und nur mit kaltem Essen aus der Dose. Am Freitag, um 16.50 Uhr deutscher Zeit, soll sich dann – nach erfolgreichem Andocken – die Luke zur Raumstation öffnen. "Die Freunde dort in den Arm nehmen" werde zu seinen ersten Amtshandlungen gehören, sagte Gerst kurz vor dem Start.

185 Tage später, am 10. Dezember, soll es dann zurück zur Erde gehen. Gerst wird wieder in seinen Sitz klettern. Die altgediente Sojus wird wieder ihre Arbeit tun. Und die kasachische Steppe – dann wahrscheinlich eiskalt – wird den Deutschen knapp 1.000 Kilometer von Baikonur entfernt in Empfang nehmen. Auch dann wird – zumindest auf den ersten Blick – wieder alles sein wie immer.

Offenlegung: Die Recherche in Baikonur wurde ermöglicht durch eine Einladung der Europäischen Raumfahrtagentur Esa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, die teilweise die Reisekosten übernommen haben.