In der Psychologie gibt es wenige Experimente, die derart bekannt und charmant sind wie der Marshmallow-Test: Ein Vorschulkind sitzt in einem Raum, vor ihm auf dem Tisch ein Marshmallow. Ein zweites Stück Schaumzucker in Sichtweite. Der Raum ist reizarm, es gibt keinen Fernseher, keine Bücher – und so bleibt das Kind mit sich und der Süßigkeit allein. Seine Aufgabe: ausharren. Denn wer so lange warten kann, bis die Leiterin oder der Leiter des Experiments zurückkommt, darf es beide Marshmallows essen. Wer das nicht schafft und zubeißt, bekommt nicht mehr als diesen einen. So weit, so einfach.

Seit Jahrzehnten wird dem Experiment eine immense Vorhersagekraft zugeschrieben: Jene Kinder, welche sich unter Kontrolle haben, scheinen gewappneter für das Leben, sagt man. Sie könnten später besser mit Kritik und Frustration umgehen, hätten einen besseres Selbstwertgefühl, führten stabilere Beziehungen und würden bessere Bildungsabschlüsse erreichen. Wer sich im Angesicht eines saftigen Marshmallows schon als Kind unter Kontrolle hat – der leide später sogar seltener an einer Borderline-Störung und habe ein geringeres Risiko, drogenabhängig zu werden, anders als die Ungeduldigen. Die Ergebnisse des Experiments, das in den Sechzigerjahren in einer Kita der Stanford-Universität in Kalifornien erstmals durchgeführt wurde, verhalf dessen Erfinder Walter Mischel zu Weltrum: Er wurde zu einem der bekanntesten Psychologen des 20. Jahrhunderts.

Ist Bildung wichtiger als Selbstkontrolle?

Jetzt aber soll das alles falsch, die Studie Unsinn sein. Vergangene Woche veröffentlichte die Fachzeitschrift Psychological Science eine neue Studie, die die damals als sensationell gehandelten Erkenntnisse in Zweifel zieht (Watts et al., 2018). US-amerikanische Bildungsforscher hatten dazu die Marshmallow-Studie in leicht abgewandelter Form wiederholt und nicht bestätigen können, was Mischel herausgefunden haben wollte. Das Hauptproblem: Die Bildungsherkunft der Kinder wurde damals nicht berücksichtigt. War das Experiment also letztlich doch zu einfach, um etwas über die Zukunft eines Menschen aussagen zu können?

Der Marshmallow-Test misst das Vermögen, auf eine Belohnung zu warten, wenn diese mit der Zeit größer wird. Etwas, das auf Deutsch sperrig Belohnungsaufschub genannt wird. Walter Mischel und seine Kollegen argumentierten, dass diese Fähigkeit ein elementarer Teil der Selbstkontrolle sei. Selbstkontrolle ist ein psychologisches Konstrukt, das in der Geistesentwicklung eines Menschen als zentral gilt. Psychologen definieren sie als mentales Werkzeug, mit dem wir Impulse (zum Beispiel: "Ich will schlafen!") unterdrücken, um langfristigen Ziele zu erreichen ("Wenn ich jetzt in dieser Sitzung einschlafe, mache ich mich lächerlich."). Wer das regelmäßig schafft, den beschreibt Mischel als "willensstark". Und um herauszufinden, was eine solche Willensstärke schon früh im Leben für den weiteren Lebenslauf bedeutet, suchte Mischel zehn und 40 Jahre nach dem ursprünglichen Kita-Experiment die erwachsen gewordenen Vorschulkinder auf, befragte und testete sie (Developmental Psychology: Shoda et al., 1990; PNAS: Casey et al., 2011). Doch die Forschergruppe erreichte von den ursprünglich 550 Kindern später nur noch einen Bruchteil.

Wenn ihr Vierjähriges ohne zu warten nach dem Marshmallow greift, sollten Sie sich keine allzu großen Sorgen machen.
Tyler Watts, Psychologe

Genau dort setzt die Kritik der neuen Studie an (Psychological Science: Watts et al., 2018). Die Versuchsgruppe sei von Anfang an sehr selektiv gewesen, kritisieren die Forscher um Tyler Watts von der New York University. Von Kindergartenkindern meist gut ausgebildeter Eltern der Stanford-Universität auf den Rest der Welt zu schließen, sei nicht wirklich möglich. Und im Laufe der Zeit sei die Stichprobe dadurch, dass immer mehr erwachsen gewordene Kinder nicht ausfindig gemacht werden konnten oder nicht untersucht wurden, sogar noch selektiver geworden. Watts und seine Kollegen legten Mischels Studie deshalb noch einmal neu auf – diesmal mit einer deutlich diverseren Kinderschar. Verschiedene Hautfarben und Einkommensklassen waren vertreten. Auch besuchten die Psychologinnen und Psychologen die Kinder zu Hause, um sich ein Bild vom Lernumfeld zu machen. Sie prüften zum Beispiel, ob es in den Elternhäusern Bücher gab.

Genau wie Mischel untersuchte das Team anschließend, wie gut die Kinder, die mit viereinhalb Jahren den Marshmallow-Test gemacht hatten, mit 15 Jahren in verschiedenen Tests abschnitten. Ihr Ergebnis: Wie willensstark die Kinder angesichts der offerierten Süßigkeit gewesen waren, sagte nichts über ihr späteres Verhalten aus, wohl aber über ihr Abschneiden in der Schule. Ein Zusammenhang, der sich nicht mehr zeigte, wenn die Herkunft und Umgebung der Kinder in die Analysen einfloss. Das könnte bedeuten: Die Umgebung hat einen viel größeren Einfluss darauf, wie sich ein Kind entwickelt als das Abschneiden im Marshmallow-Test. Der Studienautor Tyler Watts fasste die Studie gegenüber dem britischen Guardian dann auch wie folgt zusammen: "Unsere Studie legt nahe, dass die Vorhersagekraft des Tests nicht übertrieben werden sollte. In anderen Worten: Wenn sie Vater oder Mutter eines Vierjährigen sind und der greift ohne zu warten nach dem Marshmallow, sollten Sie sich keine allzu großen Sorgen machen."