Der Verhaltensforscher und Gründer des Fachs Humanethologie, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, ist tot. Am 15. Juni wäre er 90 Jahre alt geworden. Eibl-Eibesfeldt war Schüler des Medizin-Nobelpreisträgers und Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Er erforschte über Jahrzehnte das Verhalten von Tieren und dann des Menschen. Er begründete die Humanethologie als eigene Disziplin. Bis ins hohe Alter hatte sich Eibl-Eibesfeldt, der mit seiner Frau Eleonore am Starnberger See lebte, der Forschung gewidmet.

Weit über 600 Publikationen hat Eibl-Eibesfeldt im Laufe seines Lebens veröffentlicht, darunter mehr als 20 Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden – sogar ins Koreanische. Auch wenn seine Thesen nicht immer Zustimmung fanden, gelten seine Werke als Grundlagen der Verhaltensforschung.

Der Mediziner und Humanethologe Wulf Schiefenhövel, der die Arbeit Eibl-Eibesfeldts in Seewiesen am heutigen Max-Planck-Institut für Ornithologie, weiterführt, würdigte ihn als "einen Mann, der nie mit dem Strom geschwommen ist". "Er hat tief wissenschaftlich gegraben, um zu verstehen, was wir Menschen eigentlich sind", sagte Schiefenhövel.

Zunächst widmete Eibl-Eibesfeldt sich den Tieren. Er beobachtete, wie Schildkröten sich von Grundfinken nach Zecken absuchen lassen, und er beschrieb einige solcher Symbiosen. Er entdeckte, dass Meerechsen zum Tauchen Steinchen schlucken und sich am Land per Zunge orientieren. Lange bevor Arten- und Naturschutz diskutiert wurden, sah er die Gefährdung des Galapagos-Paradieses und wandte sich an die Unesco. Diese schickte ihn auf eine Expedition und erließ im Anschluss Schutzauflagen.

Seine Dissertation schrieb der Forscher 1950 bei Konrad Lorenz zur Paarungsbiologie der Erdkröte. 1967 erschien mit Grundriss der Vergleichenden Verhaltensforschung das erste umfassende Lehrbuch der Ethologie. Eibl-Eibesfeldt wandte sich dann dem menschlichen Verhalten zu. Mit Biologie des menschlichen Verhaltens (1984) begründete er die Humanethologie. Besonders setzte er sich damit auseinander, welche Verhaltensweisen angeboren und welche kulturell bedingt sind – und kam zu einer Art Urgrammatik menschlichen Verhaltens.

Eibl-Eibesfeldt ging davon aus, dass der Mensch sich in einer angeborenen Ambivalenz zwischen prosozial freundlichem und dominant aggressivem Verhalten bewegt. Das erste sei evolutiv aus der Brutpflege entstanden, das zweite aus der Notwendigkeit der Verteidigung, etwa gegen andere Gruppen. Mit der These, die Scheu vor fremd aussehenden Menschen sei angeboren und könne bei zu viel Zuwanderung von kulturell sehr unterschiedlichen Menschen in Fremdenhass umschlagen, hatte er Kritik auf sich gezogen.

Immer wieder reiste Eibl-Eibesfeldt zu Volksgruppen, die noch leben wie ihre Vorfahren: die Yanomami in Südamerika, die Himba und Buschleute im westlichen Afrika, die Eipo und Trobriander in Neuguinea. Rund 350 Kilometer Filmmaterial brachte er mit, das inzwischen digitalisiert am Frankfurter Senckenberg-Museum vorliegt. Ein Antrag auf das Weltdokumentenerbe der Unesco Memory of the World ist nach Angaben seiner Mitarbeiter in Vorbereitung.