Wo hört die Natur auf, wo fängt Menschenwerk an? Der Europäische Gerichtshof hat hierzu gerade eine fundamentale Entscheidung getroffen: Pflanzen, die mit modernen biologischen Methoden im Labor entstanden sind, zählen zu gentechnisch veränderten Pflanzen (Aktenzeichen C528/16). Folglich müssen sie den strengen EU-Richtlinien für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) standhalten.

Die Frage, ob Crispr im juristischen Sinne Gentechnik ist oder nicht, ist also vorerst geklärt. Weiter offen hingegen ist die nicht weniger grundlegende Frage, wem das Schlüsselpatent auf Crispr gehört. Die Anwärter – kurz Team Kalifornien und Team Massachusetts genannt – kämpfen seit Jahren erbittert vor Gerichten in den USA und in Europa darum, das entscheidende Patent zugesprochen zu bekommen. Schließlich geht es nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern um Milliarden, die sich künftig mit der Methode verdienen lassen.

Mit Crispr-Cas9, kurz Crispr, ist es möglich, Erbgutabschnitte gezielt zu entfernen und auszutauschen (siehe Video unten). Das Riesenmolekül Cas9 dient dabei als Schere und transportiert die neuen DNA-Schnipsel. Zugespitzt formuliert lässt sich daher sagen: Mit Crispr kann sich der Mensch die Welt von morgen selbst schaffen.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Zwar ist Crispr ein natürlicher Prozess, der sich nach den geltenden Gesetzen weder in der EU noch in den USA patentieren lässt. Doch um aus dem ursprünglichen Mechanismus das heute vorliegende Gentechnik-Universalwerkzeug zu machen, waren mehrere zusätzliche Erfindungen nötig. Und die sind patentierbar.

Wer hat die entscheidende Entwicklung gemacht?

Die Geschichte des Streits beginnt mit einer Veröffentlichung von Emmanuelle Charpentier. Im Jahr 2011 stellt sie erste bahnbrechende Forschungsergebnisse dazu vor, wie Crispr/Cas9 grundlegend funktioniert (Nature: Deltcheva et al., 2011). Ein Jahr später zeigt Charpentier, damals an der Universität Wien, zusammen mit Jennifer Doudna und ihrem Team aus dem kalifornischen Berkeley, wie sich Crispr nutzen lässt, um die isolierte DNA eines Bakteriums zu zerschneiden (Science: Jinek et al., 2012). Wieder ein Jahr später tritt Team Massachusetts das erste Mal in Erscheinung. Die Arbeitsgruppe um Feng Zhang vom Broad Institute of Cambridge stellt vor, wie sich die Methode auch bei Pflanzen, Tieren und Menschen anwenden lässt, höheren Lebewesen also, auch Eukaryoten genannt (Science: Cong et al., 2013). Wer also hat die entscheidende Entdeckung gemacht?

Üblicherweise erreichen gemeinnützige Forschungsinstitute bei solchen Unstimmigkeiten eine Einigung darüber, wer welches patentgeschützte Verfahren zu welchem Preis verwenden darf. Im Crispr-Fall aber wollen weder das Team Kalifornien noch das Team Massachusetts nachgeben, wie der Rückblick zeigt:

  • Im April 2014 hatte das US-Patentamt den Forscherinnen und Forschern aus Massachusetts das Patent zugesprochen, das die Nutzung von Crispr in höheren Lebewesen abdeckt. Die University of California bekam das Patent für das Verfahren "an sich". Dabei ging es – wie bei Patenten üblich – vor allem ums Timing: Zwar hatte das Team Kalifornien sein Patent eher beantragt, doch Team Massachusetts hatte ein beschleunigtes Verfahren gewählt und die Konkurrenz damit sozusagen überholt.
  • Das wollte Team Kalifornien nicht akzeptieren und argumentierte: Zhangs Patent überlagere sich mit dem eigenen. Ja, man selbst habe nur die Anwendung im Bakterium geschrieben. Der mögliche Nutzen in eukaryotischen Zellen aber sei damit erst offensichtlich geworden – Zhang habe nichts erfunden, was ein Patent rechtfertige. Mit dieser Argumentation forderte die Universität Berkeley eine formelle Überprüfung von spezialisierten Richtern am Patentberufungsgericht.
  • Im Februar 2017 stellte sich das Patentamt jedoch auf die Seite von Team Massachusetts.
  • In der Konsequenz legten Doudna und Charpentier für das Team Kalifornien Berufung beim Bundesberufungsgericht ein. Dieses Jahr nun soll das Urteil fallen – "es könnte jeden Tag so weit sein", sagt der in diese Fälle nicht involvierte Patentanwalt Kevin Noonan.
  • Die Verlierer könnten sich in einem letzten Schritt an den Supreme Court wenden. Es sei jedoch nicht zu erwarten, dass sich dieser des Falls annehme, sagt Noonan.