Tausende deutsche und Hunderttausende internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren fragwürdige Studien in Journalen veröffentlicht, die ihre Inhalte nicht wie üblich prüfen und von unabhängigen Forscherinnen und Forschern begutachten lassen. Über ihre Recherchen berichten mehrere deutsche und internationale Medien unter dem Schlagwort "Fake Science". Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, kritisiert das. In diesem Gastbeitrag schreibt er, warum die Debatte von den eigentlichen Problemen in der Wissenschaft ablenke.

In Medien werden derzeit scharfe Geschütze gegen die Wissenschaft aufgefahren: Fake Science - Die Lügenmacher lautet der Titel einer ARD-Fernsehreportage von Svea Eckert und Peter Hornung beispielsweise. Die Wissenschaft sei "auf Abwegen", heißt es bei der Tagesschau. "Die Schattenwissenschaft ist im Zentrum der Elite-Forschung angekommen", schreibt die Süddeutsche Zeitung.  

Die Analysen der Journalistinnen und Journalisten zeigen, dass allein in Deutschland mindestens 5.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Journals von Raubverlagen (Predatory Publishers) publiziert haben; Verlage, die gegen die Zahlung einer Gebühr im Grunde alles in ihren Zeitschriften veröffentlichen, ohne dass dabei in irgendeiner Form eine Qualitätskontrolle durch ein Gutachterverfahren vorgenommen wird.

Es ist nachvollziehbar, dass sich Journalistinnen gerade bei umfangreichen Recherchen eine maximale Reichweite ihrer Reportagen wünschen. Es muss jedoch zugleich die Frage erlaubt sein, was eigentlich dran ist an der Story. Ist die Wissenschaft wirklich "auf Abwegen"? Haben wir "die Lügenmacher" in unserer Gesellschaft nun endlich identifiziert?

Nein, davon kann so nicht die Rede sein. So wichtig einzelne Hinweise aus diesem Rechercheprojekt auch sind, sie gehen am Kern der Probleme im Wissenschaftssystem vorbei. Und womöglich noch wesentlicher: Die Verwendung des von US-Präsident Donald Trump eingeführten Propagandabegriffs Fake im Zusammenhang mit den Wissenschaften ist ein gefährlicher sprachlicher Missgriff, erweckt er doch den Anschein, als würde sich Wissenschaft stets irgendetwas ungeprüft ausdenken, um es anschließend in die Welt zu posaunen. Dies wird Wissenschaft und Forschung bei aller berechtigter Kritik nicht gerecht.

Durch Pseudojournale Renommee gewinnen? Mumpitz!

Um was geht es? Die Publikation von Artikeln in einer unseriösen Zeitschrift ist ein Tauschgeschäft, bei dem sich beide Vertragspartner einen Vorteil erhoffen. Der Vorteil für die Raubverlage ist einfach. Sie lassen sich für ihre Leistungen, nämlich das Publizieren von Artikeln oder die Veranstaltung von Konferenzen, bezahlen. Zur Logik ihrer Geschäftsmodelle gehört, sowohl mit schicken Zeitschriftentiteln à la International Journal of … Attraktivität und Bedeutung auszustrahlen, als auch möglichst kostenminimierend zu arbeiten. Letzteres schlägt sich insbesondere in dem Ausbleiben eines aufwendigen Gutachterverfahrens und damit in einem Verzicht auf gewisse Qualitätsstandards nieder. Der Artikel wird dann schnell veröffentlicht, der Kunde ist zufrieden. Und zufriedene Kunden kommen gerne auch mal wieder.

Der Vorteil der Autorinnen und Autoren, so argumentiert das Rechercheprojekt, liege ebenso klar auf der Hand: Man könne durch Veröffentlichungen bei fragwürdigen Journals seine Publikationsliste aufpeppen. Nachwuchswissenschaftler hätten damit bessere Karrierechancen, Professorinnen würden an Renommee gewinnen und hätten bessere Aussichten, Forschungsmittel zu erhalten. Und genau diese Vermutung ist ziemlicher Mumpitz.

Junk Science statt Fake Science

Jeder auch nur durchschnittliche Wissenschaftler kennt die etwa zehn bis 20 wichtigen Zeitschriften und wissenschaftlichen Konferenzen in seinem oder ihrem Arbeitsgebiet. Und er oder sie weiß darum, dass Publikationen und Vorträge genau in diesen Fachorganen und -foren zählen – und zwar nur in diesen. Es sind diese Journals, mit mehrstufigen Gutachterverfahren (Peer Reviews), flankiert über eine ganze Reihe von Einflussindikatoren (zum Beispiel dem Impact Factor) und differenziert nach A-, B- und C-Journals, die über Renommee oder den Erhalt von Forschungsmitteln entscheiden. Und es sind ähnlich geprüfte Fachtagungen, die die zentrale Währung im Wissenschaftssystem markieren und Karrierechancen bedingen.

Das Publizieren in Zeitschriften von Raubverlagen ist Zeitverschwendung und Junk Science; für den Mülleimer, denn das liest und verarbeitet keine seriöse Wissenschaftlerin und kein anerkannter Forscher. Und der Besuch einer pseudowissenschaftlichen Konferenz ist lediglich Tagungstourismus in Kroatien oder auf den Bahamas. Sie sind wissenschaftlich wertlos – und zwar auch für den publizierenden oder vortragenden Forscher, denn sie werden im Wissenschaftssystem schlichtweg nicht prämiert – weder monetär noch über andere Formen der Anerkennung.