Die Frage, wie häufig solch ein Energiestrahl ausgestoßen wird, bleibt bis auf weiteres offen (hier gezeigt in einer künstlerischen Darstellung). © NASA/JPL-Caltech/GSFC

Mit der Entdeckung habe "das Zeitalter der Multi-Messenger Astronomie begonnen", sagt Stefan Schönert, der an diesen Studien nicht beteiligt ist. Künftig lässt sich der Weltraum also etwa nicht nur mit Photonen, kosmischer Strahlung und Gravitationswellen erforschen – jeder dieser Boten liefert andere Informationen. Auch mithilfe von Neutrinos werden Forscherinnen und Forscher mehr über die Ereignisse und Prozesse im All erfahren.

Wie gesichert das Ergebnis ist? "Es gibt keine absolute Gewissheit", sagt Wiebusch. Aber die Wahrscheinlichkeit sei "sehr hoch". Schönert bekräftigt: "Diese Quelle kann als gesichert gelten." Nachdem sie wussten, wo sie hingucken mussten, haben die Forscherinnen und Forscher in einem anderen Datensatz aus den Jahren davor unter Ausschluss des ersten Hinweises, zusätzliche und damit unabhängige Indizien auf die gleiche Quelle gefunden. Die Irrtumswahrscheinlichkeit liege hier bei etwa 1:10.000, erklärt der Astrophysiker.

Gleichzeitig wird hier die grundsätzliche Schwäche der Neutrinophysik deutlich. Es gibt bislang einfach sehr wenig Signale. Tatsächlich gelten erst 82 kosmische Neutrinos am Südpol als bestätigt. "Die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen fällt da oft schwer", sagt Wiebusch, es brauche mehr Signale.

Auch deshalb mag sein Fazit im ersten Moment anmaßend wirken: "Astrophysikalisch", sagt er "sehe ich die Beobachtung fast gleichranging mit jener der Gravitationswellen". Nun sieht sich Wiebusch zwar als beteiligter Wissenschaftler alles andere als objektiv, und Gravitationswellen haben gewissermaßen eine Alleinstellung, weil sie ein komplettes Feld eröffnet haben. Für ihren Nachweis wurde den beteiligten Forscherteams im vergangenen Jahr der Nobelpreis zuerkannt, übrigens nur wenige Tage nach dem Geisterteilchenalarm. Die Existenz von Neutrinos ist hingegen schon lange belegt, wie auch der Astrophysiker betont. Vollkommen abwegig aber ist der Vergleich nicht. Denn in beiden Fällen lag der Entdeckung jeweils eine ein Jahrhundert alte, prominente Frage der Physik zugrunde.

Die Sensoren des IceCube-Labors detektieren Neutrinos, die aus einer fernen Quelle im Weltall in das Eis des Südpols einschlagen (künstlerische Darstellung). © IceCube/NSF

Ein weiteres, neues Beobachtungsfenster

Die der Gravitationswellen lautete: Gibt es die Krümmungen in der Raumzeit wirklich? 1915 hatte Albert Einstein sie vorhergesagt, 2015 wurden sie bewiesen. Die der hochenergetischen Neutrinos: Wo kommen sie her? Seit 1912 kosmische Strahlen entdeckt wurden, war das ungeklärt. "In beiden Fällen hat sich die Wissenschaft also ein neues Beobachtungsfenster erschlossen, durch das sich der Weltraum auf eine vollkommen neue Weise beobachten lässt", sagt Wiebusch.

Mit der Veröffentlichung ist die Arbeit der Forschergruppen allerdings längst nicht getan. Am wichtigsten sei es, das Ergebnis schnellstmöglich zu bestätigen, sagt Wiebusch, "vor allem, weil wir bisher nicht wissen, ob so ein Ereignis einmal in zehn Jahren oder einmal in 100 Jahren auftritt". Die Frage, wie häufig Blazare einen entsprechenden Energiestrahl ausstoßen, ist also offen.

Auch ist unklar, was für Eigenschaften die kosmischen Teilchenbeschleuniger haben. Und mit der Entdeckung steht fest: Blazare können nicht die einzige Quelle der energetischen Neutrinos sein. Dafür gibt es zu wenig Korrelationen. Die Astrophysiker sind dran. "Wenn man einmal weiß, wie man gucken muss", sagt Wiebusch, "dann können wir es – und künftig noch schärfer." Die Gemeinschaft ist sicher: Mithilfe von Neutrinoteleskopen der nächsten Generation werden sie eine Vielzahl von Quellen beobachten.