Schon wieder Nowitschok. Im englischen Amesbury, ganz in der Nähe des Ortes, an dem der frühere russische Spion Sergej Skripal und seine Tochter im März vergiftet worden waren, erwischte es am Samstag einen Mann und eine Frau. Ohnmächtig und schwer verletzt wurden die beiden ins Krankenhaus eingeliefert. Am Mittwochabend gab die Polizei bekannt, dass die beiden, genau wie Skripal, mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden. Was steckt hinter den beiden Fällen? Erste Antworten auf wichtige Fragen:

Was ist Nowitschok?

Nowitschok – übersetzt Neuling – ist eine Gruppe extrem starker Nervengifte. Die Kampfstoffe bestehen aus mindestens zwei Komponenten und werden zur tödlichen Chemiewaffe, wenn die Substanzen vermengt werden. Sie können als Flüssigkeit, Gas oder feines Pulver zum Einsatz kommen und sind dabei um ein Vielfaches toxischer als andere Nervengifte, beispielsweise etwa als Sarin, das in Syrien eingesetzt wurde, oder als VX. Laut einem Bericht ist Nowitschok sogar fünf- bis achtmal tödlicher als VX (Chemical Agents: Greaves und Hunt, 2010).

Die Gifte wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der ehemaligen Sowjetunion als Reaktion auf das Chemiewaffenprogramm der USA entwickelt. Ende 2017 gab Russland bekannt, die letzten bestehenden Chemiewaffen im Land zerstört zu haben. Ob das stimmt, ist jedoch schwer nachzuprüfen.

Wie wirkt Nowitschok?

Das Nervengift greift in die Reizweiterleitung im Nervensystem ein. Es hemmt, genau wie Sarin und VX, das Enzym Acetylcholinesterase (AChE), das normalerweise den Botenstoff Acetylcholin abbaut. Wird dieser nicht mehr abgebaut, verbleibt eine große Menge Acetylcholin im synaptischen Spalt oder an der Kontaktstelle von Nerven und Muskeln. Muskeln und Nervenzellen geraten in Dauererregung. Die Folge sind Muskelzuckungen, Krämpfe und Lähmungen, die durch Ersticken oder Herzversagen zum Tod führen.

Bislang existieren kaum Erfahrungen mit Nowitschok-Vergiftungen. Wie gut das Gegengift Atropin hilft, das bei ähnlichen Nervengiften eingesetzt wird, ist noch unklar. Die beiden Briten, die mit dem Nervengift in Berührung kamen, schweben weiterhin in Lebensgefahr und werden aktuell in dem Krankenhaus im südenglischen Salisbury behandelt, in das auch Sergej Skripal und seine Tochter Julija eingeliefert wurden. Diese wurden mittlerweile aus der Klinik entlassen.

Wo wurde Nowitschok entwickelt?

Das Nervengift wurde in der ehemaligen Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges entwickelt. Erste Informationen über das Gift veröffentlichte 1991 der russische Chemiker Wil Mirsajanow mit anderen Forschern zusammen in der Moskauer Zeitung Kuranti. Von Mirsajanow, der später in die USA auswanderte und seine Forschung inzwischen kritisch sieht, stammen auch einige der veröffentlichten Strukturformeln des Nervengiftes. Ob sie korrekt sind, ist aber nicht klar.

Nowitschok lässt sich aus vergleichsweise harmlosen Grundstoffen herstellen. Diese stehen nicht auf der Liste der international geächteten Kampfmittel. "Das ist einer der Hauptgründe, warum diese Nervengifte hergestellt werden", sagte Gary Stephens, Pharmakologe an der University of Reading, der Nachrichtenagentur Reuters. Bereits im April hatte der Chef des Forschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down, Gary Aitkenhead, dem Sender Sky News gesagt, dass für die Entwicklung des Giftes wahrscheinlich nur ein staatlicher Akteur infrage komme, da die Herstellung schwierig und extrem gefährlich sei.

Wer ist für die aktuellen Fälle verantwortlich?

Im aktuellen Fall ist unklar, wie der 45-Jährige und die 44-Jährige mit dem Nervengift in Berührung kamen. Die Beamten waren zunächst davon ausgegangen, dass sich die beiden möglicherweise beim Konsum von verunreinigtem Heroin oder Crack vergiftet hatten. Auch ist unklar, ob das Gift aus derselben Charge stammt, der auch die Skripals ausgesetzt waren. Ermittler Neil Basu von der Antiterrorpolizei sagte, man wisse nicht, ob das britische Paar gezielt ins Visier genommen worden oder dem Nervengift unabsichtlich ausgesetzt worden sei.

Der zweite Nowitschok-Vergiftungsfall in England dürfte den Streit zwischen Großbritannien und Russland trotzdem weiter verschärfen. Die britische Regierung wirft Russland vor, für den Anschlag auf den Ex-Spion Skripal und dessen Tochter im März verantwortlich zu sein. Russland streitet das ab.