Ein Ultimatum, ein angebotener Rücktritt und scheinbar unvereinbare Positionen in der Asylpolitik: Wie konnte der Unionsstreit so ausufern? Gerade die Bundeskanzlerin wurde in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren immer wieder für ihren Führungsstil kritisiert: Sie reagiere zu spät und gehe große Probleme nicht an. Dieter Frey, Psychologie-Professor an der LMU München, erklärt, ob das stimmt. Frey forscht und berät seit Jahren Unternehmen und Wissenschaft in Führungsfragen und leitet das Center for Leadership and People Management an der LMU.

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Führungsstilen. Angela Merkels Führungsstil ist von großer Kompromissbereitschaft geprägt. Zeigt die aktuelle Regierungskrise, dass sich dieser Stil nun verbraucht hat?

Dieter Frey: Wir sehen gerade wieder sehr schön, was Merkels Führungsstil ausmacht. Sie versucht beharrlich, Konflikte zu minimieren. Dabei ist ihr Stil stets an Werten orientiert – sowohl Sicherheit als auch Humanität spielen in ihrer Politik eine große Rolle. Und sie sucht nach ganzheitlichen Lösungen, in der sie die verschiedenen europäischen und nationalen Interessen möglichst unter einen Hut bringen will. Das ist natürlich bisweilen extrem schwierig. Trotzdem: Ich glaube keineswegs, dass sich Merkels Führungsstil verbraucht hat.

Dieter Frey ist Professor für Psychologie an der LMU. Er setzt sich seit Jahren mit Führungsfragen auseinander und leitet das Center for Leadership and People Management. © LMU München

ZEIT ONLINE: Aber die Bundeskanzlerin ist gerade in einer sehr vielschichtigen Situation gefangen, mit verschiedensten Ansprüchen sowohl innerhalb der eigenen CDU als auch in der Schwesterpartei CSU und zusätzlich auch noch auf europäischer Ebene.

Frey: Für derartig komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen, auch wenn Horst Seehofer sich das wünscht. Es kann in einer solchen Situation nicht um ein Entweder-oder gehen, wir brauchen ein Sowohl-als-auch. Und das sieht Angela Merkel sehr klar. Überspitzt gesagt: Sie steht über den Dingen, weil sie die Komplexität kennt. Von außen scheint das manchmal so, als treffe sie keine klaren Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Manche sagen auch, Angela Merkel wurschtele sich seit Jahren durch. Das sei keine Führung.

Frey: Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon hat gezeigt: Das muddling through, also das Durchwurschteln, ist oftmals die einzige Lösung. In Organisationen geht es häufig nicht darum, das Resultat zu maximieren oder zu optimieren, sondern darum, Entscheidungen zu treffen, die alle einigermaßen zufrieden machen. Es geht darum, eine Hürde zu überspringen, ohne zu wissen, wie man die nächste schaffen soll.

ZEIT ONLINE: Ganz im Gegensatz zu Merkels Stil, der von Pragmatismus, kleinen Schritten und späten Entscheidungen geprägt ist, steht das, was die Männerriege der CSU gerade tut: Ultimaten stellen und den Koalitionspartner erpressen. Haben Sie den Eindruck, dass der Konflikt, den wir gerade beobachten, auch ein Konflikt verschiedener Führungsstile ist?

Frey: Absolut. Merkels Führungsstil ist moderierend, er versucht verschiedene Werte zu verhandeln. Horst Seehofers Stil ist direktiver. Er steht für eine klare Aussage: Sicherheit über alles. Bei der CSU herrscht wohl Angst davor, noch mehr Zustimmung zu verlieren. Denn es sind oft Verlustängste, die diese Art zu führen hervorbringt. Das zeigen soziologische Studien aus den 1930er-Jahren aus der Arbeitersiedlung Marienthal. Arbeitslosigkeit führte dort dazu, dass die Väter plötzlich anfingen, ihre Kinder zu schlagen und ihre Ehefrauen anzubrüllen. Damit versuchten sie, die Kontrolle wiederherzustellen. Psychologisch gesehen ist das eine fehlerhafte und destruktive Reaktion. Statt auf Kontrollverlust mit einem direktiven Stil zu reagieren, braucht man eine Vision zur Lösung der Krise und eine gute Kommunikation. Das gilt in persönlichen Beziehungen, in Organisationen und besonders auch in der Politik.

ZEIT ONLINE: Den direktiven Stil der CSU pflegen vor allem Männer wie Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Auf der anderen Seite sind mit Angela Merkel, der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner Frauen sichtbarer. Erklärt das die unterschiedlichen Stile?

Frey: Nicht per se. Dass Merkel und Kramp-Karrenbauer auf Moderation und Kommunikation setzen und versuchen Brücken zu bauen, lässt sich nicht allein dadurch erklären, dass sie Frauen sind.

"Auch wenn sie es nicht gut vermittelt, hat Angela Merkel eine Vision"

ZEIT ONLINE: Sind Sie denn davon überzeugt, dass sich so ein Führungsstil noch hält? Ist er für ein Europa, das sich politisch stark verändert, vielleicht sogar der einzig richtige?

Frey: Das würde ich in der Tat sagen. Merkels Führungsstil und ihre Philosophie ist die einzige Chance für Europa. Mit der Einschränkung, dass Angela Merkel ihr moderierendes Vorgehen besser erklären und begründen müsste. Sie müsste mit einfachen, bildhaften Worten transportieren, dass alle anderen Stile auf Dauer negative Auswirkungen haben. Zum Beispiel die Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit, die wir gerade in Europa, aber auch den USA sehen. Gleichzeitig muss sie aber auch klar kommunizieren, dass ihr Führungsstil mit Nachteilen verbunden ist. Dass sie es nicht jedem schnell recht machen kann und dass manche Kompromisse eben nicht jeden zufriedenstellen. Was Angela Merkel braucht, ist ein gutes Enttäuschungsmanagement.

ZEIT ONLINE: Nun ist, seit Angela Merkel 2005 ins Amt kam, viel passiert: Es gab eine Finanzkrise, die Eurorettung, 2015 sind knapp eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und ökologische Fragen bis hin zum Klimawandel sind drängender denn je. Müsste Angela Merkel mehr Visionen haben, um an der Macht zu bleiben? Und inwieweit müsste sie ihren Führungsstil weiterentwickeln?

Frey: Meiner Ansicht nach gibt es in Merkels Politik visionäre Elemente, aber sie sind versteckt. Frau Merkel hat eine ganzheitliche Sicht auf Politik, sie hat eine Vision eines Europas der Werte. Aber sie schafft es nicht, das zu transportieren. Ihr fehlen wohl Berater, die ihr helfen, diese Vision mit den richtigen Bildern auszuschmücken. Und es wird auch nicht klar, was ihre zukünftigen Ziele sind. Sie müsste zum Beispiel klarer sagen: Wir wollen ein offenes, menschenwürdiges Europa, das nachhaltig und innovativ ist.

ZEIT ONLINE: Müsste Angela Merkel dafür häufiger agieren statt zu reagieren? Müsste sie sagen: Ich treffe jetzt eine große Entscheidung, bevor ich dazu gezwungen werde, eine kleine zu treffen?

Frey: Ja, gerade jetzt, in dieser Krise müsste sie Ziele formulieren und optimistisch sein. Nur so kann sie zeigen: Es geht voran. Sie kommt zu sehr als sachorientierte Verwalterin herüber, weil sie sieht, dass es keine einfachen Lösungen gibt, weder in Asylfragen noch bei Griechenland.

ZEIT ONLINE: Nun ist Angela Merkel gleichzeitig aber auch sehr machtfixiert. Die Liste von politischen Widersachern, gegen die sie sich am Ende durchgesetzt hat, ist lang. Wie passt das zusammen?

Frey: Natürlich hat Merkel einen Machtinstinkt. Aber sie besetzt die Macht positiv und nicht negativ.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Frey: Die Macht negativ besetzen heißt, die eigenen Partikularinteressen durchzusetzen, narzisstisch sein, sich selber für wichtiger zu nehmen als das Land. Donald Trump macht das und große Teile der CSU. Die Macht positiv zu besetzen meint: Ich möchte, gerade weil die Welt sehr komplex ist, realistische Lösungen in einer kritisch-rationalen Diskussion durchsetzen. Auch wenn sie es nicht gut vermittelt, hat Angela Merkel eine Vision. Und sie möchte Macht, um zu gestalten. 

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