Eingeschlossen unter der Erde: Seit rund zwei Wochen sind zwölf Jungen und ihr Fußballtrainer in Nordthailand in einer Höhle gefangen. Die Gruppe war auf einem Ausflug im Tham-Luang-System, als Starkregen sie überraschte und den Rückweg unpassierbar machte. Seit dem 23. Juni harren die Jungen und ihr Trainer an einer trockenen Stelle mehrere Kilometer im Inneren des Höhlensystems aus – am Sonntag hat die Rettung begonnen. Im Interview erklärt Bärbel Vogel, Vorsitzende des Verbands der deutschen Höhlen- und Karstforscher, warum das Vorhaben so kompliziert ist.

ZEIT ONLINE: Die Rettung der Jungen aus der Tham-Luang-Höhle ist aufwendig und riskant – für die Kinder ebenso wie für die Helfer. Warum ist es jetzt gerade günstig, die Eingeschlossenen rauszuholen?

Bärbel Vogel: Es regnet gerade nicht und die kurzfristige Wettervorhersage scheint gut zu sein. Zudem haben die Helfer vermutlich genügend Wasser abgepumpt, um tief in die Höhle vordringen zu können. Es handelt sich hier um ein großes System, das kilometerweit in den Berg hineingeht. Keine Halbhöhle oder ein Überhang, die nach fünf Metern enden. Dort durchzukommen, ist kein Spaziergang. Es ist ein ganz spezieller Fall.

ZEIT ONLINE: Was ist über die Beschaffenheit bekannt?

Bärbel Vogel ist Vorsitzende des Verbands der deutschen Höhlen- und Karstforscher. © Peter Hofmann

Vogel: Das ist wohl das größte Glück in diesem Unglück: Bereits 1988 haben französische Kollegen die Höhle grob vermessen. Ein paar Jahre später führten Briten ein weiteres Mal Forschungen durch, nach der die Höhle mit einer zweiten zusammengeschlossen wurde. Wir wissen, dass es einen sehr großen Eingangsbereich gibt, danach folgen weitere Kammern. Grundsätzlich wird die Höhle rasch deutlich kleinräumiger. Das sind grobe Informationen. Aber in der Gegend kann man schon darüber froh sein. Die Helfer hatten also gleich zu Beginn eine gewisse erste Orientierung. Andererseits gab es aber eben nur einen Grundriss und Schnitte zu bestimmten Gangprofilen, keinen exakten Höhlenplan.

Gewissermaßen gleicht eine Höhle einem Schweizer Käse
Bärbel Vogel, Höhlenforscherin

ZEIT ONLINE: Dabei ist es für eine Rettung entscheidend zu wissen, auf welchen Wegen – also in welchen Höhen und Tiefen – sich eine Höhle im Berg verzweigt.

Vogel: Wir sprechen hier vom "Höhlenprofil". Es handelt sich schließlich um ein dreidimensionales System. Gewissermaßen gleicht eine Höhle einem Schweizer Käse, bei dem alle Löcher miteinander verbunden sind. Wenn Sie in ein Loch Wasser schütten, fließt es durch manche Kanäle einfach durch, während es sich an anderen Stellen sammelt. Nur von oben betrachtet sieht man nur zwei Dimensionen – erst im Profil zeigt sich das Auf und Ab und damit, wo sich beispielsweise gut Wasser abpumpen lässt. 

ZEIT ONLINE: Der Guardian berichtet, dass Hunderte Pumpen das Wasser in den vergangenen Tagen um 40 Prozent reduziert hätten. Dadurch seien die ersten eineinhalb Kilometer vom Haupteingang passierbar.

Vogel: Super, dass das hier so gut funktioniert! Es gehört zwar zu den Standards, Pumpen einzusetzen, aber das ist nicht immer machbar. Ob es sinnvoll ist, entscheidet letztlich das hydrologische System in der Höhle. Heißt: Die Höhle ist kein in sich geschlossenes System, sondern liegt in einem Berg, ist kleinteilig vernetzt und besitzt Zuflüsse, die oftmals nicht vorherzusehen sind. Wenn sich das Wetter – das selbst unberechenbar ist – ändert und neuer Regen fällt, kann es sein, dass plötzlich Wasser auf Wegen einfließt, die vorher unbekannt waren.

ZEIT ONLINE: Es gibt also viele unberechenbare Faktoren. Worauf ist bei einer Höhlenrettung dennoch grundsätzlich zu achten?

Vogel: Wichtig ist es, so viele Informationen wie möglich zusammenzutragen: Handelt es sich um ein System aus Kalkstein, Lava oder Eis? Wie viele Zugänge sind bekannt? Welche Bedingungen herrschen vor Ort? In kälteren Gebieten braucht es wärmere Kleidung und Decken für Eingeschlossene, um eine Unterkühlung zu verhindern. Die Temperaturen von 20 Grad sind für die Jungen in Thailand damit gewissermaßen ein zusätzlicher Glücksfall. Schlecht hingegen ist, dass sie kilometerweit im Berg ausharren, rund 800 bis 1.000 Meter unter der Oberfläche wie es derzeit heißt.

Entscheidend für eine Rettung ist nämlich auch der Höhlentyp: Kleine Räume und zahlreiche Engstellen behindern eine schnelle Rettung. Engstellen unter Wasser wiederum sind besonders schwierig.