Jahrelange Einsamkeit, glühende Hitze, intensive Strahlung – der unbemannten Parker Solar Probe steht ein brutaler Job bevor. Am Sonntagmorgen um 3:31 Uhr Ortszeit ist die Raumsonde von der Air-Force-Station am Cape Canaveral in Florida aus zur Sonne gestartet. Sie soll den Plasmaball im Zentrum unseres Planetensystems untersuchen. Eine der Aufgaben der Sonde ist es, neue Daten zur Sonnenaktivität zu liefern, um die Vorhersage von Weltraumwetter zu verbessern.

Der Start verlief ohne Komplikationen. Er war ursprünglich für Samstagmorgen geplant gewesen, war jedoch in den letzten Minuten des Countdowns abgebrochen worden. Grund war laut der US-amerikanischen Weltraumbehörde Nasa eine nicht näher benannte Anomalie gewesen.

"Die Parker Solar Probe ist die erste Raumsonde, die in das unmittelbare Umfeld der Sonne vordringt", sagt der Astrophysiker Volker Bothmer, der die Mission im Team der US-amerikanischen Weltraumagentur Nasa entwickelt hat. Bothmer leitet die deutsche Beteiligung an dem Projekt. Nie zuvor hat die Menschheit die sonderbare Region erkundet. Nun soll die Parker Solar Probe zwei sechs Jahrzehnte alte Rätsel lösen: Wie entsteht die Millionen Grad heiße Korona? Und wie der Sonnenwind? Geradezu nebenbei wird die Sonde wohl mehrere Rekorde im Weltraum brechen.

Gut sieben Jahre soll der Höllentrip des 685 Kilogramm schweren Geräts dauern. Sieben Mal wird die Parker-Sonde während der Mission an der Venus vorbeifliegen; erstmals am 28. September dieses Jahres. Die Raumsonde nutzt das Schwerefeld des Planeten, um ihre Geschwindigkeit relativ zur Sonne zu reduzieren. Denn: Zur Sonne zu fliegen, ist deutlich aufwendiger, als es den Anschein hat. Unter anderem braucht es 55 Mal so viel Energie, wie zum Mars zu reisen, wie die Nasa in einem Video anschaulich erklärt.

"Der gegnerische Torwart ist die Sonne – die Sonde Messi"

Im Verlauf der Mission wird die Sonde von Jahr zu Jahr enger um die Sonne kreisen und schließlich – wenn alles funktioniert wie geplant – bis auf etwas mehr als sechs Millionen Kilometer an unser Zentralgestirn herankommen. Bis auf etwa vier Sonnendurchmesser also*. Das ist sieben Mal näher, als es den beiden deutsch-amerikanischen Helios-Raumsonden in den Siebzigerjahren gelang. "Stellen Sie sich ein Fußballfeld und die Erde darauf als eigenen Torwart vor", sagt Bothmer. "Die Sonde befindet sich dann im Strafraum des Gegners wenige Meter vor der Torlinie, wo sich viel abspielt. Der gegnerische Torwart ist die Sonne – und die Sonde dann wohl Messi."

Bis die beteiligten Astrophysiker und Ingenieure diesen Rekord feiern können, bedarf es noch einiger Geduld. Die erste größte Näherung wird nämlich erst für den 19. Dezember 2024 erwartet.

Künstlerisch in Szene gesetzt: die Parker Solar Probe nahe der Sonne. © Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory

Dem nicht genug, soll die Sonde einen weiteren Rekord aufstellen: Den Berechnungen zufolge wird sie mit bis zu 692.000 Kilometern pro Stunde durch das All rasen. Damit wäre sie das bisher schnellste von Menschen geschaffene Objekt und "könnte theoretisch binnen einer Sekunde von Philadelphia bis Washington D.C. reisen", schreibt die Nasa. Oder in einer Sekunde von Berlin nach Leipzig.

Insgesamt 24 Mal will das Nasa-Team ihre Sonde durch die Sonnenatmosphäre jagen. Sie wird dabei Temperaturen von rund 1.370 Grad Celsius standhalten müssen. Warum das Raumschiff nicht schmelzen wird? Dafür gibt es im Wesentlichen vier Vorkehrungen:

  • Geschützt wird sie von einem Karbonpanzer. Genauer gesagt, einem 11,4 Zentimeter dicken Hitzeschild aus Kohlefaser-Verbundstoffen.
  • Die Sonde ist ziemlich klug: Autonome Software hält die inneren Systeme kühl, indem sie prüft, ob das Hitzeschild richtig ausgerichtet ist. Falls nicht, korrigiert die Sonde das eigenständig.
  • Dann gibt es noch ein eigens entwickeltes Kühlsystem mit fließendem Wasser.
  • Und zu guter Letzt: Hitze ist nicht dasselbe wie Temperatur. Hitze ist Energietransfer, Temperatur ein Messwert (siehe Infobox oben), was die Belastung mindert.