Márcia Couri ist Insektologin und arbeitet derzeit als Gastforscherin am Museum für Naturkunde in Berlin. Direkt nach ihrer Promotion begann sie 1986* für das Brasilianische Nationalmuseum zu arbeiten. Diesen Sonntag zerstörte ein Großbrand fast alle Exponate und Sammlungen des Museu Nacional da Universidade Federal do Rio de Janeiro. Es war das größte Naturkundemuseum des Landes. Die Institution ist die älteste wissenschaftliche Forschungsstätte Brasiliens.

ZEIT ONLINE: Frau Couri, seit ungefähr 40 Jahren ist Rios Nationalmuseum ihr Arbeitsplatz. Nun stehen praktisch nur noch die Grundmauern und die Fassade des historischen Gebäudes. Haben Sie schon mit Ihren Kollegen vor Ort gesprochen?

Márcia Couri: Ja, Montag schon den ganzen Tag! Alle sind am Boden zerstört. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen haben am Montagnachmittag zusammen mit Feuerwehrleuten das Gebäude betreten und alles geborgen, was Sie noch finden konnten, zum Beispiel kleine Vasenstücke aus der Ausstellung. Aber in diesem riesigen Gebäude gab es eben nicht nur die öffentliche Ausstellung, sondern auch die Sammlungen. Allein die Insektensammlung umfasste mehr als fünf Millionen Exemplare, alle sind verbrannt.

ZEIT ONLINE: Insgesamt verbrannten rund 90 Prozent der mehr als 20 Millionen Objekte und weite Teile des Gebäudes. Wissen Sie, was oder wer das Feuer ausgelöst hat?

Couri: Nein. Das Gebäude war aber in keinem guten Zustand, jahrelang haben wir vor dem Feuerrisiko gewarnt. Wir hatten große Probleme, das Gebäude instand zu halten und haben unsere eigenen Gehälter dafür genutzt, weil wir kaum unterstützt wurden. In diesem Monat sind dann endlich fünf Millionen Euro staatliches Geld auf dem Museumskonto eingegangen. Das wollten wir auch in den Feuerschutz investieren, aber der Brand kam uns zuvor.

Rio de Janeiro - Aufnahmen zeigen zerstörtes Nationalmuseum Bei dem Feuer vom Sonntag sind vermutlich bis zu 20 Millionen Exponate verbrannt. Luftaufnahmen zeigen die Ruine des Gebäudes.

ZEIT ONLINE: Am Tag nach dem Feuer versammelten sich mehrere Hundert Menschen vor dem Museum. Sie protestierten und forderten mehr staatliche Unterstützung für Museen in Brasilien.

Couri: Jahrelang haben wir die Behörden um Geld gebeten, doch sie haben damit andere Pläne verfolgt, sie sind nicht interessiert an Museen. Sie wussten, dass so ein Brand passieren kann. Das ist ein Problem in ganz Brasilien. Weil das Nationalmuseum die wichtigste Sammlung in ganz Südamerika beherbergte, bewegt es nun Menschen auch außerhalb Brasiliens. Museen aus der ganzen Welt schicken uns gerade Nachrichten und bieten an, uns zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Gibt es Bereiche, die das Feuer verschont hat?

Couri: Ja, von den Muscheln und Schnecken konnten zumindest einige in Sicherheit gebracht werden. Die Weichtierabteilung liegt nämlich direkt neben der Eingangstür und so konnten Mitarbeiter und Kolleginnen schnell noch einige Exemplare aus dem Gebäude tragen, als das Feuer schon begonnen hatte. Auch ein großer Meteorit, der im Jahr 1784 gefunden wurde, konnte gerettet werden.

ZEIT ONLINE: Alles andere ist verbrannt?

Couri: Noch kann man das nicht genau sagen. Das einzige was man bisher finden konnte, sind kleine Bruchstücke, sonst ist da nur Asche.

ZEIT ONLINE: Was passiert nun mit den Bruchstücken?

Couri: Sie kommen irgendwann wieder in eine Ausstellung – für jedes Teil, das gefunden wird, sind wir dankbar.

ZEIT ONLINE: Gibt es ein Ausstellungsstück, das Sie vermissen werden?

Couri: Es gab direkt am Eingang des Museums das riesige Skelett eines Faultiers. Weil es so groß war, dachten die Menschen immer, es habe zu einem Dinosaurier gehört. Besonders schade ist auch der Verlust des Skeletts eines Maxakalisaurus, der vor mehr als 80 Millionen Jahren gelebt hat. Es stand in einem Raum, den wir dank einer Crowdfundingkampagne erst vor einem Monat geöffnet hatten. Viele Menschen hatten also einen großen Bezug dazu.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Verlust des Museums für die Forschung?

Couri: Es ist die Arbeit aus 200 Jahren, verloren an nur einem Tag. Viel Geld, Zeit und Anstrengung sind in das Museum geflossen und jetzt: nichts mehr. Es ist eine Art Gedächtnis, das wir verloren haben.

ZEIT ONLINE: Werden Sie nach ihrem Forschungsaufenthalt in Deutschland zu ihrer Arbeit in Rio zurückkehren?

Couri: Das Feuer hat die Menschen, die im Museum arbeiten, nicht versehrt. Wir werden alles wieder aufbauen.

ZEIT ONLINE: Sie sprachen von der fehlenden Unterstützung für die Museenlandschaft. Glauben Sie, dass sich daran in Zukunft etwas ändern wird?

Couri: Ja, dass wir das Museum und die meisten seiner Ausstellungsstücke verloren haben, ist ein so schwerer Schlag. Ich bin optimistisch, dass sich jetzt endlich etwas ändern wird.

*Korrekturhinweis: Die Jahreszahl wurde nachträglich korrigiert.

Mitarbeit: Johanna Kuroczik und Fabian Franke