Es scheint rein gar nichts mehr zu geben, was die Wissenschaft nicht bereits durchdrungen und entmystifiziert hat. Selbst der vielleicht mysteriöseste Gesichtsausdruck der Kunstgeschichte ist analysiert: Leonardo da Vincis Mona Lisa schaut zu 83 Prozent glücklich, zu 9 Prozent angewidert, zu 6 Prozent ängstlich und zu 2 Prozent wütend. So zumindest der Befund des Facial Action Coding System (FACS), das zur Analyse von Fotografien oder Bildern entwickelt wurde. Das FACS, in den Sechzigerjahren entstanden, misst die Muskelkontraktionen von Gesichtern, indem es kartiert, wie sich Gesichtsmerkmalen wie die Augenbrauen und der Mund verschieben, und zieht daraus Rückschlüsse auf die Emotionen (zum Beispiel: Journal of Neuroscience Methods: Hamm et al., 2011).

Was das FACS – mit mitunter seltsamen Antworten – versucht, ist für Menschen alltäglich: Wir deuten tagein tagaus die Gesichtsausdrücke unserer Mitmenschen. Das Lächeln hat dabei einen besonderen Stellenwert, nicht nur an diesem Freitag, dem Tag des Lächelns. Aber warum tragen wir überhaupt ein Lächeln auf unserem Gesicht? Was hat sich die Evolution dabei gedacht?

"Das Lächeln ist ein universelles Kommunikationsmittel", sagt Willibald Ruch, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich. "Genauso wie andere Gesichtsausdrücke ist es in der Evolution entstanden – zu einem Zeitpunkt, als der Mensch noch keine Sprache zur Verständigung entwickelt hatte." Das zeigt sich unter anderem daran, wie früh Menschen zu lächeln beginnen. Bereits im Alter von wenigen Tagen fangen Babys an, zu lächeln, noch unbewusst und zumeist im Schlaf, erklärt die Entwicklungspsychologin Katja Liebal von der Freien Universität Berlin.

Verärgert, erleichtert, herablassend

Um zu lächeln, nutzen wir Menschen zig Muskeln. Bei einem ausgiebigen Lacher, bei dem noch die Bauchmuskeln, Rippenmuskulatur und das Zwerchfell zum Einsatz kommen, können es sogar bis zu 135 Muskeln sein. Der wichtigste von ihnen ist der zygomaticus major, ohne ihn funktioniert das Lächeln nicht. Er ist dafür verantwortlich, dass sich die Mundwinkel in Richtung der Augen anheben. Ein weiterer wichtiger Muskel ist der orbicularis oculi, der einen Ring um die Augen bildet und ein freudiges Zusammenkneifen verursacht. Je nachdem, welche Gesichtsmuskeln zusätzlich benutzt werden, lächeln wir verärgert, traurig, überrascht, erleichtert oder herablassend.

Der Anlass für ein Lächeln ist eben nicht immer Freude. Es könne zwar ein Ausdruck dessen sein, was gerade in uns vorgeht, sagt Ruch, vor allem aber sei es ein Signal, mit dem wir bei unseren Mitmenschen etwas bewirken wollen – auch wenn das nicht immer bewusst passiert. Vor allem das Zurücklächeln, mit dem wir unser Gegenüber nachahmen, spielt dabei eine große Rolle, erklärt Paula Niedenthal, Professorin für Psychologie an der Universität Wisconsin. Wir nutzen es, um uns besser in andere hineinzuversetzen. Durch die Nachahmung der Muskelbewegung werden dieselben Gesichtsmuskeln angespannt und Hirnregionen aktiviert, was eine ähnliche Gefühlslage hervorruft (Psychological Science: Rychlovska et al., 2017). 

Zähne zeigen heißt: Du hast gewonnen!

Dieser Vorgang ist für die emotionale Gesundheit des Kindes enorm wichtig. Wenn Eltern das Lächeln ihres Kindes nicht erwidern können, beispielsweise aufgrund von Depressionen, fühlt sich das wie eine Zurückweisung an. Zudem steigt dann das Risiko stark, dass auch das Kind depressiv wird und die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind leidet (Infant Behavior and Development: Field, 1995).

Später im Leben lernen Menschen, den Gesichtsausdruck zu nutzen, um sich beispielsweise in Hierarchien einzufügen. Erste Hinweise darauf fand man bei Primaten wie den Schimpansen, Bonobos oder Gibbons, erklärt die Psychologin Liebal: "Ein breites Lächeln, bei dem die Zähne sichtbar werden, verwenden sie, um einem dominanter auftretenden Tier zu sagen: Du hast gewonnen. Es klärt die Hierarchie, ohne dass die Primaten gleich kämpfen müssen." Menschen nutzen ein ähnliches Signal: ein dünnes Lächeln mit zusammengepressten Zähnen, das Psychologinnen und Psychologen als beschwichtigend einordnen. Wie bei den Primaten soll damit dem Gegenüber Respekt signalisiert und eine gute Stimmung erzeugt werden, etwa in einem Vorstellungsgespräch.