Deutsche Behörden, Bauern und Jäger hatten sich mehr Zeit erhofft: Schneller als erwartet hat die hochansteckende Afrikanische Schweinepest Deutschlands Grenzen erreicht. Vergangenes Jahr noch hatten Seuchenschützer den Erreger in Tschechien und Zentralpolen festgestellt; diesen September dann fand er sich plötzlich auch in Westeuropa. Nur 60 Kilometer vor der deutschen Grenze wurden Wildschweine gefunden, die an den Folgen der auch ASP genannten Krankheit verendet waren.

Der Erreger war fernab bisheriger Ausbruchsherde nach Belgien gesprungen – ein sicheres Indiz dafür, dass Reisende das Virus dort eingeschleppt hatten. Dennoch lautet die Forderung des belgischen Bauernverbandes nun: Nieder mit den Wildschweinen! Sie sollen "sofort in ganz Belgien gezielt und kontrolliert geschossen werden", sagt der Interessenverband, weil die Tiere so empfänglich sind für den Erreger. Weniger gesunde Tiere führten zu weniger kranken – so die Theorie.

Auch der Deutsche Bauernverband fordert bereits seit einigen Monaten die Keulung von 70 Prozent aller Wildschweine in Deutschland, um der Gefahr vorzubeugen, dass diese das Virus auf die Schweine in den Zucht-und Mastbetrieben übertragen. Muttertiere und Frischlinge eingeschlossen. Schonzeiten gibt es nicht mehr. Denn auch wenn die Schweinepest für Menschen ungefährlich ist – für Haus-und Wildschweine verläuft sie meist tödlich, binnen 48 Stunden stirbt manches Tier, einen Impfstoff gibt es nicht. Das macht die Krankheit zu einer massiven kommerziellen Bedrohung für Schweinezüchter.

Ein entscheidendes Problem: Es ist umstritten, ob die Keulung dem Seuchenschutz tatsächlich dient. Forschung weist darauf hin, dass die Maßnahme, wenn falsch organisiert, mitunter zumindest ineffektiv bleibt oder schlimmstenfalls die Wildtiere sogar noch anfälliger für den Erreger macht. Erfahrungen mit Dachsen, Flusspferden und verwilderten Katzen deuten darauf hin.

Die Jagd stresst gesunde Tiere

Der Begriff Keulung stammt noch aus Zeiten, in denen Tiere mit einem Keulenschlag erlegt wurden. Heutzutage wird Wild vor allem von Jägern erschossen, Nutzvieh vergast oder mithilfe von Elektroschocks getötet. Kritiker sehen die Gefahr, dass durch die Jagd aufgeschreckte, kranke Tiere das Virus stärker verbreiten. Oder, wie der Wildökologe Sven Herzog von der Technischen Universität Dresden erzählt, dass bei solchen Maßnahmen vor allem gesunde Wildschweine getötet würden. Forschung belegt, dass die Überlebenden von Seuchen gerade diejenigen sind, die in Zukunft den genetischen Widerstand der Art gegen die Krankheit erhöhen. "Außerdem stresst die Jagd gesunde Tiere", sagt Herzog weiter. Das schwäche das Immunsystem, weshalb sich die Tiere leichter infizieren könnten.

Befürworter argumentieren hingegen, der Mensch müsse eingreifen, weil sich Ökosysteme auf natürliche Weise nicht mehr regulieren lassen. Vermehrt sich eine Tierart so sehr, dass sie der Umwelt schadet, kann der Ausbruch einer Seuche durchaus das natürliche Gleichgewicht wieder normalisieren. "Heutzutage können wir aber eine solche Normalität kaum noch erwarten", sagt der Experte für Wildkrankheiten, Richard Kock von der University of London, "weil die Natur von der Aktivität des Menschen massiv beeinflusst wird – Infrastruktur und Landschaften werden überall transformiert". Eine Kompensation sei nötig.