Nach jahrelangen Überlegungen will Berlin Testmöglichkeiten für Drogen wie Ecstasypillen schaffen. Ein Modellprojekt zum sogenannten Drug-Checking hat nun begonnen, teilte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung mit. Eine Befragung im Auftrag des Senats zeigte, dass Partygängerinnen und Partygänger in Berlin verbreitet Drogen wie Cannabis, Amphetamine und Ecstasy nehmen.

Drug-Checking bedeutet, dass eine offizielle Stelle etwa Pillen vom Schwarzmarkt chemisch analysiert. Es geht laut Gesundheitsverwaltung darum, möglichst genaue und umfassende Informationen über die Inhaltsstoffe und deren Dosierungen zu erhalten und die Ergebnisse publik zu machen.

Das Drug-Checking ist Teil eines von der rot-rot-grünen Regierung im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmenpakets zur "Verminderung der Begleitrisiken von Drogenkonsum". Befürworter versprechen sich davon neben öffentlichen Warnungen einen besseren Zugang zu Konsumentinnen und Konsumenten, um sie über Risiken aufklären zu können. Manche hoffen zudem, dass die Hersteller wegen der Kontrollen stärker auf sichere Produkte achten. Risiken können neben der Gesundheitsschädigung durch Wirkstoffe etwa von Cannabis, Kokain und Ecstasy auch Verunreinigungen, das Strecken der Stoffe oder eine zu hohe Konzentration sein.

Der Berliner Senat stellt für das Modellprojekt in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt 150.000 Euro bereit. Den Zuschlag für die Umsetzung erhielt eine Gemeinschaft, an der unter anderem die Suchthilfeorganisation Fixpunkt beteiligt ist. Diese betreibt in Berlin unter anderem Drogenkonsumräume und stellt Spritzenautomaten bereit. Die Träger sollen zunächst ein Gutachten zur juristischen Machbarkeit des Testangebots einholen. Wegen der Rechtslage in Deutschland benötigt Berlin für das Testangebot eine Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel- und Medizinprodukte.

Ergebnisse sollen online veröffentlicht werden

In Deutschland verbietet das Betäubungsmittelgesetz bestimmte Rauschgifte, ihre Herstellung und Einfuhr, den Handel, Kauf und weitgehend auch den Besitz. Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen für medizinische und wissenschaftliche Zwecke. In einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2009 heißt es, verbindliche Aussagen über die rechtliche Zulässigkeit von Drug-Checking seien nicht möglich. "Das Gesetz regelt diesen Sachverhalt nicht ausdrücklich."

Chemikerinnen und Chemiker, die Drogen untersuchen, könnten sich wegen des unerlaubten Besitzes strafbar machen. Das Gleiche gelte für den Konsumenten. Würde ihn die Polizei bei der Abgabe der Droge beobachten, müsste sie eingreifen. Nötig sei also eine "eindeutige gesetzgeberische Entscheidung", um Rechtssicherheit herzustellen. So etwas gibt es für Drogenkonsumräume in einigen Bundesländern.

Doch selbst im Fall eines Erfolges ist offen, wann und wie in Berlin tatsächlich Drogen getestet werden können. Der Antrag der Träger sieht vor, Personal einzustellen sowie Ausstattungs- und Laborressourcen zu schaffen. Geplant ist eine Internetseite, auf der Ergebnisse veröffentlicht werden. Die Träger sollen das Projekt bekannt machen und Beratungssprechstunden anbieten.

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In Zürich werden zweimal wöchentlich Drogen getestet

Die Bemühungen, in der Hauptstadt ein Drug-Checking einzuführen, reichen bis in die Neunzigerjahre zurück. Schon 1995 machte in Berlin der Verein Eve & Rave in der Berliner Technoszene auf gefährliche Ecstasypillen aufmerksam. Mit dem Drug-Checking wollte der Verein, der sich 1994 aus der Berliner Technopartyszene heraus gegründet hatte, das Risiko beim Konsum vermindern. Allerdings kam es 1996 zum Konflikt mit der Justiz, eine Durchsuchung und ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft waren die Folge.

In anderen Ländern wie der Schweiz gibt es Drug-Checking schon seit Jahren. Dort bietet das Drogeninformationszentrum (DIZ) der Stadt Zürich zweimal in der Woche Termine an, an denen Drogen zur Analyse abgegeben werden können. Das Ergebnis kann man später erfragen. Warnungen werden auch im Internet veröffentlicht. Mehrmals pro Jahr gibt es zudem ein sogenanntes mobiles Drug-Checking an verschiedenen Stellen in der Stadt. Diese Analyse dauert etwa eine halbe Stunde.

Warum Menschen Drogen nehmen, welche Risiken jeder kennen sollte und welchen Einfluss verschiedene Substanzen auf die Gesundheit, die Psyche, die Gesellschaft und unser Zusammenleben haben: Auf zeit.de/drogen finden Sie dazu Reportagen, Hintergrundstücke und Tipps zum Umgang mit Drogen wie Alkohol oder Ecstasy.