Neandertaler schlugen sich nicht häufiger die Schädel ein als der moderne Mensch. Das ergab die Auswertung von Schädelfunden, die auf Verletzungen untersucht worden waren. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature (Harvati et al., 2018) veröffentlicht. Die gängigen Vorstellungen über Lebensweise und Verhalten der Neandertaler seien damit in einem weiteren Punkt widerlegt. Das Bild vom grobschlächtigen und gewalttätigen Frühmenschen müsse revidiert werden, schreibt das Team um Paläoanthropologin Katerina Harvati. Vermutungen über vermeintlich gefährlichere Jagdmethoden des Neandertalers im Vergleich zum Homo sapiens hätten sich nicht bestätigt.

Das Team wertete die Daten von mehr als 800 fossilen Schädel- und Knochenfunden aus, die 80.000 bis 20.000 Jahre alt sind. Das ist der größte Datensatz, der von Frühmenschen aus aller Welt derzeit verfügbar ist. Dabei habe sich gezeigt, dass die Verletzungsraten von Neandertalern und Vertretern des Homo sapiens vergleichbar gewesen seien. Bei beiden sei deutlich geworden, dass Männer ein höheres Verletzungsrisiko gehabt hätten als Frauen. Dies lasse sich durch geschlechterspezifische Arbeitsteilung erklären, sagten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Einen Unterschied gab es aber: Unter den Neandertalern waren Schädelverletzungen im Jugendalter etwas häufiger. Bei Homo sapiens kamen sie hingegen über alle Altersgruppen relativ gleich verteilt vor.

Der Neandertaler lebte bis vor etwa 40.000 Jahren in großen Teilen Europas und Asiens. Warum diese Menschengruppe nicht überlebte, ist ungeklärt. An ihrer Stelle breiteten sich dann weltweit die Vorfahren des modernen Menschen aus.