Lulu und Nana haben die Welt verändert, ohne es zu wollen. Zum Besseren? Zum Schlechteren? Der chinesische Forscher He Jiankui will ihr Erbgut im Labor mithilfe des biologischen Werkzeugs Crispr/Cas9 gezielt so verändert haben, dass die Zwillinge von Geburt an gegen das HI-Virus immun sind. Noch ist nicht unabhängig bestätigt, dass es diese Kinder überhaupt gibt. Falls ja und falls He ihr Erbgut gezielt per Genschere verändert hat, wäre das verwerflich. Solche Versuche an Menschen sind zu verurteilen. Und doch ist das, was He behauptet, weder Anlass für apokalyptische Szenarien noch Grund, eine vielverheißende Technik zu verteufeln, die die Landwirtschaft optimiert, neue Therapien ermöglicht und Leben retten wird.

Allein Hes Auftritt ist eine Zäsur. Damit hat er sich über alle gestellt und die Menschheit an einen Punkt gebracht, für den sie noch nicht bereit war – obwohl klar war, dass dieser Moment kommen würde. Ethikräte, Ärztinnen und Forscher weltweit haben schon länger davor gewarnt, gar ein Moratorium für Crispr-Veränderungen an menschlicher DNA gefordert. Gleichzeitig sind die möglichen medizinischen Konsequenzen zwar nicht kalkulierbar, wohl aber kühl überschaubar. Selbst wenn He tatsächlich den Eingriff an den Embryonen vorgenommen hat, ist der Ausgang völlig offen: Eventuell sind die Mädchen immun gegen HIV, vielleicht hat es nichts gebracht, schlimmstenfalls werden sie durch die Genveränderung krank – ein Gedanke, der verdeutlicht, wie gewissenlos Hes Experiment ist.

Die Lehre, die sich aus diesem moralischen Debakel ziehen lässt: Crispr ist zu allem imstande, was Forscherinnen und Forscher sich seit der Entdeckung der revolutionären Genschere erhoffen und vor was sie seit den ersten Erfolgen des Verfahrens warnen. Mit Crispr kann sich der Mensch die Welt nach seinen Vorstellungen erschaffen, indem er Defekte im genetischen Code repariert oder gezielt Eigenschaften einbaut. Das funktioniert mit dem Erbgut von Bakterien und Pflanzen genauso wie mit dem des Menschen. Und zwar so einfach, schnell und sicher wie nie zuvor – ohne dabei unfehlbar zu sein, versteht sich.

Letztlich ist es egal, ob He jetzt die ersten Crispr-Babys schuf oder ob jemand anderes es in einer Woche oder einem Jahr tun wird. Fest steht: Es ist möglich. Längst ist es keine Frage mehr, ob genetisch designte Kinder gezüchtet werden können, sondern mit welchem Risiko – und wann ein Crispr-Eingriff in das menschliche Erbgut gerechtfertigt sein könnte.

Wieder einmal muss dies rückwirkend diskutiert werden. Ähnlich war es, als es in den Achtzigerjahren Wissenschaftlern erstmals gelang, embryonale Stammzellen aus Mäuseembryonen zu gewinnen und in der Kulturschale zu züchten. Oder als 1997 das Klonschaf Dolly der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Oder als man auf einmal ungeborene Kinder allein durch die Analyse des mütterlichen Blutes auf das Downsyndrom testen konnte.

Dieses Muster – erst forschen, dann öffentlich debattieren – ist seit der Entdeckung der Genschere auch bei Crispr wieder zu beobachten, dessen vielfältiges Potenzial unbestritten ist. Es ist unerlässlich, dass Forscherinnen und Forscher im Labor das Machbare austesten, damit eine Gesellschaft überhaupt auf der Basis von Fakten diskutieren kann, wo ethische Grenzen liegen und was Gesetze einschränken sollen. Nur weil sie diese Freiheit im Fall von Crispr hatten, wissen wir inzwischen, dass sich mit der Genschere Malaria in Moskitos ausschalten lässt (PNAS: Gantz et al., 2015), in anderen Tierversuchen machten Forscher gezielt Krankheitsgene unschädlich und tasten sich so an mögliche Therapien beim Menschen heran. Nutzpflanzen wiederum lassen sich schon heute derart präzise verändern, dass mancher das Ergebnis als naturidentisch bezeichnet. Länger frische Äpfel und robuster Weizen sind mögliche Ergebnisse – Produkte, die seit diesem Sommer der GVO-Richtlinie 2001/18 EG für genveränderte Organismen unterliegen. Und es passiert noch weit mehr in Biotechnologie, Pharmazie und Medizin.