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Ein unbekanntes Himmelsobjekt – auf den Weg gebracht von Außerirdischen? Es soll eine Möglichkeit geben, dass es sich bei dem außergewöhnlichen Objekt Oumuamua, das aus einem anderen Sonnensystem stammt und vergangenes Jahr an der Erde vorbeikam, um eine Aliensonde handelt. Das zumindest ist die These, die Abraham Loeb, Leiter des Astronomie-Instituts von Harvard, kürzlich mit einem jungen Kollegen in einem Fachmagazin veröffentlicht hat. ZEIT ONLINE wollte wissen: Wollten die Forscher damit nur Aufmerksamkeit heischen oder ist das transparente Wissenschaft in reinster Form? Wir haben Loeb in Berlin bei seinem Besuch der Falling-Walls-Konferenz getroffen und ihn gefragt, ob er selbst an das glaubt, was er jetzt behauptet.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, es ist wahrscheinlich, dass Aliens existieren, vor allem eine intelligente, hochentwickelte außerirdische Spezies?

Abraham Loeb: Wir Menschen sind nichts Besonderes. Jeder, der so tut, als wären wir die einzige intelligente Zivilisation im Universum, ist arrogant. Ich versuche bescheiden zu sein – kosmische Bescheidenheit nenne ich es. Es gibt zahlreiche Sterne mit erdähnlichen Planeten, die eine Atmosphäre haben, flüssiges Wasser und eine Chemie des Lebens, wie wir sie kennen. Es gibt mehr erdähnliche Planeten als Sandkörner an allen Stränden der Erde. Was bleibt, ist die Frage: Wie finden wir Leben, entweder im Sinne von Mikroben oder höher entwickeltes, mit Technologien? Das ist im Moment ein Fokus meiner Forschung.

ZEIT ONLINE: Sie haben für ziemliche Aufregung mit ihrer aktuellen Studie gesorgt, in der Sie eine weit hergeholte These bezüglich des interstellaren Objekts Oumuamua publiziert haben. Darin heißt es: "Wir diskutieren mögliche Ursprünge solch eines Objekts, einschließlich der Möglichkeit, dass es sich um ein Lichtsegel künstlichen Ursprungs handelt." Glauben Sie wirklich, Oumuamua ist kein Exokomet oder Ähnliches, sondern eine Aliensonde?

Loeb: Oumuamua ist wirklich sonderbar. Es sieht nicht so aus wie die Asteroiden oder Kometen, die wir sonst im Sonnensystem finden. Es hat eine extreme Form. Basierend auf dem reflektierten Sonnenlicht, scheint es um einen Faktor fünf bis zehn deutlich länger als breit zu sein. Und es wird von einer Kraft zusätzlich zur Schwerkraft der Sonne angeschoben, wie die aktuelle Studie eines anderen Forschungsteams zeigt (Nature: Micheli et al., 2018). Nun würde sich auch ein Komet durch die Verdampfung von Eis so verhalten, doch es gibt keinen Schweif aus Gas, der entstehen würde, oder eine veränderte Drehung. Wir fragen also: Was könnte es anschieben? Sonnenlicht war das einzige, das mir in den Sinn kam. Damit das Objekt aber von Sonnenlicht beeinflusst werden kann, muss es wirklich dünn sein wie ein Segel. Ein Lichtsegel. Das ist eine Technologie, an der wir derzeit arbeiten. Eine andere Zivilisation könnte sie bereits entwickelt haben und – einen Schritt weiter gedacht – vielleicht absichtlich als Sonde zur Erde geschickt.

Abraham Loeb ist Leiter des Instituts für Astronomie der Harvard University und Vorsitzender des Beratungskomittees der Breakthrough Starshot Initiative. Der theoretische Physiker ist überzeugt, dass Aliens existieren. Ein Fokus seiner Forschung: Nach Zeugnissen außerirdischen Lebens suchen und Technologien für Weltraumreisen entwickeln; Lichtsegel etwa. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Also sagen Sie, es sei eine Möglichkeit. Eine von vielen.

Loeb: Nicht von vielen. Wenn die Arbeit der Kollegen über den zusätzlichen Schub korrekt ist – und sie sagen, sie hätten zweifelsfrei gemessen – dann frage ich mich: Was könnte der Grund sein? Die einzig andere Möglichkeit neben einem Lichtsegel ist, dass das Objekt zerbrochen ist und ein Bruchstück das andere anstößt. Doch das wäre ein impulsiver Stoß, das Team hat aber einen kontinuierlichen Schub beobachtet.

ZEIT ONLINE: Einige Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, haben betont, dass eine einzelne Idee, was das Objekt sein könnte, diese nicht automatisch zur einzig denkbaren Erklärung macht.

Loeb: Dann sollen diese Forscher in einer eigenen Veröffentlichung etwas anderes vorschlagen. Und dann schauen wir, was sinnvoller ist. Denn das ist der Inbegriff von Wissenschaft. Ich habe den Ansatz von Sherlock Holmes angewendet: Wenn das Unmögliche ausgeschlossen ist, muss das, was übrig bleibt, egal wie unwahrscheinlich es ist, die Wahrheit sein.

ZEIT ONLINE: Andere Wissenschaftlerinnen und Forscher, die nach außerirdischem Leben suchen, in diesem Fall von SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) und Breakthrough Listen, haben versucht, mit Hilfe ihrer Radioteleskope ein Signal von Oumuamua aufzufangen. Sie konnten aber nichts hören. Wie erklären Sie das?

Loeb: Weil so ein Signal vollkommen anders wäre. Das ist so, als würden Sie versuchen, Stimmen zu hören, aber weil Sie keine hören, heißt es, es wäre niemand da. Was aber, wenn einfach gerade niemand spricht?

ZEIT ONLINE: Kann man diese Argumentation nicht ebenso gut umdrehen? Sie sagen: Andere haben nach austretendem Gas geschaut, aber weil sie keins fanden, handle es sich nicht um einen Kometen. Doch Gas ist leicht zu übersehen.

Loeb: In diesem Fall ist es nicht leicht zu übersehen gewesen. Wir sprechen von einem Objekt, das nah an der Erde vorbeigezogen ist.

ZEIT ONLINE: Andere Astronomen sagen, dies sei dennoch möglich, etwa weil sie das Objekt nicht im richtigen Licht untersucht haben. Andere betonten, wichtige Teleskope hätten nicht zur Verfügung gestanden. Warum die Wissenslücken mit etwas Unwahrscheinlichem füllen, anstatt die unter den Umständen erfassten Daten im Hinblick auf die normale, wahrscheinlichste Lösung auszuwerten?

Loeb: Der Zweck unserer Studie ist nicht, darauf zu beharren, dass wir recht haben. Sie dient dazu, Menschen zu motivieren, das nächste interstellare Objekt mit den besten Teleskopen zu beobachten, die es gibt. Vergangenes Jahr hat sich niemand für Oumuamua interessiert. Seit dieser Studie schon. Mein Ziel ist es, die Wahrheit zu finden, nicht Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht Meinungsumfragen auf Twitter bestimmen, um was für ein Objekt es sich bei dem Himmelskörper handelt, sondern die wissenschaftlichen Beweise.

"Dies war kein Stunt, es war nur eine Studie"

Die künstlerischen Darstellungen, die derzeit von Oumuamua kursieren, sind etwa so real wie Spezialeffekte in Science-Fiction-Filmen. © Nasa/Esa/STScI

ZEIT ONLINE: Genau das aber ist die Diskussion – was für Beweise haben Sie?

Loeb: Wir haben nicht genug Beweise und ich hätte gern mehr Daten. Die Menschen müssen motiviert werden, welche zu erheben. Ich habe keine Probleme damit, es zuzugeben, falls ich falsch liege. Das größte Privileg eines Wissenschaftlers ist es, sich die kindliche Neugier zu bewahren. Sie müssen nicht so tun, als wüssten sie die Antwort. Sie können Fragen stellen, Risiken eingehen, es ist okay, falsch zu liegen. Kinder sind gut darin, aber sobald sie erwachsen werden, verlieren sie diese Unschuld. Viele meiner Kollegen haben sie verloren.

ZEIT ONLINE: Sie forschen seit Jahren an Lichtsegeln. Sie sind Vorsitzender des Beirats für Breakthrough Starshot, einer Initiative, die superdünne Lichtsegelraumschiffe angetrieben von einem Laser in ferne Sternsysteme schicken will. Sehen Sie in Oumuamua vielleicht das, was Sie am meisten begehren – ein funktionierendes Lichtsegel?

Loeb: Durchaus möglich. Wir Menschen können uns nur Dinge vorstellen, die wir kennen. Die Natur ist deutlich reicher. Selbstverständlich habe ich einen Hang zu Technologien, die mir bekannt sind. Wäre ich vor 50 Jahren, als die Radiotechnologie entwickelt wurde, Forscher gewesen, hätte ich gesagt, wir sollten damit nach Signalen suchen – und das ist genau, was Menschen gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, sie wollen die Wahrheit finden, Menschen motivieren, eine Debatte anstoßen. Aber ist das, was Sie hier tun, nicht einfach Werbung? Sie arbeiten an etwas, das manche für schwierig bis unmöglich halten. Nun behaupten Sie, jemand – noch dazu aus einem fernen Sonnensystem – habe das vielleicht bereits geschafft. Sicherlich hat die Breakthrough Prize Foundation nicht gezögert, die Publikation finanziell zu unterstützen?

Loeb: Dies war kein wissenschaftlicher Stunt. Es war nur eine Studie. Ich hatte die Idee, habe einen Postdoc angesprochen und gefragt, ob er mit mir zusammenarbeiten möchte. Wir haben die Studie erstellt, online gestellt und plötzlich gab es die ganze Aufmerksamkeit.

ZEIT ONLINE: Sie halten diese Studie also für "wissenschaftlich und evidenzbasiert" und nicht etwa für den Versuch zu zeigen, wie einfach es ist, mediale Erregung zu erzeugen, indem man eine äußerst umstrittene Idee publiziert?

Loeb: Genau. Dass die Studie innerhalb von drei Tagen geprüft und angenommen wurde, zeigt, dass noch mehr Wissenschaftler so denken wie wir. Das andere wiederum so eine Publikation alarmierend finden, ist ihr Problem. Es ist mir egal, was andere denken. Mein Ruf kümmert mich nicht. Auch die Aufmerksamkeit ist mir egal. Ich antworte Reportern, um der Öffentlichkeit zu erklären, wie Forschung funktioniert, denn heutzutage mangelt es selbst Politikern – vor allem in den USA – an Achtung vor der Wissenschaft.

Wir sollten uns ein wenig finanzielle Förderung von riskanten Unternehmungen erlauben.
Abraham Loeb, Astrophysiker

ZEIT ONLINE: Müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute origineller sein, um gehört zu werden?

Loeb: Viele junge Leute in der Forschung haben Angst vor Risiken. Ein Grund dafür ist, dass es viel Druck gibt. Ein anderer sind die Arbeitsmöglichkeiten. In der akademischen Welt wollen sich konservative Professoren selbst verewigen. Sie haben eine wissenschaftliche Agenda und fördern Studenten und Postdocs, die genau dasselbe sagen wie sie. So erzeugen sie eine Echokammer. Das Problem ist, dass ein Professor oder eine Professorin unrecht haben kann, nicht das vollständige Bild sieht oder die neuesten Beweise. Ich möchte das durchbrechen und sage: Kümmert Euch nicht um den Job oder euer Image. Wir machen das, um die Natur zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Als Professor leiten sie Harvards Institut für Astronomie. Ist es in dieser Position nicht einfacher, Resonanz für die ganz weit hergeholten Theorien zu bekommen, als etwa als Postdoc?

Loeb: Das stimmt. Aber es geht nicht um mich. Es geht um das Ziel. Ja, wir sollten Dinge fördern, die vorhersagbar sind und von denen wir die Ergebnisse kennen. Doch wir sollten auch riskante Unternehmungen finanziell unterstützen. Ohne Fehler zu machen und außerhalb des Mainstreams zu denken, sind große Entdeckungen nicht möglich. Wir sollten uns erlauben, Dinge zu finden, die wir nicht erwarten. Oumuamua ist daher ein Geschenk des Himmels.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nicht, der Wissenschaft mit solch einer gewagten These zu schaden? Ihre Glaubwürdigkeit steht in Zeiten der Fake-News-Debatte auf dem Spiel.

Loeb: Ich versuche, die gegenteilige Botschaft zu vermitteln: Alles dreht sich um Evidenz. Ich wäre begeistert, wenn mir jemand bessere Beweise liefern würde. Selbst wenn ich falsch läge, wenn es einfach nur ein Stück Stein wäre, wäre ich glücklich. Es ist wichtig, zu zeigen, dass Wissenschaft ein Prozess ist, dass Forscherinnen und Forscher manchmal falsch liegen und falls ja, inwiefern. Indem man seine Fehler zugibt und zeigt, was man daraus gelernt hat, indem man transparent ist, schafft man Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

"Ich will anders denken!"

ZEIT ONLINE: Ich verstehe, wenn Sie sagen, es brauche mehr als eine Studie und es gelte, den Prozess der Forschung zu dokumentieren. Das Problem ist aber, dass jährlich Tausende Arbeiten publiziert werden. Allein Sie haben dieses Jahr 40 geschrieben, das ist viel. Wer soll in dieser Masse noch das Bedeutende vom Unbedeutenden trennen?

Loeb: Nicht die Zahl ist entscheidend, sondern der Inhalt. Wenn meine Studien spannend und interessant für die Fachkollegen sind, erfüllen sie einen Zweck. Es gibt in allen Forschungsbereichen viele Studien, die dasselbe sagen. Das ist Ressourcenverschwendung. Wir brauchen Vielfalt, neue Ideen, Out-of-the-box-Publikationen, die neue Fragen aufwerfen.

ZEIT ONLINE: Unter den zahlreichen Studien weltweit waren einige, die aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen werden mussten. Manche Fachleute sagen, sie müssten zu viele Forschungsarbeiten in zu kurzer Zeit  lesen und überprüfen – deshalb würden auch unseriöse Studien publiziert.

Loeb: Ja, das ist bedauernswert. Wir können die Zahl der Studien reduzieren, indem wir erstens aufhören, die Zahl an Publikationen als Beförderungskriterium in der Forschung anzusehen. Und zweitens indem wir den Nachwuchs ermutigen, sich von anderen in ihrem Fach zu unterscheiden. Es ist schwierig und herausfordernd, einzigartig zu sein, aber auch wertvoll.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie wollen einzigartig sein …

Loeb: Ich will anders denken!

ZEIT ONLINE: Okay, Sie sagen, Sie wollen anders denken und es gehe um die Idee, nicht um Sie selbst. Nun bekommen Sie für eine Studie, die die Existenz eine Aliensonde in Erwägung zieht, mehr Aufmerksamkeit als für jede andere Veröffentlichung davor. Wie geht es Ihnen damit?

Loeb: Es ist mir egal. Die Aufmerksamkeit wird schwinden, die Neugier bleiben. Das ist das Schöne an der Wissenschaft. So viele Jahre wurde ich ignoriert. Einige meiner Ideen galten als naiv, aber ich habe sie dennoch zur Diskussion gestellt. Und wissen Sie was? Etwas, das ich vor 13 Jahren vorhergesagt habe, wurde jüngst von einem deutschen Forscherteam entdeckt (Astronomy & Astrophysics: Gravity Collaboration, 2018). Das ist die größte Genugtuung: Ich habe etwas herausgefunden, an das niemand sonst gedacht hat. Ich bin sicher, das trifft auch auf Oumuamua zu. Und wenn das nur heißt, dass es sich dabei um etwas handelt, das sich von allem bislang Bekannten unterscheidet. Dass sich schon viele Menschen für diese Idee interessieren, sollte nicht gegen sie verwendet werden.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, wir finden eines Tages außerirdisches Leben. Belastbare Beweise. Wird es dann nicht schwer, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, nachdem die Leute schon so oft gehört haben, dies oder jenes könne ein Signal von Aliens sein?

Loeb: Das ist doch egal. Wir könnten aufgrund von Fehlalarmen die ignorante Zivilisation sein. Doch das Universum ist, was es ist. Unabhängig davon, was wir glauben wollen.