Die künstlerischen Darstellungen, die derzeit von Oumuamua kursieren, sind etwa so real wie Spezialeffekte in Science-Fiction-Filmen. © Nasa/Esa/STScI

ZEIT ONLINE: Genau das aber ist die Diskussion – was für Beweise haben Sie?

Loeb: Wir haben nicht genug Beweise und ich hätte gern mehr Daten. Die Menschen müssen motiviert werden, welche zu erheben. Ich habe keine Probleme damit, es zuzugeben, falls ich falsch liege. Das größte Privileg eines Wissenschaftlers ist es, sich die kindliche Neugier zu bewahren. Sie müssen nicht so tun, als wüssten sie die Antwort. Sie können Fragen stellen, Risiken eingehen, es ist okay, falsch zu liegen. Kinder sind gut darin, aber sobald sie erwachsen werden, verlieren sie diese Unschuld. Viele meiner Kollegen haben sie verloren.

ZEIT ONLINE: Sie forschen seit Jahren an Lichtsegeln. Sie sind Vorsitzender des Beirats für Breakthrough Starshot, einer Initiative, die superdünne Lichtsegelraumschiffe angetrieben von einem Laser in ferne Sternsysteme schicken will. Sehen Sie in Oumuamua vielleicht das, was Sie am meisten begehren – ein funktionierendes Lichtsegel?

Loeb: Durchaus möglich. Wir Menschen können uns nur Dinge vorstellen, die wir kennen. Die Natur ist deutlich reicher. Selbstverständlich habe ich einen Hang zu Technologien, die mir bekannt sind. Wäre ich vor 50 Jahren, als die Radiotechnologie entwickelt wurde, Forscher gewesen, hätte ich gesagt, wir sollten damit nach Signalen suchen – und das ist genau, was Menschen gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, sie wollen die Wahrheit finden, Menschen motivieren, eine Debatte anstoßen. Aber ist das, was Sie hier tun, nicht einfach Werbung? Sie arbeiten an etwas, das manche für schwierig bis unmöglich halten. Nun behaupten Sie, jemand – noch dazu aus einem fernen Sonnensystem – habe das vielleicht bereits geschafft. Sicherlich hat die Breakthrough Prize Foundation nicht gezögert, die Publikation finanziell zu unterstützen?

Loeb: Dies war kein wissenschaftlicher Stunt. Es war nur eine Studie. Ich hatte die Idee, habe einen Postdoc angesprochen und gefragt, ob er mit mir zusammenarbeiten möchte. Wir haben die Studie erstellt, online gestellt und plötzlich gab es die ganze Aufmerksamkeit.

ZEIT ONLINE: Sie halten diese Studie also für "wissenschaftlich und evidenzbasiert" und nicht etwa für den Versuch zu zeigen, wie einfach es ist, mediale Erregung zu erzeugen, indem man eine äußerst umstrittene Idee publiziert?

Loeb: Genau. Dass die Studie innerhalb von drei Tagen geprüft und angenommen wurde, zeigt, dass noch mehr Wissenschaftler so denken wie wir. Das andere wiederum so eine Publikation alarmierend finden, ist ihr Problem. Es ist mir egal, was andere denken. Mein Ruf kümmert mich nicht. Auch die Aufmerksamkeit ist mir egal. Ich antworte Reportern, um der Öffentlichkeit zu erklären, wie Forschung funktioniert, denn heutzutage mangelt es selbst Politikern – vor allem in den USA – an Achtung vor der Wissenschaft.

Wir sollten uns ein wenig finanzielle Förderung von riskanten Unternehmungen erlauben.
Abraham Loeb, Astrophysiker

ZEIT ONLINE: Müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute origineller sein, um gehört zu werden?

Loeb: Viele junge Leute in der Forschung haben Angst vor Risiken. Ein Grund dafür ist, dass es viel Druck gibt. Ein anderer sind die Arbeitsmöglichkeiten. In der akademischen Welt wollen sich konservative Professoren selbst verewigen. Sie haben eine wissenschaftliche Agenda und fördern Studenten und Postdocs, die genau dasselbe sagen wie sie. So erzeugen sie eine Echokammer. Das Problem ist, dass ein Professor oder eine Professorin unrecht haben kann, nicht das vollständige Bild sieht oder die neuesten Beweise. Ich möchte das durchbrechen und sage: Kümmert Euch nicht um den Job oder euer Image. Wir machen das, um die Natur zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Als Professor leiten sie Harvards Institut für Astronomie. Ist es in dieser Position nicht einfacher, Resonanz für die ganz weit hergeholten Theorien zu bekommen, als etwa als Postdoc?

Loeb: Das stimmt. Aber es geht nicht um mich. Es geht um das Ziel. Ja, wir sollten Dinge fördern, die vorhersagbar sind und von denen wir die Ergebnisse kennen. Doch wir sollten auch riskante Unternehmungen finanziell unterstützen. Ohne Fehler zu machen und außerhalb des Mainstreams zu denken, sind große Entdeckungen nicht möglich. Wir sollten uns erlauben, Dinge zu finden, die wir nicht erwarten. Oumuamua ist daher ein Geschenk des Himmels.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nicht, der Wissenschaft mit solch einer gewagten These zu schaden? Ihre Glaubwürdigkeit steht in Zeiten der Fake-News-Debatte auf dem Spiel.

Loeb: Ich versuche, die gegenteilige Botschaft zu vermitteln: Alles dreht sich um Evidenz. Ich wäre begeistert, wenn mir jemand bessere Beweise liefern würde. Selbst wenn ich falsch läge, wenn es einfach nur ein Stück Stein wäre, wäre ich glücklich. Es ist wichtig, zu zeigen, dass Wissenschaft ein Prozess ist, dass Forscherinnen und Forscher manchmal falsch liegen und falls ja, inwiefern. Indem man seine Fehler zugibt und zeigt, was man daraus gelernt hat, indem man transparent ist, schafft man Vertrauen und Glaubwürdigkeit.