Es könnte ein Komet sein. Ein Asteroid. Ein bislang unbekanntes interstellares Objekt – oder gar eine weit größere Sensation? Seitdem der mysteriöse Himmelskörper mit dem hawaiianischen Namen Oumuamua vor gut einem Jahr an der Erde und an den Linsen hochsensibler Teleskope vorbeizog, treibt er Astronominnen und Astronomen um. Niemand weiß, wo dieses Ufo herkommt oder was genau es ist. Nun hat ein führender Forscher des Felds eine aufsehenerregende These postuliert: Bei dem kosmischen Nomaden könnte es sich um eine außerirdische Sonde handeln. Und er selbst sei davon ziemlich überzeugt.

"Wir diskutieren die Ursprünge solch eines Objekts, einschließlich der Möglichkeit, dass es sich um ein Lichtsegel künstlichen Ursprungs handelt", schreibt Abraham Loeb in einer Veröffentlichung über 1I/2017 U1 (Oumuamua), wie der Körper laut offiziellem Beschluss der Internationalen Astronomischen Union heißt. Bereits Anfang November hat er einen Entwurf des mit seinem Kollegen Shmuel Bialy verfassten Papers online gestellt. Am 12. November soll diese Studie in The Astrophysical Journal Letters erscheinen. Vorab vermarktet Loeb seine Theorien als "wissenschaftliche Weltpremiere" auf der Falling-Walls-Konferenz in Berlin, zu der sich jährlich zum Tag des Mauerfalls internationale Stars aus der Wissenschaft zum Diskurs treffen.

Auch Loeb ist nicht irgendwer, sondern er leitet das Institut für Astronomie der Eliteuniversität Harvard im US-amerikanischen Cambridge. Und, ebenfalls wichtig: Der Physiker ist Teil der Breakthrough-Starshot-Initiative, die eine Mission zum von der Erde aus gesehen nächstgelegenen Sternensystem Alpha Centauri schicken will. Ist das, was er jetzt über Oumuamua schreibt, also wirklich die langersehnte Entdeckung außerirdischen Lebens? Oder stecken hinter dem Hype um die aktuelle Studie andere Motive?

So real wie Spezialeffekte in einem Science-Fiction-Film

Am 19. Oktober 2017 hatten Forscher 1I/2017 U1 im All erspäht, 33 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Seitdem ist die Weltraumzunft von dem Brocken fasziniert. Als gesichert gilt wenig, denn längst ist Oumuamua aus dem Blick der Teleskope entschwunden. Fest steht bloß: Mit ihm konnten Astronominnen und Astronomen erstmals ein Himmelsobjekt aus einem fernen Sternensystem beobachten, das unser eigenes Sonnensystem besuchte. Und wie man seit Juni dieses Jahres weiß, fällt Oumuamua nicht, sondern fliegt und hat sogar zusätzlich beschleunigt, während er sich in der Nähe unserer Sonne befand (Nature: Micheli et al., 2018).

Bezüglich der Länge des kosmischen Brockens ist man sich dann aber schon unsicher. Misst er 400 Meter oder doch 800 Meter? Wie steht es um seine Dichte? Woraus besteht er, Eis oder Gestein? Wieso sieht er aus wie ein Komet, hat aber keinen Schweif? Was sorgte für die Beschleunigung? Taumelt er? Und wo genau kommt das Objekt her? Auch bezüglich der Form herrscht Uneinigkeit: Manche sagen, es ähnele einer Zigarre, für andere sieht es mehr aus wie ein flacher Pfannkuchen. Was die Teleskope an Daten über seine Form erfasst hatten, half hierbei nur bedingt weiter. Entsprechend sind die künstlerischen Darstellungen, die derzeit von Oumuamua kursieren, etwa so real wie Spezialeffekte in Science-Fiction-Filmen. Zur Verteidigung: Oumuamua ist auch für Experten ein Novum. Da ist es nachvollziehbar, dass er mehr Fragen aufwirft, als er Antworten liefert.

Es sind vor allem seine Form, Reflexion und Bewegung, die zur Fantasie anregen. Nie zuvor war ein Körper im Weltraum beobachtet worden, der sich so anders als alles Bekannte verhält. Und dann kommt Oumuamua auch noch aus unbekannten Gefilden. Ist es da, wenn auch nicht naheliegend, nicht zumindest möglich, dass es sich um ein interstellares Raumschiff Außerirdischer handelt? Eine derart flache Bauweise minimiere schließlich die Reibung mit Gasen und Staub im Weltall.

Die Geschichte legt nahe, dass wir nicht zu viel in solche Phänomene hineinlesen sollen.
Seth Shostak, Leiter des Seti-Projekts

Abraham Loeb ist nicht der Einzige, der die Idee eines außerirdischen Raumschiffs verfolgt. Ende 2017 hatten Forscherinnen und Forscher des Projekts Breakthrough Listen mit dem Green-Bank-Teleskop einen Lauschangriff gestartet, genau wie die Aliensucher von Seti, kurz für search for extraterrestrial intelligence, mit ihren Radioteleskopen. "Wir haben Oumuamua mit dem Allen Telescope Array untersucht und hätten jeden Radiotransmitter mit der Stärke eines Handys oder stärker aufspüren können", sagte Seti-Leiter Seth Shostak im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Doch weder er noch sonst jemand vernahm ein verräterisches Geräusch. "Zudem decken sich die Farben des Objekts mit einem Asteroiden oder Kometen." Shostak tendiert daher zu der Annahme, dass es sich bei Oumuamua um ein vollkommen natürliches Objekt handelt.

Allein die unübliche Beschleunigung auf seiner Reise an der Sonne vorbei könne einen darauf bringen, dass eine extraterrestrische Zivilisation das Objekt vorsätzlich zur Erde geschickt habe, sagte Shostak. "Doch die Geschichte legt nahe, dass wir nicht zu viel in solche Phänomene hineinlesen sollen." Auch verschiedene Pioneer-Sonden der Nasa, die Anfang der Siebzigerjahre ins All geschossen wurden und unter anderem den Jupiter erforschen sollten, hatten so eine außergewöhnliche Beschleunigung gezeigt. Manch einer sprach damals von einer unbekannten Physik, die es zu ergründen gelte. Dann stellte sich heraus: Ursache für die Anomalie war, dass sich das Innere der Sonde erhitzt hatte. Keine neue Physik also.

Ein anderes Beispiel: "Als 1967 der erste Pulsar entdeckt wurde, mutmaßten die Entdeckerin und Kollegen, dahinter könne eine außerirdische Existenz stecken", sagt der Astrobiologe Douglas Vakoch, "weil die Strahlenquelle sich so anders als alles bis dato Beobachtete verhielt." Im Laufe der auf die Entdeckung folgenden Monate jedoch wiesen Astronomen mithilfe ihrer Instrumente weitere Pulsare nach – und die Astrophysik lieferte eine Erklärung: Es handelt sich um Neutronensterne, die sehr schnell rotieren und dabei einen Radiostrahl aussenden, der die Erde in Abständen kurz trifft.