Kein Europäer hat insgesamt mehr Zeit im Weltraum verbracht als Alexander Gerst: Nach fast 200 Tagen an Bord der Internationalen Raumstation ISS ist der Astronaut und Geophysiker am 20. Dezember von seiner letzten Mission auf die Erde zurückgekehrt. Bereits 2014 war er im All. Gerst ist zudem der erste Deutsche, der das Kommando auf der Station übernommen hat. Nur wenige Tage nach seiner Landung gab er ZEIT ONLINE eines seiner ersten Interviews.

ZEIT ONLINE: Herr Gerst, Sie waren mehr als sechs Monate im All. Fühlt man sich nach so langer Zeit fremd auf der Erde?

Alexander Gerst: Nein, überhaupt nicht. Ich habe 41 Jahre lang auf dieser Erde gelebt und noch ein Jahr an Bord der Raumstation. Im Vergleich ist das ein sehr kurzer Zeitraum – kurz genug, dass man sich schnell wieder eingewöhnt. Und es ist nicht einmal so, dass das ein komisches Gefühl wäre. Eher, als sei man aus einem langen Traum wieder aufgewacht.

ZEIT ONLINE: Hoffentlich kein Albtraum.

Gerst: Definitiv nicht. Die Bilanz der Mission ist, in meinen Augen, sehr positiv – gekrönt von einem tollen Ritt in der Sojus-Kapsel zurück zur Erde.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie in den letzten Wochen im All einen Herzschmerz-Vers des Poeten Charles Bukowski zitiert und eine emotionale Botschaft an Ihre ungeborenen Enkel ausgestrahlt. Wird man sentimental nach so vielen Monaten im All?

Gerst: Nein. Insbesondere die Nachricht an die Enkel wollte ich eigentlich schon beim letzten Mal aufzeichnen, doch da fehlte mir die Zeit. Diesmal hatte ich etwas Freiraum, und die Botschaft ist entstanden. Primär ist sie ohnehin für mich selbst gedacht, beziehungsweise für meine Enkel.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie das Video im Internet veröffentlicht und nicht für die künftige Familie unter Verschluss gehalten. Warum?

Gerst: Weil ich auch so etwas wie einen Referenzpunkt setzen wollte, eine Art verbale Zeitkapsel. Ich wollte aufzeigen, wie unsere Generation die Welt sieht, wie wir Raumfahrt sehen, wie wir Dinge sehen, die vielleicht nicht so gut laufen.

ZEIT ONLINE: Was war denn das Erschreckendste, das Sie während ihrer Mission aus dem All mitansehen mussten?

Gerst: Erschreckend ist vielleicht das falsche Wort, weil es etwas Plötzliches beinhaltet, das man vorher noch nicht wahrgenommen hatte. Am ehesten in diese Richtung geht wohl noch die Trockenheit auf der Erde, die war für mich neu – und erstaunlich: Als ich gesehen habe, wie braun Europa mitten im Sommer ist, war ich in der Tat ein bisschen erschrocken. Vieles andere würde ich aber eher in die Kategorie "enttäuschend" packen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Gerst: Dass man mitansehen muss, wie die Rodung der Wälder unverändert fortschreitet, oder dass die Gletscher weiter zurückgehen. Ich habe Gletscher entdeckt, die ich noch aus meiner Zeit in Neuseeland vor mehr als 20 Jahren kannte und die wesentlich kleiner geworden sind. Sieht man solche Dinge von oben, gibt einem das zu denken. Wirklich erschreckend war für mich allerdings etwas ganz anderes: zu sehen, dass die Aufstiegsspur meiner beiden Kollegen abrupt endete, als sie mit ihrer Sojus im Oktober zu uns hochfliegen wollten.

ZEIT ONLINE: Die Crew musste damals – wegen eines Problems mit der Rakete – in der kasachischen Steppe notlanden, anstatt wenig später bei Ihnen an der ISS anzudocken. Wenige Monate zuvor saßen Sie selbst in so einer Kapsel.

Gerst: Wir haben von der Cupola aus zugesehen, unserer Aussichtsplattform, und als die Spur der Rakete irgendwann aufhörte, hatte ich ein komisches Gefühl. Ein paar Sekunden später hat uns die Bodenkontrolle dann mitgeteilt, dass sie auf einen vertraulichen Funkkanal wechseln würde, bei dem niemand mithören könne. Da haben wir dann erfahren, dass es einen Fehlstart gab, dass es der Crew aber gut geht. Das war das Wichtigste.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Gerst: Alles Weitere wussten wir in dem Moment noch nicht. Uns wurde allerdings schnell bewusst, dass wir nun mehrere Monate zu dritt auf der Raumstation bleiben müssen. Denn nach dem Fehlstart wurden die weiteren Sojus-Flüge natürlich erst einmal ausgesetzt, um Zeit für die Fehleranalyse zu gewinnen.

ZEIT ONLINE: Rückt man in so einem Moment näher zusammen?

Gerst: Ja, auf alle Fälle. Ursprünglich waren wir ja zu sechst. Da ist die Crew so groß, dass jeder sich von Zeit zu Zeit auch einmal zurückzuziehen kann, ohne die Stimmung zu beeinflussen. Ist man hingegen nur noch zu dritt, macht man automatisch viel mehr Dinge gemeinsam, und das ist auch wichtig so. Wir haben zum Beispiel jeden Abend zusammen gegessen. Oder ich bin als Kommandant öfters zu meinem Kollegen Sergej Prokopjew in den russischen Teil der Station geschwebt, habe ihm was zu trinken gebracht, mit ihm gequatscht.

"Jetzt ist es schön, wieder nach Hause zu kommen"

ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt wie Lektion drei aus dem Handbuch für Führungskräfte.

Gerst: Nein, das war nicht gekünstelt. Klar, wir wussten, dass so etwas wichtig ist, und ich habe als Kommandant auch versucht, entsprechende Möglichkeiten und Freiräume zu schaffen. Aber das war mit dieser Crew überhaupt nicht schwer. In einer derart großen Raumstation will man einfach nicht nur den ganzen Tag allein in seinem Modul arbeiten. Da freut man sich sehr auf die Zeit, die man abends mit den anderen verbringen kann, und sei es nur zum Quatschen.

Alexander Gerst, Jahrgang 1976, ist Deutschlands erster Social-Media-Astronaut: Allein auf Twitter folgen ihm mehr als 1,2 Millionen Menschen. Der promovierte Geophysiker nutzt die globale Aufmerksamkeit, um die Faszination der Raumfahrt zu vermitteln, aber auch, um mit seinen Bildern auf irdische Probleme hinzuweisen. 2009, bei der bislang letzten Auswahlrunde für das europäische Astronautenkorps, setzte er sich gegen mehr als 8.000 Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch. Im Mai 2014 brach Gerst zu seinem ersten Flug ins All auf – als elfter deutscher Raumfahrer. © Volker Hartmann/Getty Images

ZEIT ONLINE: Oder zum Filme schauen.

Gerst: Die Tradition gab es ja schon länger, aber ich habe darauf geachtet, dass wir wirklich jeden Samstagabend die Leinwand ausrollen und den Projektor anwerfen. Reihum durfte dann jeder einen Film aussuchen, zum Beispiel aus der jeweiligen Heimat.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gezeigt?

Gerst: Unter anderem einen Zweiteiler über die Antarktis-Expedition des britischen Polarforschers Ernest Shackleton.

ZEIT ONLINE: Bei der das Expeditionsschiff, die Endurance, vom Packeis zerquetscht wurde. Klingt nicht sehr motivierend.

Gerst: Im Gegenteil: Shackleton musste sein ursprüngliches Ziel, die Durchquerung der Antarktis, zwar aufgeben, hat dann aber sehr erfolgreich seine Mannschaft motiviert, geführt und alle wieder sicher nach Hause gebracht. Der Film hat uns zu denken gegeben – auf eine positive Art. Wenn man sieht, was andere Leute erlebt und ausgehalten haben, hilft das, die eigene Situation ein bisschen zu relativieren.

ZEIT ONLINE: Letztlich haben Ihnen die Sojus-Probleme eine Verlängerung Ihrer Mission um eine Woche beschert. Wären Sie gerne noch länger geblieben?

Gerst: Bei mir ist das so: Ich stelle mich mental darauf ein, wie lange eine Mission dauern wird, und am Ende ist es dann auch gut. Das ist wie beim Urlaub: Sind drei Wochen geplant, habe ich zum Schluss auch immer das Gefühl, jetzt ist es schön, wieder nach Hause zu kommen. Und so war es dann auch. Dennoch habe ich mich über die zusätzliche Woche gefreut.

ZEIT ONLINE: Vor Beginn Ihrer zweiten Mission hatten Sie gehofft, dieses Mal Start und Landung genießen zu können, da Sie beim ersten Flug zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt waren. Hat das geklappt?

Gerst: Nein, leider nicht. Das war diesmal sogar noch komplizierter. Bei der Landung hatte mein Kollege Sergej, der die Sojus kommandierte, zum Beispiel ein Problem mit einem Kabel für die Funkverbindung. Somit musste ich die Kommunikation auf Russisch mit der Bodenkontrolle übernehmen und die Instrumente überwachen – vor allem während des Wiedereintritts, wo farbenfrohes Plasma die Fenster umhüllt. Ich durfte den Computer in dem Moment allerdings keine Sekunde aus den Augen lassen.

ZEIT ONLINE: Also brauchen Sie noch einen dritten Flug in der Sojus?

Gerst: Genau (lacht). Aber ich glaube, selbst nach dem zehnten Flug hat man noch nicht alles mitbekommen – ganz einfach, weil es eine derart komplexe Umgebung ist. Da stößt man schnell an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit.

"Rekorde haben mich noch nie angetrieben"

ZEIT ONLINE: Sie waren der erste deutsche Kommandant der Raumstation. Sie sind mit insgesamt 362 Tagen im All neuer europäischer Rekordhalter. Was treibt Sie noch an?

Gerst: Rekorde haben mich noch nie angetrieben, das ist nicht mein Ding. Und mein Rekord wird sowieso recht schnell von einem Kollegen gebrochen werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Was auch gut ist, denn das ist ein Zeichen für Kontinuität in Europas Raumfahrt. Aber wie viele Tage man letztlich wo verbringt ist doch überhaupt nicht wichtig.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Gerst: Aus meiner Sicht muss das Leben nicht eine Abfolge von Erlebnissen sein, bei der jede neue Erfahrung die alte in den Schatten stellt. Ich bin vielmehr froh, jetzt erst einmal einen Gang zurückschalten zu können und meine Kolleginnen und Kollegen bei ihren Flügen zu unterstützen. Gleich wieder ins Missionstraining einzusteigen und im gleichen Tempo weiterzumachen hält auf Dauer niemand durch.

ZEIT ONLINE: Aber Sie wollen schon noch einmal fliegen und nicht – wie andere Astronauten – nur noch Bücher schreiben oder Vorträge halten?

Gerst: Klar würde ich mich freuen, wenn es noch eine Mission gäbe. Aber was die Zukunft bringen mag, das lasse ich in Ruhe auf mich zukommen.

ZEIT ONLINE: Und wenn Sie die Wahl hätten: noch mal zur ISS, zum Mond oder irgendwann zum Mars?

Gerst: Die ISS wäre sicherlich im Bereich des Möglichen, und ich würde bestimmt nicht Nein sagen. Könnte ich es mir aussuchen, würde ich sehr gerne zum Mond fliegen – weil das der nächste Schritt nach außen ist, weil das für mich eine neue Entdeckungsreise wäre.

ZEIT ONLINE: Auf der ISS gibt es nichts mehr zu entdecken?

Gerst: Wissenschaftlich betrachtet ist die Raumstation natürlich noch immer eine Entdeckungsreise. Aber für mich ist sie ein Terrain, das ich schon kenne. Ich war immer neugierig, ich wollte immer neue Erfahrungen machen. Daher würde mich der Mond sehr reizen.

ZEIT ONLINE: Während Sie weg waren, wurde ihr Kollege Matthias Maurer neu ins europäische Astronautenkorps aufgenommen. Er leitet die künftige Mond-Trainingsanlage der Esa und wird bereits zum ersten Deutschen auf dem Mond hochgejubelt. Erwächst Ihnen da Konkurrenz im eigenen Haus?

Gerst: Ach nein, das sehen wir realistisch: Wir haben in unserer Astronautenklasse früh gelernt, dass es nicht von einzelnen Fähigkeiten abhängt, wer welche Mission bekommt. Da spielt vielmehr Politik mit hinein, aber auch die banale Frage, wer gerade verfügbar ist. Insofern muss sich niemand profilieren oder durch eigene Projekte von den anderen absetzen. Das ist auch ganz gut so, denn dadurch sind wir keine Konkurrenten geworden, sondern eher Freunde. 

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung lobt sie als "Sympathieträger" und "Identifikationsfigur". Esa-Chef Johann-Dietrich Wörner preist ihre Funktion als "Botschafter". Nervt es Sie eigentlich, in der Öffentlichkeit primär als Maskottchen der Raumfahrt gesehen zu werden, nicht als Forscher oder – wie Sie selbst sagen – Expeditionsleiter?

Gerst: Nein, ganz und gar nicht. Wir wollen bei der Raumfahrt schließlich unterschiedliche Aspekte transportieren: Es ist eben nicht so, dass wir nur wegen der Wissenschaft in den Weltraum fliegen oder nur wegen der Inspiration oder nur wegen der internationalen Kooperation. Wir müssen das alles hinbekommen, und noch dazu müssen wir Entdecker sein, um den nächsten Schritt ins All vorzubereiten. Da ist es doch ganz normal, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Dinge herausstellen. Hauptsache, die Gesamtbalance stimmt. Und die passt aus meiner Sicht.