Am 9. Dezember 1968 betrat Douglas Engelbart die Bühne. 100 Minuten später feierte ihn das Fachpublikum der Fall Joint Computer Conference in San Francisco mit stehendem Applaus, beeindruckt von dem, was es gerade gesehen hatte. Aber ohne um die Bedeutsamkeit zu wissen. Denn in seinem Vortrag – der "Mutter aller Demos" – präsentierte Engelbart gleich mehrere bahnbrechende Entwicklungen der Computergeschichte, darunter Software-Fenster, Hyperlinks, eine Videokonferenz und: die Computermaus.

50 Jahre später staunt niemand mehr über das handliche Gerät. Tag für Tag nehmen sie Milliarden Menschen in die Hand. Sie greifen, bewegen, klicken. Ist sie zu schmutzig oder geht sie kaputt, gibt es halt eine neue. Die Maus ist austauschbar und dennoch unersetzlich. Denn bis heute ist sie einer der einfachsten Wege, um mit Maschinen zu kommunizieren.  

Ohne die Erfindung der Maus wären viele Entwicklungen kaum vorstellbar gewesen. PCs, Betriebssysteme wie Windows oder Mac OS, Software von der Textverarbeitung hin zu Games: All das sähe vermutlich anders aus. Doch so erfolgreich die Computermaus auch ist – ihr langsames Aussterben ist zu beobachten. Die ersten Menschen, die ohne Maus aufwachsen, sind längst geboren. Damit hat sich Douglas Engelbarts Vision mehr als erfüllt: die "Erweiterung des menschlichen Intellekts", wie er bereits im Jahr 1962 schrieb. 

Der Computer als Lösung für Probleme, die es noch gar nicht gibt

Die Computer der damaligen Zeit waren kaum mehr als elektrische Rechenmaschinen. Engelbart aber hatte größere Pläne: Der im Jahr 2013 verstorbene Elektroingenieur sah die Computer der Zukunft mit den Menschen kommunizieren, als eine Lösung für Probleme, die es noch gar nicht gibt. "Engelbart war einer der wenigen Menschen, die verstanden haben, dass Computer nicht nur viele vertraute Dinge tun können, sondern uns erlauben, anders und besser zu denken", sagte sein späterer Weggefährte, der Informatiker Alan Kay, vor einigen Jahren im Gespräch mit der Technikwebsite The Register. Für Engelbart bedeutete das auch, den Computer zu überdenken, ihn buchstäblich greifbarer zu machen.

Ende der Fünfzigerjahre begann Engelbart seine Arbeit am Stanford Research Institute (SRI) im kalifornischen Menlo Park. Zu dem Zeitpunkt bestand die Interaktion mit Computerbildschirmen aus teuren Light-Pens, mit denen man auf einen Röhrenbildschirm zielte. Für Engelbarts Vision war das keine Lösung, weshalb er ab 1961 an einer Alternative arbeitete. Mit seinem Kollegen Bill English baute er 1964 den ersten Prototyp der Computermaus, wie wir sie heute kennen – die deutsche Firma Telefunken allerdings nahm 1967 mit ihrer Rollkugel zumindest das Prinzip des Trackballs vorweg und hat deshalb eine Fußnote in dieser Geschichte verdient.

Die Proto-Maus des SRI war ein klobiger Holzblock, in dem zwei rechtwinklig zueinander montierte Räder steckten, eines für die Position der X-Achse und eines für die Y-Achse. Aus beiden Werten konnte die Position auf einem Bildschirm berechnet werden. Auf der Oberseite befand sich eine einzelne Taste und mit dem herausragenden Kabel sah sie, wenn man die Augen zusammenkniff, wirklich aus wie eine Maus. "Manchmal entschuldige ich mich dafür, dass wir den Namen nie geändert haben", sagte Engelbart während der Präsentation. Möglicherweise machte aber auch das den Charme des Geräts aus: Die Maus war schon vom Namen her ein massentaugliches Konzept.

Um seine Maus sinnvoll einsetzen zu können, mussten Engelbart und sein Team nicht nur die Hardware, sondern auch die Software neu gestalten. Das Ergebnis konnte man auf der "Mutter aller Demos" bestaunen: Das sogenannte oN-Line-System (NLS), das Engelbart 1968 vorstellte, war eines der ersten kollaborativen Computersysteme: Seine Nutzer und Nutzerinnen konnten unabhängig voneinander darauf zugreifen, Texte aus verschiedenen Programmen kombinieren, und bedienen ließ es sich über eine grafische Benutzeroberfläche. Es war der Beginn des WIMP-Zeitalters ("windows, icons, menus, pointer"), wie diese Mensch-Maschine-Schnittstelle auch genannt wird.