Nach einer kurzen Nacht mit Heißhunger auf Schokolade, Burger und anderes Junkfood aufzuwachen – das haben viele schon erlebt. Und zwar nicht nur dann, wenn Alkohol im Spiel war. Bislang galt ein gestörter Hormonhaushalt als möglicher Grund für den merkwürdigen Zusammenhang. Dieser sogenannte Müdigkeitsappetit könnte aber auch anders entstehen, wie ein Team um eine Forscherin der Universität Köln nun im Wissenschaftsmagazin Journal of Neuroscience (Rihm et al., 2018) berichtet. Die Wissenschaftler fanden Hinweise darauf, dass der Schlafentzug das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert und damit die Lust auf Snacks ankurbelt. Und zwar offenbar besonders auf die kalorienreichen.

Die negativen Auswirkungen von zu wenig Schlaf auf die Gesundheit sind bereits durch mehrere Untersuchungen belegt. So zeigten etwa epidemiologische Studien, dass Menschen mit chronischem Schlafmangel ein erhöhtes Risiko für Adipositas – also Übergewicht – oder Typ 2-Diabetes haben. Als Ursache dafür wurde bisher häufig der Hormonhaushalt gesehen: Zu wenig Schlaf bringe diesen durcheinander, in der Folge werde der Heißhunger auf fettige oder süße Speisen geweckt, so die Annahme.

Das Team um Julia Rihm, die im Bereich Biologische Psychologie an der Universität Köln forscht, stellte diese Annahme nun auf die Probe. Die Wissenschaftler luden 32 gesunde, schlanke Männer ins Labor ein, wo sie ihnen an zwei Abenden mit mehreren Tagen Abstand ein Abendessen servierten. Danach wurden die Teilnehmer angewiesen, entweder nach Hause und normal ins Bett zu gehen oder im Labor zu bleiben, wo sie länger wachgehalten wurden.

Am Morgen danach wurden alle Probanden in einer MRT-Röhre, also mittels Magnetresonanztomografie, untersucht. Dort wurde die Aktivität ihres Gehirns aufgezeichnet, während sie eine Aufgabe bearbeiteten: Die Männer sollten erklären, wie groß ihre Bereitschaft ist, für bestimmte Snacks oder für Nichtnahrungsmittel Geld zu bezahlen. Zusätzlich wurde ihnen Blut abgenommen, um ihre Hormonwerte zu messen, und sie sollten ihr Hungergefühl auf einer Skala einordnen.

Für Jan Peters, ebenfalls von der Universität Köln und Mitautor der Studie, ist die gemeinsame Analyse dieser drei Faktoren das Besondere an der Untersuchung: "Wir haben sowohl hormonelle Veränderungen als auch den Einfluss auf das Verhalten und Effekte auf das Gehirn erhoben", erklärte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Dabei stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass Schlafverlust den subjektiven Wert von Nahrungsmitteln im Vergleich zu Nichtnahrungsmitteln erhöht. Obwohl das Hungergefühl in beiden Versuchsgruppen gleich gewesen sein dürfte, da die Teilnehmer sowohl in der schlaflosen als auch der geruhsamen Nacht die gleiche Zeit ohne Nahrung auskamen, zeigte sich doch ein deutlicher Unterschied: Mit Schlafentzug waren die Probanden gewillter, mehr Geld für Snacks als für Nichtnahrungsmittel auszugeben. Und dabei bevorzugten sie vor allem Lebensmittel mit vielen Kalorien: also vor allem Fettreiches.

"Diesen Effekt konnte man aufgrund der bisherigen Studienlage erwarten", fasst Neurowissenschaftler Peters zusammen. Allerdings seien eben nicht Hormone dafür verantwortlich, wie die Blutanalysen zeigten. Vielmehr zeigten die MRT-Aufnahmen verstärkte Aktivitäten in zwei Gehirnbereich: in der Amygdala, die sich in den Temporallappen des Gehirns befindet und zum limbischen System gehört, sowie im Hypothalamus, der im Zwischenhirn liegt.

Schon eine Nacht Schlafentzug löse hier einen Kreislauf aus, der ein essensspezifisches, neuronales Belohnungssystem in Gang setze, berichtet das Forscherteam. Das Angebot von Snacks wirkte wie ein Belohnungsreiz für die Teilnehmer des Versuchs, auf den das limbische System reagiert und hier eben insbesondere die Amygdala, welche affekt- oder lustbetonte Empfindungen verarbeitet. Warum diese Hirnregionen bei übernächtigten Menschen stärker aktiviert werden, müsse laut Jan Peters in weiteren Versuchen geklärt werden.