Was wir ein Drittel unseres Lebens machen? Schlafen! Jedenfalls wenn's gut läuft. Warum tut der Mensch es überhaupt, wie viele Stunden sind genug und was hilft, wenn wir abends nicht einschlafen können und morgens wie gerädert aufwachen? Diesen und weiteren Fragen widmet ZEIT ONLINE den Schwerpunkt "Besser schlafen".

Als heute früh Ihr Wecker klingelte – sind Sie da gleich aufgesprungen? Oder haben Sie benommen die Schlummertaste gedrückt, sich noch einmal umgedreht und die Augen geschlossen? Wenn Sie zur ersten Gruppe gehören, sind Sie vermutlich ein erfolgreiches High-Potential-Exemplar: übermotiviert, überbezahlt und überarbeitet. Lassen Sie sich gesagt sein: Sie sind auf dem völlig falschen Weg. Wir Schlummertastendrücker wissen das. Wir sind die letzten Verteidiger des freien Schlafens.

Die Schlummertaste, oder auch: Snooze, hat ein Imageproblem. Im Internet finden sich zahlreiche Texte dazu, wie "ungesund" und "gefährlich" diese kleine Funktion ist. Stattdessen wird überall der frühe Vogel besungen: beim ersten Klingeln um vier Uhr hoch, fünf Kilometer joggen, sechs Bahnen schwimmen, sieben Minuten duschen und dann zur Arbeit. "Frühaufsteher­überlegenheit" heißt das dann. Ein Riesenunsinn.

Früh aufstehen, um der Lerche zu lauschen und im Schein der aufgehenden Sonne mit ihren nackten Zehen den Tau vom Gras zu stupsen – das wären gute Gründe. Unsere schneidigen Selbstbetriebsoptimierer stehen allerdings nur auf, um effizient zu sein, oder in ihrer Sprache: "Nur mit viel Commitment kann man asap für quick wins sorgen." Wer früh aufsteht, kann mehr arbeiten, also mehr leisten. "Crunchtime", sagt der Frühaufsteher und rührt nach einem 20-Stunden-Tag noch schnell seine Overnight Oats an, um sie nach vierstündiger Nachtruhe aus dem Kühlschrank zu holen: Die Flocken sind matschig, der Mensch gestählt. Solche Leute drücken keine Schlummertaste.

Überhaupt: schlummern, so ein wohlklingendes Wort, wie ein tiefes, weiches Kissen, in dem man... mal ganz kurz... nur ganz kurz... hmmmm...fünf...Minuten...o...kay?...Zzzzz. Nennen Sie es Powernap, wenn es Ihnen hilft. Danach sind Sie auf jeden Fall gleich wieder hellwach. Denn wer schlummert, hat Potenzial. Er entscheidet bloß selbst, wann er es zeigen möchte.

Es war die Firma General Electric Telechron, die allen Schlummerern dieser Welt zur Selbstermächtigung verhalf. 1956 kam Modell 7H241 auf den Markt, mit der grooooßen weißen Snoozetaste. Telechron nannte ihn "den menschenfreundlichsten Wecker der Welt". Wie weitsichtig! Inzwischen ist ja sogar der Schlaf, das einzige menschliche Bedürfnis, das sich einer kapitalistischen Verwertungslogik lange Zeit entziehen konnte, optimierbar. Aber nein, Freunde, nicht mit Snooze. Der Mensch sehnt sich nach Schlummer, er hat sich dieses Verlangen nur im starren Korsett der durchokönomisierten Gegenwart abgewöhnt. Wie schlecht verkaufte sich wohl ein neues Smartphone, wenn es nicht snoozen könnte, na?

Und diese Kulturtechnik ist nicht nur menschenfreundlich, sondern rettet über kurz oder lang den Planeten. Einmal gedrückt, schenkt die Schlummertaste dem Menschen ein paar Minuten Zeit, in der er sich wirklich nützlich machen kann: Wer schläft, verursacht keinen Plastikmüll, verbraucht keinen Strom, kauft nix, kostet nix. Und das bisschen Kohlendioxid kann die Zimmerpalme schon verarbeiten.

Ein Hoch auf die Snooze-Taste! Sie ist knopfgewordene Kapitalismuskritik. Probieren Sie es morgen früh einfach mal aus: Drehen Sie sich nochmal um und freuen Sie sich, dem Wirtschaftswachstum ein paar Promille abgezogen zu haben. Nie war Protest einfacher.