Es ist eine Tat, zu der es mehr Fragen gibt als Antworten. In der Silvesternacht fuhr ein 50-Jähriger in mehrere Menschengruppen – acht Personen wurden in Essen und Bottrop teils schwer verletzt. Am Neujahrstag sagte der NRW-Innenminister, der mutmaßliche Täter habe die "klare Absicht" gehabt, "Ausländer zu töten". Berichten zufolge soll Andreas N. wegen Schizophrenie in Behandlung gewesen sein. Auch Interna aus dem Verhör, die inzwischen bekannt wurden, deuten auf eine psychische Krankheit hin. Aber relativiert eine solche Diagnose mögliche andere Motive – etwa politische oder rassistische? Darüber haben wir mit der Kriminologin und Professorin für Amokforschung, Britta Bannenberg, gesprochen.

ZEIT ONLINE: Ob der mutmaßliche Täter von Essen und Bottrop wirklich an einer paranoiden Schizophrenie oder einem ähnlichen Krankheitsbild leidet, ist nicht bestätigt, doch es gibt Hinweise darauf. Wie kann man den Zustand eines Menschen beschreiben, der eine solche psychische Krankheit hat?

Britta Bannenberg ist Professorin für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie befasst sich mit der interdisziplinären Erforschung von Amoktaten und -drohungen. © privat

Britta Bannenberg: Die Schizophrenie ist eine schwere psychische Wahnerkrankung. Wird sie nicht behandelt, kann sie das Gewaltpotenzial eines Menschen deutlich erhöhen. Diese Menschen werden von ihrem Wahn sehr bedrängt und sehen sich von diesem zum Handeln aufgerufen. Wenn sie Medikamente nehmen, ist das in der Regel aber nicht mehr so.

ZEIT ONLINE: Wie häufig werden denn Menschen, die an so einer Erkrankung leiden, gewalttätig?

Bannenberg: Das ist im Grunde die falsche Betrachtungsweise. Eine Schizophrenie trifft etwa ein Prozent der Bevölkerung. Es wird lange nicht jede oder jeder Schizophrene gewalttätig, aber das Risiko ist erhöht, weil die Wahnvorstellungen einen Menschen zum Handeln treiben können oder zur Verkennung von Situationen führen.

ZEIT ONLINE: Inwieweit tragen Einzeltaten zur Stigmatisierung erkrankter Menschen bei?

Bannenberg: Ich würde das sehr nüchtern sehen. Es sollten weder psychisch kranke noch psychisch gestörte Menschen diffamiert werden. Wenn jemand allerdings schon sehr starke Anzeichen einer psychischen Erkrankung zeigt und zusätzlich bedrohlich wirkt – also zum Beispiel Andeutungen macht, dass er Attentate gut findet oder sich mit Waffen umgibt –, dann sollte das Umfeld das als potenzielle Gefahr ernst nehmen.

ZEIT ONLINE: Wobei andere Wissenschaftler, etwa der Psychologe Jens Hoffmann, im Interview mit ZEIT ONLINE betonen, dass psychisch Kranke nicht per se häufiger Gewalttaten verüben als Gesunde – und die allermeisten auch schwer erkrankten Menschen letztlich keine Straftaten verüben.

Bannenberg: Hier bin ich anderer Ansicht. Das mag für manche psychische Erkrankung so stimmen. Aber es ist ein Fakt, dass das Risiko der Gewaltanwendung durch unbehandelte Schizophrene mindestens sieben- bis achtfach erhöht ist.

ZEIT ONLINE: Schizophrene Menschen leiden häufig unter Wahnvorstellungen und haben ein komplexes Konstrukt im Kopf, in dem es Feindbilder gibt. Manche fühlen sich in ihrem Wahn persönlich verfolgt, andere glauben, die ganze Gesellschaft sei in Gefahr – und sie müssten diese Bedrohung notfalls mit Gewalt abwenden. Auch wenn all das nicht real ist, nehmen es Betroffene so wahr, als passiere es tatsächlich. Ist es denkbar, dass der mutmaßliche Täter von Bottrop und Essen ähnliche irrationale Ängste vor Ausländern entwickelt hatte und sich in seiner Wahnvorstellung wehren musste?

Bannenberg: Wenn der Täter tatsächlich schizophren ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass sein Wahn ihn zur Tat getrieben hat. Erkenntnisse dazu sollten wir aber abwarten. Über den konkreten Fall sind die Informationen bislang ja noch recht dürftig. Man kann aber klar sagen: Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es keine Überraschung, wenn der Mann an einer Schizophrenie leidet.

ZEIT ONLINE: Wie viele solcher Taten entfallen denn auf psychisch Erkrankte?

Bannenberg: Was Amoktaten angeht, sind psychische Erkrankungen eine relevante Ursache. Wir haben diese Taten jahrelang empirisch erforscht und Unterschiede zwischen jungen und erwachsenen Tätern gefunden. Unter den erwachsenen Tätern litt mehr als ein Drittel an einer Schizophrenie (Anm. der Red.: siehe Abschlussbericht des Projektes Target).

ZEIT ONLINE: Und was ist mit dem Rest?

Bannenberg: Die restlichen Täter wiesen in den meisten Fällen eine Persönlichkeitsstörung auf. Dabei handelt es sich um eine andere Form der psychischen Störung. Das ist keine Krankheit in dem Sinne. Da geht es eher um eine Persönlichkeit, die einen ganz besonderen Charakter hat. Häufig sind es Einzelgänger, die mit der Gesellschaft und mit anderen Menschen nicht so gut klarkommen, die sehr kränkbar sind. Oft bauschen sie auch Alltagsgeschichten auf und empfinden diese als absolute Demütigung. Aus dieser Vorstellung heraus entwickeln diese Menschen ihren Hass.