Was wir ein Drittel unseres Lebens machen? Schlafen. Jedenfalls wenn's gut läuft. Warum tut der Mensch es überhaupt, wie viele Stunden sind genug und was hilft, wenn wir abends nicht einschlafen können und morgens wie gerädert aufwachen? Diesen und weiteren Fragen widmet ZEIT ONLINE den Schwerpunkt "Besser schlafen".

Patent Nummer 223.898 ist vielleicht das Schlimmste, was dem Schlaf je passiert ist. "Electric Lamp" nannte Thomas Alva Edison seine Kohlefadenlampe 1879. Mit ihr wurde die Nacht endgültig zum Tag. Fortan musste sich der Mensch nicht mehr von Sonne, Mond und einer funzeligen Gaslaterne die Arbeitszeiten diktieren lassen. Zu diesem Zeitpunkt war die industrielle Revolution schon im Gang und dem 24-Stunden-Tag stand nichts mehr im Weg.

Die Steigerung von Effizienz und Produktivität brachte neben dem Fortschritt eine brutale Missachtung der Ruhe- und Schlafbedürfnisse von Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern mit sich. Männer, Frauen und Kinder, die noch kurz zuvor ihre eigenen Felder bestellt hatten und nach getaner Arbeit bis zu zwölf Stunden und in mehreren Phasen schliefen (Ahlheim, 2014), begannen im Kunstlicht der Fabriken zu malochen: 12, 14, bis zu 18 Stunden am Tag. Der Schlaf litt.

Heute ist es zum Glück anders: Es gibt – dank Gewerkschaften, Arbeitsschutzgesetzen und politischen Bewegungen – eine 40-Stunden-Woche, Kranken- und Altersversicherungen, Mutterschutz und Elternzeit, kurz ein Recht auf Ruhephasen und Pause. Und trotzdem: Deutsche schlafen im Schnitt nur zwischen sechs und acht Stunden pro Nacht (Barmer Krankenkasse: Schlafgesundheit in Deutschland, 2018) und jeder zehnte Arbeitnehmer leidet einer Studie der DAK zufolge an schweren Schlafstörungen. 80 Prozent der befragten Beschäftigten fühlten sich von Schlafproblemen betroffen, hochgerechnet sind das etwa 34 Millionen Menschen in Deutschland. Der Schlaf ist heute auf andere, perfidere Weise bedroht: von einem nicht zu stillenden Wunsch, sich selbst zu optimieren, immer besser zu werden, alles richtig zu machen.

Arbeit am Selbst

Längst ist es nicht mehr der äußere, der gesellschaftliche Zwang, der uns gehorsam macht und antreibt, wie Michel Foucault ihn einst beschrieb. Nein, den Zwang haben wir längst verinnerlicht, wie es der Soziologe Alain Ehrenberg in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschreibt. Und der Philosoph Byung-Chul Han glaubt, dass aus dem Gehorsams- ein Leistungssubjekt geworden ist. Wir leben, schreibt er in Die Müdigkeitsgesellschaft, in einer "Gesellschaft aus Fitnessstudios, Bürotürmen, Banken, Flughäfen, Shopping Malls und Genlabors."

Als Leistungsmenschen brauchen wir niemanden mehr, der uns überwacht und uns unter Androhung von Strafen antreibt. Wir haben heute das Gefühl, ohne ein hohes Maß an Selbstoptimierung und Disziplin in dieser Welt nicht mehr mit anderen mithalten zu können. Der Druck, der auf uns lastet, unser Potenzial auszuschöpfen oder an uns selbst zu arbeiten, er hat seinen Ursprung in dem Gefühl, nie gut genug, nie schön genug, nie kreativ genug zu sein. Und wir haben den Leistungsimperativ längst als unser eigenes Streben und Wünschen akzeptiert. Diese Last haben sich die meisten nicht selbst aufgebürdet. Einen Schuldigen zu finden, ist heute aber schwieriger als zu einer Zeit, als hinter uns der Antreiber mit der Peitsche stand. Einfacher auszumachen sind jene, die Profit schöpfen aus unseren Gefühlen der Ungenügsamkeit: Arbeitgeber und die Hersteller von Konsumprodukten. Und auch die Folgen des Leistungsimperativs spüren wir: laut Ehrenberg als Angststörungen und Erschöpfungsdepressionen. Eines ihrer Symptome: quälende Schlaflosigkeit.

Sie schlafen noch einfach so?

Der verinnerlichte Zwang und die fortwährende Selbstoptimierung, sie haben längst auch den Schlaf erfasst. Der ist keine Pause mehr, ohne um-zu-Implikationen, sondern er ist zum Hochleistungsschlaf geworden. Wir schlafen, um schön zu werden, wir schlafen uns schlank, gesund, gescheit und natürlich glücklich. Wir schlafen uns leistungsbereit, um am nächsten Tag unseren Workload bewältigen zu können oder um Kreativität freizusetzen.

Selbst im Schlaf muss jede Minute genutzt werden. Und damit das geht, brauchen wir die perfekten Bedingungen: Möglichst viele Tiefschlafphasen sollten wir durchschlafen und dabei das Raumklima beachten (nicht zu warm, nicht zu trocken). Keine Bildschirme mehr vor der Nachtruhe. Körperliche Betätigung ist gut, zu meiden sind unbedingt Alkohol und schweres Essen, genauso wie Sorgen und Kummer – gerade vor dem Einschlafen.