Die nächste Mondlandung steht an. In der Nacht zu Freitag, ab etwa drei Uhr morgens deutscher Zeit, soll erstmals ein israelisches Raumfahrzeug zum Mond fliegen. An Bord einer Falcon-Rakete von Elon Musks Firma SpaceX soll die unbemannte Landesonde namens Beresheet – übersetzt Genesis – in Cape Canaveral in Florida starten. Bepackt mit Festplatten voller Menschheitswissen wird sie binnen zweieinhalb Monaten zum Erdtrabanten reisen, dort landen sowie Daten zum Magnetfeld sammeln. Und, besonders wichtig: symbolisch die israelische Flagge auf dem Mond hissen. So der Plan.

Was weniger von technischem Fortschritt als von Wir-können-das-auch zeugt, zeigt zugleich deutlich: Die Raumfahrtbranche hat sich verändert, ein neues Weltraumzeitalter ist angebrochen.

Die private Firma SpaceIL macht keinen Hehl daraus, dass ihre Mondmission Emotionen wecken und die eigene Nation beeindrucken soll: "Der Erfolg von SpaceIL ist eine Quelle des Nationalstolzes", heißt es in einem Werbevideo – unterlegt mit dem Klang einer ekstatisch klatschenden Menschenmenge. Man arbeite daran, einen israelischen "Apollo-Effekt" zu erzeugen, heißt es auf der Website. Folgende Generationen sollen zu Wissenschaft und Technik inspiriert werden, wie einst so viele junge Amerikanerinnen und Amerikaner in den Sechzigerjahren zu den glorreichen Zeiten des Nasa-Mondprogramms.

Große Worte, kleines Projekt

Nur wird die israelische Firma eben keine Menschen auf den Mond bringen wie die US-Raumfahrtagentur Nasa 50 Jahre zuvor, sondern einen gerade mal rund 160 Kilogramm schweren Metallkasten mit einer Größe von 1,80 Meter mal 1,20 Meter, der bestenfalls aufsetzen, ein Lebenszeichen von sich geben und für zwei bis drei Tage ein paar Daten zum Magnetfeld sammeln wird. Aufsetzen soll die Landesonde im Mondmeer Mare Serenitatis auf der nördlichen Halbkugel. Die Region ist für magnetische Anomalien bekannt, darüber soll Beresheet mehr herausfinden. Die Mission wird die globale Raumfahrtzunft weder wissenschaftlich noch technologisch weit nach vorn bringen. Große Worte also von den Machern solch eines kleinen Projekts.

Die Mission ist dennoch nicht zu unterschätzen. Sie zeigt einmal mehr, dass das Interesse am Mond und der Raumfahrt in die Tiefen des Weltraums wächst – und es längst nicht mehr allein staatliche Programme und die Milliarden großer Raumfahrtnationen braucht, um ihn zu erobern. Denn es sind allen voran private Firmen, die die Menschheit in die New-Space-Ära geführt haben. SpaceX, Virgin Galactic, Boeing und Blue Origin zählen diesbezüglich zu den bekannten Namen. Mit ihrem Landegerät mischt SpaceIL unter ihnen nun ein bisschen mit.

Das Landefahrzeug Beresheet wurde aus Israel in die USA geschickt, um von dort in den Weltraum zu starten. © SpaceIL

Die Firma wurde im Jahr 2011 gegründet, nachdem Google den Lunar XPrize ausgerufen hatte. Die SpaceIL-Gründer wollten das erste private Raumfahrzeug unter Israels Flagge auf dem Mond landen, 500 Meter damit fahren und ein HD-Video aufnehmen sowie zur Erde senden. Mit Beresheet schafften sie es immerhin unter die fünf Finalisten, nicht jedoch rechtzeitig zum Mond. Tatsächlich hat kein Team die Erfolgsprämie von 30 Millionen US-Dollar und den Ruhm abgeräumt. Der Wettbewerb endete nach mehrmaliger Fristverlängerung im März 2018 ohne offizielle Gewinner. Die Arbeit von SpaceIL jedoch endete nicht.

Insgesamt acht Jahre lang plante, verwarf, baute man – jetzt steht ein Start ins All bevor. "Wir sind alle sehr aufgeregt und stolz", sagt Dafna Jackson, CEO der Kahn Foundation, die einem der SpaceIL-Gründer gehört. Man habe noch immer einen schwierigen, komplizierten Weg zum Mond zu gehen, "doch diesen Moment erreicht zu haben, ist zweifellos ein Meilenstein". Fahren wird das Gerät übrigens nicht, auch nicht nach der Landung hüpfen, wie es mal angedacht war. Mancher möge da kritisieren, es gebe mit dem Lander wenig Neues. "Doch", widerspricht Jackson: Das Landesystem habe es zuvor so noch nicht gegeben und sei damit durchaus eine Errungenschaft.

"Die Israelis waren ein Team, das wir genau beobachtet haben, weil sie technologisch immer so weit fortgeschritten waren", sagt der Ingenieur Karsten Becker von den PTScientists, die einen eigenen Rover hochschicken wollen und mit SpaceIL um den Google-Preis konkurriert hatten. Es sei besonders schwierig, ein relativ kleines Gerät zu bauen, das nur wenige Funktionen erfüllen soll. Auch sei lange diskutiert worden, mit wie wenig Masse man zum Mond kommen kann. Israels Lander sei daher spannend. Doch man dürfe nicht vergessen: "Generell ist es eine Kunst, etwas dorthin zu bekommen", sagt Becker. Drei Nationen – die USA, die Sowjetunion und China – ist es bislang gelungen (siehe Infobox unten). Bald zählt Israel vielleicht dazu. Die PTScientists wünschen viel Glück.

Der wissenschaftliche Nutzen der Mission sei zwar gering, "es ist eine reine Technologiedemonstration", sagt Becker weiter. Aber: "Was aus dem Preis hervorgegangen ist, sind Unternehmen, die an konkreten Missionen arbeiten und als Dienstleistung anbieten."

Private Firmen machen Flüge ins All profitabler

Mehrmals um die Erde, mehrmals um den Mond, dann ist Beresheet bereit zur Landung. © SpaceIL

Die PTScientists etwa arbeiten heute mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie der europäischen Weltraumorganisation Esa zusammen. Moon Express, ebenfalls Wettbewerbsteilnehmer, arbeitet beispielsweise für die Nasa. Und SpaceIL soll nun eben an Bord einer SpaceX-Rakete zum Mond fliegen mit Unterstützung der staatseigenen Flugzeugbaufirma Israel Aerospace Industries.

Dass das israelische Mondgefährt nicht mit einer eigens für die Mission konstruierten Rakete ins All transportiert wird, ist nicht zu belächeln, sondern ein Zeichen des Wandels im Raumfahrtgeschäft. Private Firmen sind nicht nur gefragt und treiben Innovationen voran, sie arbeiten auch schneller, planen gemeinsam und machen Flüge ins All dadurch nicht nur häufiger, sondern auch profitabler möglich.

So wird Beresheet auch nur eine Beiladung an Bord der Transportrakete sein. Die Hauptlast der Falcon 9 ist in diesem Fall ein indonesischer Kommunikationssatellit, der in rund 35.400 Kilometern* Höhe über dem Äquator platziert werden soll. Platzfüllend reist Beresheet mit – was für den israelischen Lander bedeutet, dass er nur einen Teil des Wegs dank SpaceX zurücklegt. Um den Mond zu erreichen, muss er noch zehnmal weiter. Das mag unnötig aufwendig klingen, ist aber ein sinnvolles Konzept.

Zwar soll die Rakete den israelischen Rover nur gut zehn Prozent der totalen Distanz transportieren, doch sie liefert ungefähr 90 Prozent der Energie, die das Gefährt bis zum Mond benötigt. Spätere Energieschübe werden das Raumfahrzeug so nah an den natürlichen Erdsatelliten bringen, dass dieser es nach drei Umrundungen der Erde und doppelter Umrundung seiner selbst einfängt. Das kostet bis zu zehn Wochen Zeit – ein direkter Flug zum Mond wäre grundsätzlich in fünf Tagen möglich. Das Manöver spart aber eben Treibstoff, Material und Geld.

Der Mond ist die Reise wert

Je öfter sich starten lässt, je ausgelasteter die Raketen, je häufiger einzelne Teile nutzbar sind, desto günstiger wird die Raumfahrt. Zeigte die Mondlandung von Apollo 11 Ende der Sechzigerjahre der Menschheit, dass es grundsätzlich möglich ist, die Erde zu verlassen, stehen aktuelle Mondmissionen – wie die der Chinesen, SpaceIL aus Israel oder wohl bald auch eine indische Mission – für noch Größeres.

"Der Mond ist das ideale Testbed für eine permanente Basis im All", sagt Karsten Becker von den PTScientists. Wird etwas vergessen, lässt es sich nachschicken. Wird jemand krank, ist eine Rückreise binnen weniger Tage möglich. "Gleichzeitig", sagt er, "lässt sich für künftige Missionen etwa erforschen, wie sich aus Mondstaub Wasser und Sauerstoff beispielsweise für Raketentreibstoff produzieren lässt". Unter anderem arbeitet sein Team hierfür mit der Esa zusammen.

Denn so gut es sich dieser Tage auch macht, irgendetwas zum Mond zu schicken: Das neue Ziel ist nicht nur ein munteres Raumfahren zwischen Erde und Mond. Es gilt, in die Tiefen des Weltraums vorzudringen. Damit die Menschheit schon bald andere Himmelskörper – weit hinterm Mond – betreten und erkunden kann.

*Anmerkung: In einer vorherigen Situation hieß es an dieser Stelle, der Satellit solle in einer Höhe von 35.000 Metern platziert werden. Richtig ist natürlich "Kilometer". Wir haben dies geändert und bitten den Fehler zu entschuldigen.