Wölfe besiedeln laut einer Studie gern Militärgelände – sie bevorzugen es sogar gegenüber Naturschutzgebieten. Truppenübungsplätze seien für die Tiere selbst dann kein Problem, wenn dort Schießübungen stattfinden würden, berichtet ein Team aus Forscherinnen und Forschern. "Das ist für alle Tiere eine gut berechenbare Störung", sagte Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Institut Lupus. Sie leitete die Studie, die im Magazin Conservation Letters (Reinhardt et al., 2019) erschien.

Zwischen den Jahren 2000 und 2015 entstanden in Deutschland demnach 16 von insgesamt 79 neuen Wolfsgebieten auf Militärgelände. Dagegen wählten die Räuber Naturschutzgebiete nur neunmal als Lebensraum. Die restlichen Reviere lagen in anderen Gegenden. Inzwischen leben Wölfe auf 13 von 21 Truppenübungsplätzen mit einer Fläche von 30 Quadratkilometern und mehr. Bei ähnlich großen Naturschutzgebieten sind es nur acht von 55.

Die Forscherinnen gehen davon aus, dass die Vorliebe für Militärgebiete damit zu tun hat, dass dort keine Jäger auftauchen – obwohl Wölfe als streng geschützte Art ohnehin nicht geschossen werden dürfen. Es kommt aber immer wieder zu illegalen Abschüssen. Bei ihrer Analyse fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Sterblichkeit von Wölfen auf Militärgelände geringer ist als in Naturschutzgebieten. 

Wölfe registrierten genau, wo Jagden stattfinden, und merkten sich das, sagte Reinhardt. Die Tiere seien auch in der Lage, Vorbereitungen auf Schießübungen mitzubekommen und rechtzeitig in Deckung zu gehen.

Spaziergänger und Radfahrer störender als Schießübungen

Vanessa Ludwig vom Kontaktbüro Wölfe in Sachsen bestätigte, dass die Raubtiere mit Militärgelände gut zurechtkommen. "Wölfe fühlen sich auf Truppenübungsplätzen wohl, weil es dort aufgrund der Absperrung außer den militärischen Aktivitäten keine anderen Störungen gibt", sagte die Expertin. Spaziergänger, Radfahrer oder Pilzsucher seien für Wildtiere dagegen viel stressiger. Da sich aus den gleichen Gründen auch die Beutetiere des Wolfes auf Militärgebiet wohlfühlen, sei zugleich das Nahrungsangebot für die Raubtiere größer.

Auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in Sachsen witzelt man inzwischen schon: Die Wölfe würden die Schießzeiten besser kennen als mancher Soldat, sagte ein früherer Kommandeur. Für den Umgang mit Wölfen existieren keine gesonderten Regularien, es gebe keine Probleme im Zusammenleben mit dem Wolf, hieß es von der Bundeswehr. Nach allgemeiner Regel wird aber nicht mehr geschossen, wenn Tiere auf einer Schießbahn auftauchen, teilte das Landeskommando Sachsen mit. Zudem sei es untersagt, Lebensmittelreste im Wald zu entsorgen, damit keine Tiere angelockt werden.

Militärgelände als Unterstützung für die Artenvielfalt

Rund 100 Jahre nach der letzten Beobachtung eines Wolfes in Sachsen war 1996 erstmals wieder ein solches Tier gesichtet worden – auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz im Landkreis Görlitz. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz gibt es in Deutschland nach jüngsten Daten 73 Wolfsrudel, 30 Wolfspaare und drei sesshafte Einzeltiere. Die meisten leben in Sachsen, Niedersachsen und Brandenburg.

Truppenübungsplätze können generell die Artenvielfalt unterstützen, da dort teils Spezies gedeihen, die anderswo im Land kaum mehr zu finden sind. Die Flächen haben zum Teil riesige Ausdehnungen und werden kaum von Straßen zerschnitten, zudem sind sie oft über lange Zeiträume weitgehend menschenleer. Ein bekanntes Beispiel ist die riesige Salisbury Plain Training Area in Südengland. In dem seit mehr als 100 Jahren existierenden Militärgebiet behaupten sich viele bedrohte Arten, die andernorts längst verschwunden sind.