Ein paar wenige Aufnahmen gibt es. Zum Beispiel diese, auf der ein leicht bekleideter Mann zu sehen ist, der barfuß über einen steinigen Strand läuft. Mit aufgezogenem Bogen zielt er in die Höhe, dorthin, von wo aus er fotografiert wird. Ein Bild, wie aus den frühen Tagen des Kolonialismus, als unbekannte Ethnien umstandslos als aggressive Wilde dargestellt wurden.

Entstanden ist diese Aufnahme allerdings erst vor 15 Jahren – und zwar auf North Sentinel Island in der Andamanen-See im nördlichen Indischen Ozean. Ein Mitarbeiter der indischen Küstenwache hatte sie von einem Hubschrauber aus aufgenommen, kurz nachdem der verheerende Tsunami von 2004 im Indischen Ozean Hunderte Inseln und weite Küstenabschnitte überspült hatte, wodurch 230.000 Menschen ums Leben kamen. Die Bewohner von Sentinel, es sind wahrscheinlich ungefähr 100, hatten sich, so wird angenommen, jedoch offenbar rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Die Küstenwache entdeckte nicht viel mehr als diesen bewaffneten Mann.

Das Standbild eines Videos zeigt die abgeschottet lebenden Sentinelesen. © Survival International/dpa

Die von Korallenriffen gesäumte Insel Nord-Sentinel ist etwa so groß wie Manhattan und hat sich ein Leben erhalten, das weitgehend abgeschottet von der Außenwelt stattfindet. Eindringlinge? Werden erfolgreich verjagt. Fotos und Filmaufnahmen? Kaum vorhanden. Formal gehört das Eiland zu Indien, aber selbst Forscher und Mitarbeiter der indischen Behörden haben kaum Kontakt zu diesem Teil des Staatsgebietes. Außenstehenden verbietet die Regierung in Neu Delhi, Nord-Sentinel zu betreten.

Dennoch hatte sich der 27-jährige US-amerikanische Missionar John Allen Chau, in den Kopf gesetzt, die Sentinelesen zum Christentum zu bekehren. Von Fischern hatte er sich Ende 2018 übers Meer bringen lassen. Doch noch ehe er die Insel betreten konnte, wurde er von den Pfeilen der kontaktscheuen Bewohner getötet.

In den Medienberichten über den Vorfall tauchte schließlich auch immer wieder das Foto aus dem Jahr 2004 auf – als offensichtlicher Beweis für die Primitivität, Gefährlichkeit und Aggressivität der Inselbewohner.

Gefahr aus dem Hubschrauber

Das Bild zeigt freilich nur den Blickwinkel der fotografierenden Küstenwache – und nicht den des fotografierten Inselbewohners. Für den ist die Situation eine gänzliche andere: Er sieht und hört nur ein sich mit ungeheurem Lärm näherndes Flugobjekt, und womöglich erkennt er darin einen oder mehrere Menschen mit Kameras und Objektiven vorm Gesicht. Höchstwahrscheinlich vermutet der Mann in dem Hubschrauber eine drohende Gefahr. Gleichzeitig liefert das Foto keinerlei Erkenntnisse darüber, wie die Sentinelesen tatsächlich leben, und was ihre Kultur ausmacht. Es bedient nur die üblichen Stereotypen.

Aber wie kam es zu diesen Stereotypen? Und: Wie feindselig sind die Sentinelesen tatsächlich?

Der indische Anthropologe Vishvajit Pandya gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die in den Neunzigerjahren Kontakt zu dem abgeschotteten Inselvolk hatte. Er ist Professor an der Hochschule für Informations- und Kommunikationstechnologie im indischen Gandhinagar.