Weitere "steinzeitliche Menschen" gab es 2006 zu sehen. Zwei Fischer waren mit ihrem Boot in der See vor North Sentinel Island verschwunden und wurden schließlich tot am Strand der Insel entdeckt. Als ein Helikopter der indischen Küstenwache die Toten und ihr Boot sichtete, kamen zwei Sentinelesen mit Pfeil und Bogen im Anschlag auf das Fluggerät zugelaufen. Prompt wurden sie fotografiert. Einmal mehr als aggressive Wilde.

Das Wissen über die Sentinelesen ist bis heute begrenzt. Es wird vermutet, dass sie direkt von Vorfahren abstammen, die vor rund 100.000 Jahren mit der ersten Migrationsbewegung aus Afrika ausgewandert und vermutlich 50.000 Jahre vor unserer Zeit in der Region der Andamanen angekommen sind. "Man weiß, dass sie in kleinen Gruppen umherziehen, quasi als Halbnomaden," sagt der Göttinger Ethnologe Ulrich Delius, Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die Gruppen bestünden aus acht bis 15 Leuten, die von der Jagd und dem Sammeln von Wildfrüchten lebten. Feste Dörfer gebe es nicht. Um angesichts der isolierten Lebensweise Schäden am menschlichen Erbgut zu vermeiden, sei es wahrscheinlich, dass es strenge Heiratsregeln gebe.

Die Sprache der Sentinelesen ist nicht erforscht. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihnen kommuniziert haben, sagt Delius, dann, indem sie Dinge austauschten – Kokosnüsse zum Beispiel. Solche Treffen hätten vor allem in den Neunzigerjahren stattgefunden, also in der Zeit, als auch der indische Anthropologe Vishvajit Pandya das Volk erforschte. Damals hätten einige Ethnologen noch den Ansatz verfolgt, in die Gruppe hineinzugehen "und dann zu schauen, was sie für Bedürfnisse hat, um sie dann an die Mehrheitsgesellschaft heranzuführen". Von solchen letztlich noch immer kolonialistischen Vorstellungen habe man sich jedoch verabschiedet. Darüber hinaus bestehe bei Kontakten mit bislang isoliert lebenden Ethnien immer die Gefahr, dass diese an eingeschleppten Krankheiten sterben, da ihr Immunsystem diese nicht abwehren kann.

Warum lassen wir sie nicht einfach in Ruhe?
Vishvajit Pandya, Anthropologe

Schon deshalb sollte es auch in Zukunft möglichst keinen direkten Kontakt zu den Sentinelesen geben: "Wenn diese Gruppen uns bedeuten, dass sie keinen Kontakt haben wollen, dann ist es eine Frage des Respekts, das auch so hinzunehmen", sagt Delius. Daran sollten sich dann selbst Forscherinnen und Forscher halten. Und auch wenn es immer wieder Versuche geben werde, Sentinelesen zu fotografieren, etwa wenn Fischer mit Touristen in die Nähe der Insel fahren, würden doch immer nur die gleichen Bilder von Kriegern mit gezückten Pfeilen und gespannten Bögen herauskommen. Auch der indische Anthropologe Pandya hat darum einen ganz simplen Vorschlag: "Warum lassen wir sie nicht einfach in Ruhe?"

Immerhin hat die Außenwelt inzwischen ein gewisses Verständnis dafür entwickelt, dass unbekannte Ethnien wie die der Sentinelesen nach ihren eigenen Regeln leben. Das zeigen die jüngsten Erfahrungen des Ethnologen Ulrich Delius. In den Wochen nach dem Tod des Missionars John Allan Chau wurde er häufig interviewt. Immer wieder ging es dabei auch um die Frage, wie die Außenwelt das Verhalten einer Ethnie mit einem mutmaßlich völlig anderen Wertesystem moralisch und strafrechtlich beurteilen kann. "Gibt es", fragt Delius, "überhaupt ein Schuldbewusstsein bei demjenigen, der den tödlichen Pfeil abgeschossen hat?" Würde es, fügt er hinzu, tatsächlich Sinn ergeben, diesen Menschen auf Basis des indischen Strafrechts verurteilen zu wollen?

Selbst die US-amerikanischen Behörden sind inzwischen zu dem Schluss gekommen, die Tötung des US-Bürgers Chau als "tragischen Vorfall" zu werten und nicht gegen die Sentinelesen vorgehen zu wollen. Einmal völlig von der Frage abgesehen, wie sie das hätten bewerkstelligen können.