Forscherinnen und Forscher haben acht über den Erdball verteilte Teleskope verbunden, mit ihnen in den Weltraum geblickt und so das erste echte Abbild eines Schwarzen Lochs gemacht. Michael Kramer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn und einer der Beteiligten, erklärt, warum diese eine Aufnahme so vieles verändert.

ZEIT ONLINE: Was der Physiker Albert Einstein nur mit seinen Formeln beschreiben konnte, haben Sie mit Ihren Kollegen sichtbar gemacht: ein Schwarzes Loch. Wie fühlt sich das an?

Michael Kramer: Sehr gut. Es ist hervorragend, sich nun endlich vorstellen zu können, wie ein Schwarzes Loch aussieht. Erstmals habe ich das Bild im Sommer 2018 gesehen. Dann haben mehrere Teams unabhängig geprüft, ob alles stimmt oder ob es Messfehler gibt, die zu bestimmten Effekten wie dem unterschiedlich stark leuchtenden Ring geführt haben. Außerdem wollten wir ja nicht nur ein schönes Bild erzeugen, sondern auch verstehen, ob das Ergebnis mit der Theorie übereinstimmt. Es ist etwas unheimlich, dass das Bild wie die Simulation aussieht.

Da ist es! Der erste direkte visuelle Nachweis für ein supermassereiches Schwarzes Loch stammt aus dem Zentrum der gewaltigen Galaxie Messier 87. © EHT-Kollaboration

ZEIT ONLINE: Ganz genauso sieht es aber nicht aus, es ist zum Beispiel ein wenig unscharf.

Kramer: Das stimmt. Das liegt unter anderem daran, dass längst nicht alle Daten eingearbeitet wurden, die wir zur Verfügung haben. Die Bildqualität wird in den nächsten Jahren noch deutlich besser. Mich erinnert es ein wenig an Christiaan Huygens' Entdeckung der Saturnringe im 17. Jahrhundert. Auf denen war auch kaum etwas zu erkennen, aber der Schritt war wichtig für das Verständnis von Planeten in der damaligen Zeit.

ZEIT ONLINE: Warum sind Schwarze Löcher so schwierig abzubilden?

Kramer: Es strahlt kein Licht aus ihnen heraus und sie befinden sich zugleich vor schwarzem Himmel. Wir mussten also einen Trick nutzen. Wir wussten, dass es im Zentrum der Galaxie M87 große Gasmengen gibt, die in das Schwarze Loch hineinstürzen und die sich währenddessen aufheizen und dabei einen hellen Hintergrund bilden. Er umgibt das Loch und macht es damit sichtbar.

Michael Kramer ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn und Mitglied des Event-Horizon-Teleskop-Projekts. Mit zwei Kollegen leitet er dort das Team der BlackHoleCam, das entscheidend zum Gelingen des EHT-Projekts beigetragen hat. © NARIT

ZEIT ONLINE: Das Bild zeigt dementsprechend einen einen dunklen Kreis umhüllt von einem flammend rot-orangefarbenen Lichtring. Dieser ist aber auf einer Seite heller als auf der anderen.

Kramer: Wir sehen eine Gasscheibe, die in das Schwarze Loch hineinfällt. Auf der einen Seite des Rings bewegt sich das Gas auf uns zu, auf der anderen von uns weg. Dort, wo das Gas auf uns zukommt, ist mehr Licht zu sehen. Die Gravitationskraft des Lochs ist dabei zusätzlich so stark, dass wir selbst Licht von seiner Rückseite sehen können. Wir haben also den Schatten, einen Photonenring drumherum und die Eigenschaften der Scheibe. In der Folge können wir nun die Masse des Lochs deutlich genauer bestimmen. Geschätzt worden war bislang, dass sie zwischen 3,5 und 6,4 Milliarden Sonnenmassen liegt. Jetzt wissen wir: Der größere Wert ist korrekter, das Schwarze Loch in M87 ist damit 1.000-mal schwerer als das in der Milchstraße.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, man könne das Schwarze Loch "sehen". Dabei handelt es sich streng genommen um einen Blick in die Vergangenheit.

Kramer: Das Schwarze Loch ist etwa 55 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Das heißt, die nun abgebildeten Photonen sind etwa zu der Zeit losgereist, als es noch Dinosaurier auf der Erde gab, und sie erreichten uns genau rechtzeitig. Zu einem Zeitpunkt, als unsere Teleskope bereit waren.