ZEIT ONLINE: Einstein hat errechnet, wie ein Schwarzes Loch aussehen muss. Steht mit der Aufnahme fest, dass er richtiglag?

Kramer: Momentan sind die Daten mit seiner Theorie konsistent. Aber in den nächsten Jahren werden wir die Theorie mit besseren Daten weiter überprüfen können. Man kann nie sagen, dass eine Theorie hundertprozentig richtig ist, sondern immer nur, ob sie die gesammelten Daten richtig beschreibt. Neue Daten könnten die Theorie später widerlegen.

Die künstlerische Darstellung zeigt den Weg von Lichtstrahlen um ein Schwarzes Loch. © Nicolle R. Fuller/NSF

ZEIT ONLINE: Auf manchen der simulierten Bilder war noch ein Materiestrahl zu sehen, der von den Polen des Lochs ausging. Sie und Ihre Kollegen nennen diese weggeschleuderten Teilchen Jets. Die Aufnahme von M87 zeigt keinen Jet. Warum?

Kramer: M87 hat einen sehr großen Jet, der schon anderweitig beobachtet worden ist. Aber wir wissen nicht, wo genau er entsteht, also wo die Materie zum Strahl gebündelt wird. Es könnte sein, dass helle Teile der Scheibe durch die Jetformation zustande gekommen sind. Die Qualität unserer Aufnahme reicht aber nicht, um diese Annahme zu bestätigen.

ZEIT ONLINE: Nun wollte das EHT aber eben nicht nur das erste Abbild eines Schwarzen Lochs anfertigen. Das Projekt, an dem Sie beteiligt sind, wollte auch klären, was die Jets antreibt, etwa ob sie durch die Drehung des Schwarzen Lochs selbst entstehen. Sind Sie diesbezüglich ein wenig enttäuscht?

Kramer: Es ist schon schade, dass wir keinen offenbaren Jet sehen. Aber mit neuen Entdeckungen kommen neue Fragen, und wir entwickeln uns weiter.

ZEIT ONLINE: Mit mehr und genaueren Bildern?

Kramer: Es gibt bereits weitere Aufnahmen aus dem Jahr 2018, die deutlich mehr Lichtteilchen aufgefangen haben – auch wenn das Wetter etwas schlechter war. Das führt automatisch zu einer besseren Bildqualität. Zudem möchten wir das Projekt um neue Teleskope erweitern. So verbessern wir gerade die Antennen des deutsch-französisch-spanischen IRAM-Instituts in der Nähe von Grenoble. Auch ein Teleskop im südlichen Afrika, beispielsweise in Namibia, mit geeigneter Antenne wäre wünschenswert.

Ein Teleskop so groß wie die Erde

Für das Event-Horizon-Teleskop wurden acht einzelne Instrumente zusammengeschlossen.

ZEIT ONLINE: Welche Löcher könnte man dann noch beobachten?

Kramer: Die zweite Quelle, die wir beobachten, ist das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße. Das ist 1.000-mal weniger massereich, ist aber auch 1.000-mal näher. Es erscheint also fast genau gleich groß. Andere Schwarze Löcher sind entweder weiter weg oder haben weniger Masse, sodass sie kleiner am Himmel erscheinen. Diese Messungen werden schwerer, eine bessere Auflösung wäre hilfreich.

ZEIT ONLINE: Manche fanden das Bild des Schwarzen Lochs wenig spektakulär. Was möchten Sie diesen Menschen sagen?

Kramer: Das ist insofern verständlich, als dass die weitverbreiteten Simulationen äußerst beeindruckend sind. Das reale Bild fällt da etwas ab. Wir hätten, wie gesagt, noch präzisere Bilder liefern können, aber wir wollten die Welt nicht noch länger vertrösten. Und ganz ehrlich: Trotz aller Unschärfe ist das Bild aufregend. Wir hatten keine Zweifel, dass Schwarze Löcher existieren, und eine gute Vermutung, wie sie aussehen. Nun wissen wir es. Die Aufnahme ist der Beginn einer neuen Zeit, in der sich das Bild in jedem Lehrbuch wiederfinden wird.

Wie Schwarze Löcher entstehen, welche neuen Exoplaneten aufgespürt wurden und wann der Mensch zum Mars aufbricht, lesen Sie in unserem Schwerpunkt zu Astronomie und Raumfahrt.