Organspende - Abgeordnete werben für mehr Freiwilligkeit Nach dem fraktionsübergreifenden Vorschlag sollen sich Organspender online registrieren. Gesundheitsminister Jens Spahn setzt stattdessen auf eine Widerspruchslösung. © Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten um Grünen-Chefin Annalena Baerbock will die Bereitschaft zur Organspende durch die Möglichkeit einer Onlineregistrierung stärken. Die Entscheidung dafür soll damit bewusst und freiwillig bleiben und auf ausdrücklicher Zustimmung beruhen. Die Parlamentarier gehen damit auf Gegenkurs zu dem Gesetzentwurf einer ebenfalls fraktionsübergreifenden Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der eine sogenannte Widerspruchslösung vorsieht.  

Eine zentrale Rolle des Vorstoßes von unter anderem Baerbock, Linke-Chefin Katja Kipping, SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis, dem FDP-Abgeordneten Otto Fricke und der gesundheitspolitischen Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, Karin Maag, haben Hausärzte inne. Sie sollen ihre Patienten regelmäßig im Abstand von zwei Jahren zur Organspende beraten und sie zur Eintragung in das Onlineregister ermutigen. Bürgerämter werden verpflichtet, Bürgerinnen mit Informationsmaterialien zu versorgen und bei Abholung der Ausweispapiere zur Eintragung in das Organspenderegister aufzufordern. Sie sollen jedoch keine Beratung vornehmen.

Die von Spahn und unter anderem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach vorgestellte Widerspruchslösung sieht vor, dass alle deutschen Staatsbürger ab 16 Jahren über den Zeitraum von einem Jahr ausführlich informiert und schließlich als Spender registriert werden – außer sie widersprechen. Die Entscheidung soll jederzeit revidiert werden können. Liegt kein Widerspruch vor, sollen Angehörige nach dem Versterben eines möglichen Spenders zudem gefragt werden, ob der Tote einer Organentnahme zugestimmt hat. 

Baerbock mahnte, das hohe Vertrauen in das Gesundheitswesen nicht dadurch kaputt zu machen, Menschen mit einem solchen Vorgehen vor den Kopf zu stoßen. 84 Prozent der Bevölkerung stünden dem Thema Organspende positiv gegenüber, allerdings besäßen nur 36 Prozent einen Organspendeausweis. "Wir wollen diese große Lücke schließen." Der Vorschlag berücksichtige das Selbstbestimmungsrecht auf den eigenen Körper und sei damit verfassungsschonender.

"Möglichst viele Menschen sollen sich bewusst für ein Ja zur Organspende entscheiden", sagte Kipping. Im Alter von 16 Jahren setzten sich junge Menschen nicht unbedingt ernsthaft mit dem Thema Organspende auseinander. Die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus sagte, nur gut informierte Bürger könnten bewusste Entscheidungen treffen. Der Entwurf nehme Bürgern zudem Unsicherheiten und Ängste.

Organspende - Hoffen auf ein Spenderherz Stefan Gau wartet wie 10.000 andere auf ein Spenderorgan. Er hofft auf die Neuregelung des Verfahrens, die alle Menschen zu Spendern macht, die nicht widersprechen. © Foto: Waltraud Grubitzsch/ZB/dpa

"Schweigen heißt nicht Zustimmung"

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßte, dass die Gruppe um Baerbock auf eine ausdrückliche Entscheidung zur Organspende setze. Im Gegensatz dazu mache die Widerspruchslösung jeden automatisch zum Spender. "Es wird gehofft, dass der Bürger sich mit der Organspende nicht beschäftigt und schweigt", sagte Vorstand Eugen Brysch. "Schweigen heißt aber nicht Zustimmung. So wird das Misstrauen in der Bevölkerung eher verstärkt." Unabdingbar sei vielmehr eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema. Dazu brauche es eine sachliche, neutrale und ergebnisoffene Aufklärung und Beratung.

In Deutschland herrscht seit Jahren ein Mangel an Spenderorganen. Im vergangenen Jahr ist die Spendenbereitschaft erstmals seit 2010 allerdings wieder gestiegen. 955 Menschen stellten nach ihrem Tod Organe zur Verfügung. Im Vergleich zu 2017 ist das ein Plus von knapp 20 Prozent – damals wurden in Deutschland so wenig Organe gespendet wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr (DSO Jahresbericht, 2017, PDF). Trotz der gestiegenen Spendenbereitschaft warteten zuletzt 9.400 schwer kranke Menschen auf eine lebensrettende Niere, Lunge oder ein Herz.