Die italienische Ingenieurin und Raumfahrttechnikerin Samantha Cristoforetti ist Astronautin der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE erzählte sie nach ihrem Vortrag auf der Veranstaltung Europe Talks in Brüssel von ihrem Aufenthalt im All, sprach über Dienstreisen zum Mond und die Bedeutung der europäischen Raumfahrt.

ZEIT ONLINE: Als Astronautin waren Sie 199 Tage, 16 Stunden und 43 Minuten im Weltraum auf der Internationalen Raumstation ISS. Die meiste Zeit davon lebten Sie mit fünf anderen auf 100 Quadratmetern ohne Dusche. Ständig galt es, Geräte zu prüfen, Experimente durchzuführen, selbst Versuchsobjekt zu sein. Zum Essen gab es vor allem Suppe aus der Tüte. Würden Sie den Beruf weiterempfehlen? 

Samantha Cristoforetti: Ich würde nicht mein ganzes Leben so verbringen, aber für eine begrenzte Zeit ist es wunderbar. Astronaut ist für viele ein Traumberuf und das ist gut so. Es ist eine Sensation – die Schwerelosigkeit, dieser Blick auf die Erde. Dafür nimmt man halt Unannehmlichkeiten in Kauf.

Samantha Cristoforetti ist gebürtige Italienerin und war für die europäische Raumfahrtagentur Esa auf der Internationalen Raumstation. Zwischen November 2014 und Juni 2015 war sie die Bordingenieurin der Expeditionen 42 und 43. Im August erscheint in Deutschland ihr Buch "Die lange Reise – Tagebuch einer Astronautin". © Tristan Fewings/Getty Images

ZEIT ONLINE: Und immerhin gibt es bequeme Arbeitskleidung bestehend aus T-Shirt und Jogginghose.

Cristoforetti: Man braucht nicht mal Schuhe!

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Lieblingsshirt von der Erde mitgebracht?

Cristoforetti: Das nicht, aber wir hatten spezielle Shirts mit Referenzen auf Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis. Ich habe manche als Geburtstagsgeschenke mitgebracht.

ZEIT ONLINE: Weil es die 42. Expedition zur ISS war?

Cristoforetti: Genau. In dem Roman ist 42 "the answer to the ultimate question of life, the universe and everything". Kurz: die Antwort auf alles. Don’t Panic stand deshalb etwa auf einem Shirt.

ZEIT ONLINE: Sie durften zudem persönliche Gegenstände mit hoch nehmen. Nichts zu Schweres allerdings, ein Kilo Masse ins All zu befördern, kostet ein paar tausend Dollar. Für was haben Sie sich entschieden?

Cristoforetti: Es ist eine Tradition, dass Astronauten kleine, bedeutungsvolle Sachen für andere mitbringen. Manche nehmen Eheringe mit, Bilder oder Spielzeuge für Kinder, die dann kurz im All schweben und anschließend wieder zurück zur Erde kommen. So etwas hatte ich dabei. Aber auch Minibücher, die ich selbst zusammengestellt habe aus Gedichten und Buchausschnitten, die mit Entdeckungen, Wundern und Schönheit der Natur zu tun haben. 150 Minibücher flogen mit mir in der Sojus und zurück. 350 weitere waren in einem Frachtschiff, auch sie durften wieder mit zur Erde. Ich habe alle durchnummeriert und gebe sie noch heute als Geschenk weiter.

Ich hätte fast meinen ersten Sonnenaufgang im All verpasst.
Samantha Cristoforetti, Esa-Astronautin

ZEIT ONLINE: Unterhält man sich auf dem Weg zur ISS mit den Kollegen über solche Mitbringsel und persönliche Interessen – oder über was spricht man die sechs Stunden lang?

Cristoforetti: Wir haben viele Witze gemacht, es war entspannt. Aber es ist auch immer wichtig, sich zwischendurch nach dem Befinden zu erkunden, weil manche sich krank fühlen, wenn sie im Weltall ankommen. So erging es mir glücklicherweise nicht. Weil ich ein Neuling war, haben die anderen – sie flogen zum zweiten Mal – sich darum gekümmert, dass ich die Schönheit des Weltraums wahrnehme. Sonst hätte ich fast meinen ersten Sonnenaufgang im All verpasst. Als Bordingenieurin hatte ich große Verantwortung für die Systeme an Bord und darauf war ich sehr konzentriert. Irgendwann sagte der amerikanische Kollege dann: Samantha, nun schau doch mal aus dem Fenster, da geht die Sonne auf!

ZEIT ONLINE: Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Cristoforetti: Von Natur aus bin ich es eigentlich nicht. Meine Arbeit verlangt es aber. Es fängt schon damit an, mitunter jahrelang auf den Flug ins All warten zu müssen, was ich jetzt wieder mache. Auch dauern die ganzen Abläufe recht lang und erfolgen nach Protokoll. Allein vom Andocken bis zum Betreten der Station können nach dem Flug nochmal Stunden vergehen.

ZEIT ONLINE: Wurden Sie da nicht ganz kribbelig?

Cristoforetti: Ach, ich hatte Jahre gewartet – auf die paar Stunden kam es dann auch nicht mehr an.

ZEIT ONLINE: Sie hatten das Vergnügen, als erste aus der Kapsel zu steigen. Was war Ihr erster Eindruck?

Cristoforetti: Ich erinnere mich nicht an ein bestimmtes Gefühl oder einen bestimmten Geruch, die ISS riecht ziemlich neutral. Ich hatte erwartet, dass man aus der Kapsel kommt und plötzlich alles sehr weit ist, aber die ersten Module sind sehr schmal. Fast wie Tunnel. Ich konnte kaum an den anderen vorbeischweben. Übrigens hatte ich gar nicht erwartet, als erste die ISS zu betreten. Es war in dem Moment alles etwas hektisch, ich stand vor der Luke und mein Kommandant sagte plötzlich: "Samantha, Samantha! Bereit! Komm schnell!" Und ich dachte nur, na gut, diskutieren werde ich jetzt nicht.