Update, 22. Juli 2019: Am Montag, den 22. Juli, soll die "Chandrayaan-2"-Mission um 11.13 Uhr deutscher Zeit starten. Ursprünglich sollte die Rakete vor knapp einer Woche abheben. Doch kurz vor dem Start war die Mission wegen technischer Probleme gestoppt worden.

Mit den Entdeckern Vikram und Pragyan will Indien in die Geschichtsbücher eingehen. Die beiden sollen an einen Ort reisen, den die Menschheit bisher noch nie besucht hat: an den Südpol des Mondes. Zwar sind diese Raumfahrer nicht aus Fleisch und Blut, sondern Maschinen. Doch sie wurden gebaut, um zu erobern.

Die Chandrayaan-2-Sonde besteht aus Vikram, einer Landeplattform, und Pragyan, einem fahrenden Roboter. Eine dreistufige Trägerrakete soll die Gerätschaften vom indischen Satish Dhawan Space Centre aus ins All bringen. Rund 50 Tage später, wahrscheinlich im September, will Indiens Regierung verkünden: Unser Land ist die vierte Nation, die erfolgreich auf dem Mond gelandet ist. Allein Russland, China sowie den USA sind bislang sanfte Landungen gelungen, und nur Letztere haben es vollbracht, Menschen durch den lunaren Staub wandeln zu lassen. 50 Jahre ist das her.

Die aktuelle indische Mission ist zwar unbemannt, aber nicht minder anspruchsvoll. Das Team will mit einer Tour eine Ladung von 3,8 Tonnen ins All bringen.* Das Weltraumpaket hat neben Vikram und Pragyan auch einen Satelliten dabei, der auf einer Umlaufbahn den Mond umkreisen soll. Gefährt und Roboter sollen es hingegen wohlbehalten auf den Boden schaffen. Und das nicht irgendwo, sondern nahe dem Südpol, am 70. Breitengrad zwischen den Kratern Manzinus C und Simpelius, wo Temperaturen zwischen minus 157 Grad Celsius und plus 121 Grad Celsius herrschen. Das ist der Plan.

Satish Dhawan Space Centre

Der indische Weltraumbahnhof liegt auf der Barriereinsel Sriharikota.

Der Südpol des Mondes ist ein reizvolles Ziel, weil Astrophysiker dort bereits vor Jahren Wassermoleküle entdeckt haben, die Vorkommen aber bisher kaum untersuchen konnten. So wissen sie bislang, dass Wasser auf der Mondoberfläche in tiefen Kratern am Pol und gebunden im Gestein gelagert ist. Wie groß die Mengen sind, ist nicht bekannt. Vor zwei Jahren hatten Forscher spekuliert, dass sich im Inneren des Mondes genauso viel Wasser befindet wie im Erdmantel (Nature Geoscience: 2017). Die entscheidenden Daten für diese Studie hatte dem Team die indische Raumsonde Chandrayaan-1 geliefert. 

Nun will Indien mit Chandrayaan-2 und seinen beiden Entdeckern nachlegen. Mehrere Manöver sind notwendig, um die Sonde samt Nutzlast zum Erdtrabanten zu bringen. Nachdem Chandrayaan-2 den Anziehungsbereich des Mondes erreicht hat, sollen Steuerraketen das Gefährt verlangsamen, damit es auch vor Ort bleibt. Das bedeutet, es bewegt sich dann auf einer stabilen Umlaufbahn in etwa 100 Kilometern Höhe. Am Tag der Landung soll sich Vikram – benannt nach dem Vater des indischen Raumfahrtprogramms – von dem Orbiter lösen, um in mehreren Bremsmanövern gen Oberfläche hinabzusteigen (siehe Animation der indischen Weltraumorganisation).

In einem Video hat Indiens Weltraumforschungsorganisation Isro die "Chandrayaan-2"-Mission animiert.

Man sei sehr aufgeregt, aber zuversichtlich, sagte der Isro-Vorsitzende Kailasavadivoo Sivan Mitte Juni in einem Bericht des indischen Fernsehsenders NDTV. Auch er weiß: Sanfte Landungen sind im Gegensatz zu kontrollierten Aufschlägen keine leichte Übung, sondern gehören zu den größten Herausforderungen in der Raumfahrt. Nur wenn die Landeplattform, auch Lander genannt, sicher aufsetzt, lässt sich in einem nächsten Schritt der Rover entladen und auf die Mondoberfläche fahren.

Sollte Vikram schließlich brauchbares Wasser finden, sind künftige bemannte Missionen, sogar eine Basis auf dem Mond denkbar. Damit wirbt zumindest die Isro – indische Spitzentechnologie könnte dies möglich machen. Ganz ohne Hilfe aus dem Ausland geht es dann allerdings nicht: Die Weltraumorganisation hat bereits das Deep Space Network der US-amerikanischen Nasa zur Navigation gebucht. Das Antennennetz auf der Erde kann unter anderem mit Sonden und Satelliten Kontakt aufnehmen.

Einmal am Südpol angekommen soll der Rover Pragyan eine Strecke von 500 Metern zurücklegen und die Region währenddessen möglichst detailliert erkunden, "um die Geheimnisse des Mondes zu entschlüsseln", sagte der Raumfahrtwissenschaftler Sivan in dem Fernsehinterview. Passenderweise lässt sich Pragyan in etwa mit Weisheit übersetzen. Mit insgesamt 13 wissenschaftlichen Geräten an Bord von Satellit, Lander und Roboter wollen Sivan und seine Kollegen die Chemikalien auf dem Mond analysieren, die Oberfläche kartieren und bestenfalls noch Mondbeben aufzeichnen. Zwei Wochen haben Vikram und der solarbetriebene Pragyan laut seiner Erbauer dafür Zeit. Über den Lander und den Satelliten, der den Mond derweil umkreist, sollen die Daten dann zur Erde gelangen. Der Satellit soll ein Jahr lang im Dienst sein.