Der Austritt Japans aus der Internationalen Walfangkommission (IWC) ist am Sonntag offiziell in Kraft getreten. Damit wird das Land erstmals seit 1986 wieder kommerziell Jagd auf Wale machen. ZEIT ONLINE hat mit der Tiefseeforscherin Antje Boetius über die Bedrohung der Meeressäuger und die politische Dimension des Walfangs gesprochen.

ZEIT ONLINE: Bislang haben japanische Walfänger die Meeressäuger in der Antarktis getötet. Fortan wollen sie Wale in eigenen küstennahen Gewässern bejagen. Angeblich hätten sich die Bestände dort erholt. Stimmt das?

Antje Boetius: Ja, einzelne Populationen haben sich erholt oder waren sogar nie gefährdet. Dazu zählen Bestände des Zwergwals, des Seiwals und des Brydewals, die nun bejagt werden.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie also davon, dass Japan sich über das Walfangverbot hinwegsetzt?

Boetius: Ich bin gegen Walfang, aber die Tiere nicht mehr in der Antarktis, sondern nur noch in den eigenen Gewässern zu fangen, scheint mir eher von Vorteil. Denn vor Ort ist es einfacher, Quoten zu setzen und dann auch zu überprüfen. Auch das Monitoring der Gesundheit von Walpopulationen ist so leichter durchzuführen. Das Ziel der japanischen Regierung ist ja eine nachhaltige Jagd.

Antje Boetius ist Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Als Tiefseeforscherin lauscht sie Walgesängen. © Alfred-Wegener-Institut /​ Kerstin Rolfes

ZEIT ONLINE: Aber wie wollen die Fischer sicherstellen, dass nicht auch gefährdete Arten ins Netz gehen?

Boetius: Hier wird es tatsächlich problematisch. Es können ja Individuen gefangen werden, die selten sind. In japanischen Fanggründen ist besonders der Westpazifische Grauwal oder der Pazifische Nordkaper bedroht. In anderen Ländern, die ebenfalls kommerziellen Walfang betreiben, ist der Beifang seltener Wale auch schon vorgekommen, zuletzt in Island. Außerdem bewegen sich manche Arten über die gesamten Weltmeere hinweg und können dann plötzlich in japanischen Gewässern auftauchen. Wissenschaftler haben zudem gezeigt, dass die Kontrollen für den Handel nicht vollständig funktionieren. Es wurde sogar schon Walfleisch in Sushi in Kalifornien gefunden. Der Walfang ist aus meiner Sicht also grundsätzlich ein kritisch zu betrachtendes Geschäft.

ZEIT ONLINE: Nun ist der Walfang nur eine von vielen Bedrohungen für die Tiere. Was ist mit dem Klimawandel oder dem Lärm der Schiffe?

Boetius: Das ist ein wichtiger Punkt. Wale brauchen wirklich keinen zusätzlichen Stress. Die Jagd ist eine zusätzliche Belastung, denn die Weltmeere werden immer lauter und schmutziger. An der Nordsee angespülte Tiere haben oft die Mägen voller Plastikmüll. Wir können dann zwar nicht nachweisen, dass die Wale daran gestorben sind, aber es ist ein Indiz dafür, dass sie erheblich unter Druck stehen. Besonders zu beachten sind dabei auch die Folgen des Klimawandels. Dadurch verändert sich das Nahrungsangebot. Bei Walen, die in den Polarregionen unterwegs sind, ist der schnelle Rückgang des Meereises zu bedenken, sodass in der Folge die Lebensräume der Wale schwinden. Forscher befürchten, dass ihre Fitness sinkt und sie sich langsamer vermehren, aber das ist sehr schwer zu beforschen.

ZEIT ONLINE: Werden die Fangzahlen in den japanischen Gewässern nun künftig steigen?

Boetius: Das glaube ich nicht, denn die Nachfrage wird ja immer weniger. Den aktuellen Angaben der Fischereibehörde zufolge sollen zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember 2019 maximal 52 Zwergwale, 25 Seiwale und 150 Brydewale gejagt werden dürfen. Auf Basis des jährlich verarbeiteten Walfleischs von 5.000 Tonnen kann man davon ausgehen, dass das genug ist. In der Antarktis sind bislang mehrere Hundert Tiere pro Jahr getötet worden, und das fällt jetzt weg.