Die Deutsche Bahn hat eine Vision: Ab 2030 will sie alle Züge ungefähr zur gleichen Zeit eintreffen und abfahren lassen. Alle 30 Minuten sollen außerdem Fernzüge zwischen den 30 größten deutschen Städten verkehren. Immer zur gleichen Minute, wie eine S-Bahn. Die Vision heißt Deutschlandtakt. Aber wie kann so was funktionieren? Darüber haben wir mit einem Mathematiker gesprochen, der Bahnfahrpläne optimiert.

ZEIT ONLINE: Alle 30 Minuten soll in 30 Großstädten ein ICE abfahren und die Metropolen miteinander verbinden. Ein so getakteter Fahrplan hätte viele Vorteile, meint die Deutsche Bahn. Kann das klappen?

Christian Liebchen: Geplant ist ein integraler Taktfahrplan. Taktfahrplan bedeutet: Jede Linie fährt jede halbe Stunde oder Stunde, das wird schon jetzt meistens so gemacht. Das Add-on ist das "Integrale": Es soll Knotenbahnhöfe geben, an denen ich von überall nach überall mit minimaler Umsteigezeit umsteigen kann, weil alle Züge zum Beispiel kurz vor der vollen Stunde ankommen und nach der vollen Stunde abfahren. Mancherorts gibt es so etwas auch schon jetzt, beispielsweise weitgehend in Magdeburg oder Offenburg.

ZEIT ONLINE: Was wäre also der Unterschied?

Christian Liebchen ist Professor für Verkehrsbetriebsführung an der Technischen Hochschule Wildau. Er hat in mathematischer Optimierung über Taktfahrpläne promoviert und hat 2005 den Berliner U-Bahn-Plan mit optimiert. Zudem war er für DB Schenker Rail Deutschland AG und die S-Bahn Berlin GmbH tätig. © Matthias Friel

Liebchen: Aus einem integralen Taktfahrplan über ganz Deutschland hinweg ergibt sich ein zusätzliches Versprechen an die Fahrgäste: Man kriegt Fahrpläne, die vielerorts kurze Umsteigezeiten einplanen. Damit man in der Folge seinen Zug bekommen kann, muss die Bahn dann deutlich pünktlicher und mit weniger Störungen fahren als heute. Wichtig ist hierbei, zu beachten, wie man Verspätung überhaupt misst: Üblicherweise wird als Verspätung angesehen, wenn der Zug um eine gewisse Zeitspanne – fünf Minuten etwa – hinter dem Fahrplan liegt. Ich habe kürzlich einen Anschlusszug wegen vier Minuten Verspätung verpasst und musste den nächsten Zug im Takt nehmen, eine Stunde später. Nach der Fünf-Minuten-Regel war alles pünktlich, als Fahrgast war ich aber eine Stunde verspätet. Pünktlichkeitswerte sollten künftig auch das Erreichen von Anschlüssen miteinbeziehen.

ZEIT ONLINE: Und was sagt der mathematische Optimierer zu einem Taktfahrplan?

Liebchen: Nur wenn man sich auf eine Taktung beschränkt, hat man überhaupt eine Chance, einen Plan von der Größe Deutschlands von Grund auf im mathematischen Sinne zu optimieren, egal ob integral oder nicht. Es gibt sonst einfach viel zu viele Variationsmöglichkeiten. An dem U-Bahn-Fahrplan, den wir 2005/06 für die Berliner Verkehrsbetriebe erstellt haben – übrigens der erste mathematisch optimierte Fahrplan weltweit, der umgesetzt wurde – haben wir Monate gearbeitet. Ich bin sicher, dass wir ohne Taktung kein beweisbar optimales Ergebnis hätten errechnen können.

Und bei meiner Arbeit habe ich noch etwas gelernt: Nicht nur Fahrgäste müssen sich den Fahrplan merken, sondern auch die Angestellten, die Bahnfahrten im Alltag koordinieren, gerade bei Verspätungen. Sie können flexibler reagieren, wenn sie wissen, dass gewisse Züge alle halbe Stunde kommen oder sich der Fahrplan nach einer gewissen Zeit wiederholt, weil sie es so immer wieder mit denselben Fahrtenkonstellationen zu tun haben. Da können sie auf Erfahrungen zurückgreifen: Was lief gut, was lief schlecht? Ein Deutschlandtakt bedeutet daher auch die Chance für einen besseren Umgang mit Verspätungen.

ZEIT ONLINE: Das klappt nur, wenn man flexibel reagieren kann. Was aber, wenn eine Verspätung den ganzen Takt durcheinanderbringt?

Liebchen: Knappe Planung ist in jedem Fahrplan problematisch. Das Beispiel Schweiz zeigt aber: Selbst ein hochgradig vernetzter integraler Taktfahrplan mit vielen Knoten führt trotz vieler Abhängigkeiten und starker Auslastung in den Knotenbahnhöfen nicht zwangsläufig zu einer geringen Pünktlichkeit. Der Fernverkehr in der Schweiz schneidet in Sachen Pünktlichkeit regelmäßig besser ab als der deutsche.