ZEIT ONLINE: Ekel ist nur eine unter vielen Emotionen. Wie prägen denn andere Emotionen unsere Ansichten?

Hübl: Der Frage kann man sich gut über psychologische Persönlichkeitsmerkmale nähern. Menschen haben mindestens fünf Persönlichkeitsmerkmale, die über das Leben recht konstant bleiben, die Big Five: Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Labilität und Extrovertiertheit. Die Merkmale wirken sich auf die Lebensführung aus, auf die Partner- und die Berufswahl. Und zwei dieser Merkmale haben sich als besonders verlässliche Indikatoren für das politische Denken und das Wahlverhalten erwiesen.

ZEIT ONLINE: Welche?

Hübl: Auf der einen Seite Offenheit. Offene Menschen sind grundsätzlich an Neuem, an Vielfalt, an Abwechslung interessiert, sie wollen neue Speisen probieren, neue Länder bereisen, können gut mit Komplexität umgehen und sehen in ihr oft einen ästhetischen Wert. Wer auf der Offenheitsskala weit oben landet, wählt eher linksliberal, wer einen niedrigen Wert hat, wählt eher konservativ bis rechtsradikal oder ist traditionalistisch-religiös. Umgekehrtes gilt für Gewissenhaftigkeit, man könnte auch sagen, Sorgfalt und Verlässlichkeit. Gewissenhafte Menschen sind ordentlich und pünktlich, kategorisieren gern, strukturieren ihren Alltag und ihr Leben sehr stark – und wählen eher konservativ.

Im Alltag leiten die Menschen ihre moralischen Urteile selten von allgemeinen Prinzipien ab.
Philipp Hübl

ZEIT ONLINE: Überspitzt gesagt: Linksliberale können besser mit Chaos umgehen.

Hübl: Ja, genau. Sie sehen keine Bedrohung, wenn die Welt um sie herum – ob nun die Wohnung oder der städtische Raum – ungeordnet ist. Sie sehen keine Bedrohung, wenn es keine ganz so klaren Kategorien gibt, sondern Mehrdeutigkeiten, wie etwa verwischte Geschlechtergrenzen. Wer hingegen einen niedrigen Wert bei Offenheit und einen hohen bei Gewissenhaftigkeit hat, der will klare Kategorien und deshalb Grenzen ziehen: im eigenen Garten, rund um das eigene Land, zwischen Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und Religionen.

ZEIT ONLINE: Wenig offene Menschen sind also menschenfeindlich?

Hübl: Nicht ganz. Menschen, die sehr gewissenhaft und wenig offen sind, neigen eher zu autoritärem Denken und wünschen sich eher starke soziale Hierarchien. Das sind typischerweise die unterwürfigen autoritären Typen, die klassischen Mitläufer. Doch wenn Menschen außerdem noch einen niedrigen Wert bei Verträglichkeit haben, speziell Warmherzigkeit und Mitgefühl, dann neigen sie zum sozialdominanten Denken oder, wie Soziologen sagen, zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das ist dann genau die Konstellation, die Theodor Adorno einst den "autoritären Charakter" genannt hat. Diese Menschen denken faschistisch.

ZEIT ONLINE: Wie sehr sind denn unsere Persönlichkeit und unsere Emotionalität in Teilen angeboren, also durch unsere Gene bestimmt?

Hübl: Eine große Metastudie zur Zwillingsforschung mit insgesamt 15 Millionen Versuchspersonen zeigt, dass die Gene ungefähr zur Hälfte erklären, wie unsere Persönlichkeitsmerkmale ausgeprägt sind (Nature Genetics: Polderman et al., 2015). Manche Kinder kommen verschlossener zur Welt, andere neugieriger. Anhand dieser Neigung kann man zu einem gewissen Grad vorhersagen, was sie später wählen werden. Die anderen 50 Prozent aber kommen durch die Erziehung. Und natürlich prägt meine Persönlichkeit mein Verhalten, was wiederum meine politischen Ansichten prägt. Bin ich besonders offen, mache ich mehr Reisen, lerne mehr fremde Menschen kennen und verstärke meine Offenheit dadurch wieder.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen immer wieder von moralischen Emotionen – was genau meint das?

Hübl: Die klassische philosophische Vorstellung besagt, dass wir unsere Normen wie "Du sollst nicht stehlen", "Du sollst nicht töten", "Unsere Gesellschaft soll gerecht sein" aus unserer Vernunft herleiten sollen. Im Alltag sieht das oft ganz anders aus: Da leiten die Menschen ihre moralischen Urteile selten von allgemeinen Prinzipien ab. Stattdessen urteilen sie sehr spontan.

ZEIT ONLINE: Wie kann man das nachweisen?

Hübl: Legt man Versuchspersonen schwierige Fälle vor, über die Ethikerinnen und Ethiker Jahre nachgedacht haben, urteilen sie oft in unter einer Sekunde (Psychological Science: Van Berkum et al., 2009). Ein Beispielsfall: Darf ich einen schweren Mann mit einem Rucksack von einer Brücke auf Gleise stoßen, damit er einen Zug aufhält, der sonst fünf Menschen überfahren und töten würde? Die Antwort vieler Menschen: Nein. Nur: Wenn man sie fragt, warum, können sie das schwer begründen. Sie stützen sich auf ein moralisches Bauchgefühl.

ZEIT ONLINE: Dass viele Menschen den Mann nicht auf die Gleise stoßen wollen, lässt sich aber begründen. Die deontologische Ethikschule beispielsweise, die auf Immanuel Kant zurückgeht, kennt ein klares Tötungsverbot und verbietet es, Menschen zu Objekten zu machen, die man für einen höheren Zweck benutzt.

Hübl: Das stimmt. Oft aber lässt sich das moralische Bauchgefühl nicht begründen. Der Psychologe Jonathan Haidt hat das in eindrucksvollen Experimenten gezeigt (zum Beispiel Journal of Social and Personal Psychology: Haidt et al., 1993). Er hat Probanden Fallgeschichten vorgelegt, in denen Menschen etwas Harmloses tun, das niemanden schadet. Zum Beispiel eine, in der unfruchtbare erwachsene Geschwister einvernehmlichen Sex haben, von dem niemand erfährt. Inzest mag ein Tabu sein, aber wenn man genauer überlegt, fällt einem eigentlich kein Grund ein, warum der Sex falsch sein sollte – solange sicher ist, dass keine Kinder entstehen. Die meisten Personen, die gefragt werden, finden es trotzdem falsch. Aber wenn man sie auffordert, das zu begründen, verfallen sie in eine Art moralische Sprachlosigkeit.