ZEIT ONLINE: In manchen Fällen haben Menschen aber durch Erziehung und Gesellschaft Normen verinnerlicht, die auf sorgsame Überlegungen zurückgehen, die Menschenwürde zum Beispiel. Und diese wenden sie dann automatisch auf Situationen an.

Hübl: Ja, das sehe ich genauso. Viele Moralpsychologen neigen dazu, alle unsere Werturteile für emotional zu halten. Vernunft, Reflexion, Nachdenken und die kulturelle Erziehung spielen bei ihnen kaum eine Rolle. Das halte ich für falsch. Ich vertrete eine duale Theorie. Wie bei anderen Denkfragen kann man bei der Moral ein schnelles, automatisches von einem langsam arbeitenden, reflexiven System unterscheiden. Es gibt eine emotional geprägte Voreinstellung, die gut sein kann – zum Beispiel bei der Tötungshemmung – aber eben auch sehr problematisch – wenn wir intuitiv ganze Gruppen abwerten. Aber zum Glück können wir durch individuelle und gesellschaftliche Anstrengungen moralische Voreinstellungen überkommen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hübl: Menschen ändern oft genug ihre Urteile, wenn sie lange über einen Fall nachdenken. Und auf gesellschaftlicher Ebene sehen wir einen moralischen Fortschritt. Die Menschheit existiert seit mindestens 100.000 Jahren, aber erst die vergangenen 50 Jahre haben eine extrem progressive Wende gebracht. Bis vor Kurzem gab es kein universelles Gremium der Menschenrechte, keine Ideen von globaler Fairness. Viele Fortschritte wie Gleichberechtigung und die Entkriminalisierung von Homosexualität sind moderne Errungenschaften. Sie gehen darauf zurück, dass irgendwann einmal jemand gesagt haben muss: Es kann nicht richtig sein, wie ich erzogen bin. Es kann nicht richtig sein, was ich fühle.

Es ist Zivilisation, wenn wir es schaffen, unsere moralischen Impulse immer wieder zu überschreiben.
Philipp Hübl

ZEIT ONLINE: Viele Menschen aber tun das nicht. Manche lehnen Impfungen ab, weil sie sich um die "Reinheit" ihrer Kinder Sorgen, andere pflegen ihre gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und die wählen entweder gar nicht oder zusammen mit den enttäuschten Konservativen die AfD, wie nun womöglich in Sachsen.

Hübl: Ja, ich glaube, dass wir von der Möglichkeit, unsere emotionalen moralischen Intuitionen durch Nachdenken zu überprüfen, im Alltag zu wenig Gebrauch machen. In meinen Augen ist es Zivilisation, wenn wir es schaffen, unsere moralischen Impulse immer wieder zu überschreiben. Ein Beispiel: Wer in einem homophoben Elternhaus aufgewachsen ist, mag Unwohlsein empfinden, wenn er sieht, wie zwei Männer sich küssen. Die Frage ist dann: Handelt er auch danach und beschimpft die Männer oder kontrolliert er sich?

ZEIT ONLINE: Viele der Beobachtungen, die die Moralpsychologie zum Ursprung unserer Moral oder zu Zusammenhängen von politischen Ansichten und Emotionen macht, sind erst einmal deskriptiv, also beschreibend. Liest man die wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder aber Jonathan Haidts Bücher, bekommt man oft den Eindruck, sie leiten daraus moralische Normen ab.

Hübl: Das ist eine Kritik an der Forschung, die ich teile. Die Aufgabe der Moralpsychologie ist es zu beschreiben, was in uns Menschen vorgeht, wenn wir moralisch denken, fühlen und handeln. Aber die Frage zu beantworten, ob das auch so sein soll, ob wir nach diesen Normen leben sollen, ob wir so ein gutes Leben leben und eine gute Gesellschaft werden, muss die Moralphilosophie, also die Ethik, beantworten. Wer argumentiert: Weil es so ist, soll es so sein, begeht den sogenannten naturalistischen Fehlschluss. Man kann aus dem Ist-Zustand keine Norm, keinen Soll-Zustand ableiten. Im Gegenteil: Moralischen Fortschritt gibt es nur, weil wir oft genug festgestellt haben: So wie es ist, ist es nicht gut.