Niemand sucht sich aus, was er sexuell anziehend findet. Es gibt Männer, die stehen auf Frauen und andersrum. Andere Männer stehen nur auf Männer, manche Frauen auf Frauen. Es gibt Menschen, die fühlen sich von Menschen jeglichen Geschlechts angezogen. Und das alles ist nicht immer eindeutig, sondern fließend.

Schon der Sexualforscher Alfred Kinsey hatte 1948 in seinem ersten Sex-Report festgestellt: Sexuelle Orientierung ist ein Kontinuum. Viele Menschen seien nicht rein hetero oder homo, sondern lägen irgendwo dazwischen.

Warum Menschen bestimmte Geschlechter attraktiv finden, ist jedoch bis heute schwierig zu beantworten. Wie viel davon ist anerzogen, wie viel angeboren? Wie bedeutend sind die individuellen Lebenserfahrungen? Als sicher gilt, dass sowohl das Umfeld, die Kultur, als auch die Genetik einen Einfluss haben. Zu welchem Ausmaß und um welche Gene es sich genau handelt, hat nun ein internationales Forscherteam so umfassend und detailliert untersucht wie niemand zuvor (Science: Ganna et al., 2019).

Das Fazit der aktuellen Studie: Es gibt nicht das eine Homo-Gen. Im Gegenteil: Wie für andere Verhaltensmerkmale finden sich zahlreiche genetische Effekte, die die sexuelle Orientierung beeinflussen. Es ist wahrscheinlich, dass Hunderte oder Tausende genetische Varianten je einen geringen Anteil daran haben. Zugleich machen sie insgesamt nur einen Teil all dessen aus, was sexuelles Verhalten formt. Die "Komplexität von Sexualität" sei damit noch mal deutlicher geworden, schreiben die Wissenschaftlerinnen im Magazin Science. Man könnte auch sagen: Anhand des Erbguts einer Person lässt sich nicht eindeutig ablesen, ob ein Mensch etwa homo- oder heterosexuell ist.

Anerzogen oder angeboren?

Das ist wenig überraschend. Zum einen, weil das Team um die Humangenetikerin Andrea Ganna vom Massachusetts General Hospital in Boston vorläufige Ergebnisse bereits vor einem Jahr auf dem Jahreskongress der American Society for Human Genetics vorgestellt hat. Zum anderen hatten in der Vergangenheit beispielsweise Zwillings- und Familienstudien gezeigt, dass homosexuelles Verhalten teilweise genetisch bedingt, mitunter also vererbbar ist (siehe etwa Bailey; Kendler; Kirk und Långström). Doch die veröffentlichten Studien basierten auf viel zu kleinen Datensätzen und erlaubten keine verlässlichen Aussagen. Und die Suche nach spezifischen Genen, die Homosexualität beeinflussen, war bislang ebenfalls wenig zufriedenstellend.

Ganna und Kollegen haben nun in einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) das Erbgut von 477.522 Menschen untersucht. Die meisten waren zwischen 40 und 70 Jahre alt. Die Informationen der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer stammten größtenteils aus der UK Biobank, einer Gendatenbank in Großbritannien. Zudem gab es Freiwillige, die einer Untersuchung ihres Erbguts im Rahmen eines Forschungsprojekts des kalifornischen Unternehmens 23andMe zugestimmt hatten. Sie alle beantworteten schriftlich Fragen zu ihrem Sexualverhalten, etwa: "Hatten Sie jemals Sex mit jemanden vom selben Geschlecht?" 

Je nach Antwort wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Wer mit Ja geantwortet hatte, gehörte nach der Definition der Forscher in die Gruppe mit homosexueller Orientierung. Wer Nein sagte, in die Kontrollgruppe. Anschließend wurde das Erbgut aller analysiert und gezielt nach Hunderttausenden Markern geschaut, sogenannten SNP, die das sexuelle Verhalten beeinflussen könnten. So ein Single Nuclear Polymorphism ist die Variation jeweils eines Basenpaares im DNA-Doppelstrang.