ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat der Wald am Amazonas für das Klima direkt in Brasilien?

Trumbore: Er recycelt wie erwähnt den meisten Niederschlag, der fällt. Das heißt, das Regenwasser regnet ab, versickert, wird aufgenommen, durch die Baumstämme bis in die Blätter transportiert und verdunstet aus den Baumkronen wieder. Anhand der Analyse von Wasserisotopen erforschen wir, wie viel davon wieder als Wasserdampf in die Atmosphäre zurückgelangt.

ZEIT ONLINE: Oft sprechen Meteorologinnen und Meteorologen in Brasilien auch von einem "fliegenden Fluss". Sie meinen damit, dass die im Amazonasbecken gebildeten Wolken Tausende Kilometer weit wandern können, bevor sie abregnen. So versorgen sie große Teile Südamerikas mit Wasser. Nun besteht die Sorge, dass der Verlust großer Waldflächen zu Trockenheit im Süden Brasiliens führt.

Trumbore: Ja, richtig. Wir beobachten das Phänomen schon ganz lokal. So führt das Verschwinden der Bäume zur Zunahme trockener Fallwinde und mehr Hitze, was wiederum die Feuergefahr erhöht.

ZEIT ONLINE: Was die Auswirkungen auf das weltweite Klima angeht, spielen ja nicht nur die Treibhausgase eine Rolle bei der globalen Erwärmung. Was sind weitere denkbare Folgen, wenn Regenwald zerstört wird?

Trumbore: Es gibt Modelle, die den Schluss zulassen, dass ab einem Waldverlust von 20 bis 25 Prozent im Amazonas – und dort sind wir fast schon angelangt – das Ökosystem des Amazonasbeckens zusammenbrechen würde. Es könnte sich nicht mehr regulieren und der größte tropische Wald der Erde würde sich in eine Savanne verwandeln. Aber diese Simulationen sind sehr ungenau, weil es noch zu wenige Daten gibt. Wir verstehen noch nicht richtig, wie der Wald die Luftzusammensetzung und den Lufttransport in der Atmosphäre beeinflusst.

Der Amazonaswald ist nicht die "Lunge der Erde". Es macht mich verrückt, dass dies immer wiederholt wird.
Susan Trumbore, Geochemikerin

ZEIT ONLINE: Das heißt, viele Szenarien zum Thema Regenwaldzerstörung und Klima sind noch nicht erwiesen und müssen genauer erforscht werden?

Trumbore: Absolut. Aber das gilt ja generell für die Forschung – erst die Summe sehr vieler Erkenntnisse kann ein Bild zeichnen. Vor allem ist der Amazonaswald nicht die "Lunge der Erde". Es macht mich verrückt, dass dies immer wiederholt wird. Die Atmosphäre besteht zu 20 Prozent aus Sauerstoff, der sich über Millionen von Jahren in Algen gebildet hat, die in marinen Sedimenten vergraben waren. Die Gesamtmenge des Sauerstoffs, die jedes Jahr durch Fotosynthese von Pflanzen an Land und in den Ozeanen hinzukommt, beträgt 0,02 Prozent der Menge an Sauerstoff in der Atmosphäre. Auch wenn wir alle Pflanzen an Land verbrennen würden, würde uns der Sauerstoff noch lange nicht ausgehen.

ZEIT ONLINE: Heißt das jetzt, dass die Vernichtung der Wälder gar nicht so schlimm ist, wie es angesichts der Nachrichten von den Bränden im Moment erscheint?

Trumbore: Das wäre ein völliges Missverständnis. Nur ist die Sache mit dem Sauerstoff fürs Klima unerheblich. Das Entscheidende sind die Treibhausgase, etwa Kohlendioxid: Davon gibt es in der Atmosphäre im Verhältnis zu anderen Gasen wenig, nämlich etwa 0,04 Prozent oder mehr oder weniger 420 Teile pro Million (ppm). Wenn wir nun den gesamten Amazonaswald abbrennen würden, würde dieser Wert nach wissenschaftlichen Berechnungen um rund zwölf Prozent ansteigen, also um etwa 54 Teile pro Million (ppm). Das würde zur Erderwärmung beitragen. Die Entwaldung hat also ganz sicher langfristige Effekte auf das Klima.

ZEIT ONLINE: Frau Trumbore, Sie sind vor Kurzem noch selbst im Amazonasgebiet gewesen. Wie ist die Situation der brasilianischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Regierung des Rechtsextremisten Jair Bolsonaro?

Es hat mich schockiert, dass die Forschungsergebnisse von international anerkannten Wissenschaftlern einfach infrage gestellt werden.
Susan Trumbore, Geochemikerin, MPI für Biochemie

Trumbore: Es ist alles sehr beunruhigend. Brasiliens Regierung hat die Gelder für die Bundesuniversitäten und für wissenschaftliche Einrichtungen drastisch gekürzt. Sie spricht sogar darüber, Graduiertenstipendien dieses Jahr zu streichen. Es hat mich schockiert, dass die Forschungsergebnisse von international anerkannten Wissenschaftlern einfach infrage gestellt werden. So zweifelte der Präsident die Daten des brasilianischen Weltrauminstituts (Inpe) zur Abholzung an, obwohl die Nasa ähnliche Daten hat. Zusätzlich gibt es zahlreiche NGOs, die wichtige Arbeit machen, weil sie wissenschaftliche Erkenntnisse in handfeste Anwendungen umsetzen und nachhaltige Praktiken zur Nutzung des Amazonaswaldes entwickeln. Ihre Arbeit hat Brasilien zu einem globalen Vorbild gemacht. Dies wurde auch ermöglicht durch den Amazonasfonds, den Deutschland und Norwegen finanzierten. Nun hat Brasilien das vorläufige Aus des Fonds provoziert. Ich bin wirklich sehr besorgt.

ZEIT ONLINE: Ist auch das Observatorium – also Ihr Atto-Projekt – von Kürzungen betroffen?

Trumbore: Noch nicht. Aber wir arbeiten mit dem Institut für Amazonasforschung zusammen (Inpa), das natürlich nicht immun gegen Eingriffe der Regierung ist. Brasilien hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass es möglich ist, Wirtschaftswachstum mit dem Schutz des Waldes zu vereinen. Es funktioniert insbesondere dann, wenn die Politik sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lässt. Nun hat sich die Politik geändert. Brasiliens Forschung ist in der Gefahr, langfristig Schaden zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Ihnen persönlich diese Forschung und auch der Wald, in dem Sie selbst schon gelebt haben?

Trumbore: Der tropische Wald ist einfach majestätisch. Man kann jeden Tag etwas Neues in ihm entdecken. Ich habe das große Privileg, bereits seit den Achtzigerjahren im Amazonas zu forschen. In der Zeit habe ich viele Studenten kennengelernt. Viele von ihnen sind heute wichtige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Brasilien. Mein Leben ist durch sie reicher geworden. Es gibt heute so viele Talente, die sich mit dem Amazonaswald befassen. Auch ihr Werk ist in Gefahr, wenn die Unterstützung für Bildung und Wissenschaft weiter abnimmt.

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