Ein paar Wochen vor den richtigen Nobelpreisen werden an der Harvard-Universität die Ig-Nobelpreise vergeben. Donnerstagabend war es wieder so weit. Es ist ein Spaßpreis – aber dennoch inzwischen sehr begehrt unter Wissenschaftlern. Die Preisträger reisen sogar auf eigene Kosten von überall auf der Welt zur Verleihung an. Unter ihnen ist dieses Jahr auch ein deutscher Psychologe. 

Fritz Strack von der Universität Würzburg bekam den Ig-Nobelpreis "für seine Entdeckung, dass ein Stift, den man im Mund hält, einen lächeln lässt, was einen glücklicher macht – und für die spätere Entdeckung, dass das nicht stimmt", so die Begründung des Preiskomitees. 

Der Preis bestand dieses Jahr aus einer lächerlichen Skulptur, einer Urkunde und einer 10-Billionen-Dollarnote aus Simbabwe. Aber was zählt, ist die Ehre. Längst empfinden es Wissenschaftler (und vor allem die Institutionen, an denen sie arbeiten) nicht mehr als Schmach, von den Annals of Improbable Research, dem Wissenschaftsmagazin, das die Preise herausgibt, durch den Kakao gezogen zu werden. Sie genießen die 60 Sekunden im Scheinwerferlicht – mehr Zeit haben sie nicht, ihre Forschungen zu erklären, denn dann kommt ein achtjähriges Mädchen, Miss Sweetie Poo, auf die Bühne und kräht so lange "Aufhören! Mir ist langweilig!", bis der Redner oder die Rednerin aufgibt.

Das gleiche Experiment – unterschiedliche Ergebnisse

Und so hat Strack gar nicht erst versucht, seine Forschung zu erklären, sondern seine Dankesrede in ein paar holprige Limerick-Verse gekleidet, Titel: The Replication Ballad, "Die Replikationsballade". 

Einen ernsten Hintergrund hat seine Forschung, der Spaßpreis macht darauf aufmerksam: Tatsächlich gehört Stracks Arbeit von 1988 zu den Paradebeispielen (Journal of Personality and Social Psychology, 1988) über die im Kontext der sogenannten Replikationskrise in der Psychologie debattiert wird. Viele Ergebnisse klassischer Experimente dieses Fachs lassen sich nicht reproduzieren, wenn andere Forscher sie nachzumachen versuchen. Fritz Strack hatte damals herausgefunden: Wenn Menschen einen Stift zwischen die Zähne klemmen und so ein Lächeln erzwingen, finden sie Comics witziger, als wenn sie den Stift mit den Lippen umfassen, was ein Lächeln verhindert. Die These: Schon allein die Aktivierung der Lachmuskeln macht uns glücklicher. 

Als jedoch in den letzten Jahren mehrere Forscher an Tausenden von Probanden die These überprüften, sahen zwar neun Studien denselben Effekt – aber acht Studien fanden das genaue Gegenteil. Ist die Arbeit damit wertlos? "Es macht in einer Grundlagenwissenschaft wie der Psychologie keinen Sinn, exakte Replikationen zu fordern", sagt Strack ZEIT ONLINE. Er hat einen langen Text darüber geschrieben, wieso er sein ursprüngliches Ergebnis weiterhin für richtig hält. Aber für solche methodischen Feinheiten ist natürlich bei einer Spaßveranstaltung wie den Ig Nobels kein Platz.

Fünfjährige produzieren einen halben Liter Speichel

Die Forschungen, die in anderen Disziplinen prämiert wurden, waren nicht mit solchen schwerwiegenden Problemen belastet. Eine Auswahl: 

  • Den Ig-Nobelpreis für Medizin erhielt der Italiener Silvano Gallus für mehrere Arbeiten, in denen er nachwies, dass Pizza vor Krebs schützt und allerlei weitere gesundheitliche Vorteile hat, allerdings nur, wenn sie in Italien zubereitet wird.
  • Karen Pryor und Theresa McKeon zeigten, dass man angehenden Chirurgen per Klickertraining, das sonst nur für die Abrichtung von Hunden gebraucht wird, orthopädische Operationstechniken beibringen kann – dafür gab es den Preis in der Disziplin Medizinische Ausbildung.
  • Anatomie: Die Franzosen Roger Mieusset und Bourras Bengoudifa gingen dem Phänomen auf den Grund, dass die beiden Seiten des männlichen Hodensacks häufig unterschiedliche Temperaturen haben. Sie machten dazu ausgiebige Messungen in unterschiedlichen Sitz- und Stehpositionen bei französischen Briefträgern und Busfahrern. Ergebnis: Links ist es fast immer wärmer als rechts.
  • Biologie: Fünf japanische Forscher fanden 1995 heraus, wie viel Spucke fünfjährige Kinder pro Tag produzieren, nämlich einen halben Liter. Der Studienleiter, Shiguru Watanabe, brachte seine drei mittlerweile erwachsenen Söhne mit, die damals als Versuchskaninchen herhalten mussten.
  • Physik: Eine Gruppe von Forschern aus den USA, Taiwan, Australien, Neuseeland, Schweden und Großbritannien fand heraus, wie es dem australischen Wombat gelingt, würfelförmigen Kot auszuscheiden. Patricia Yang, die damit nach 2015 ihren zweiten Ig-Nobel einheimste, fasste zusammen: "Man kann durchaus einen quadratischen Stift in ein rundes Loch zwängen." 

Hier sollen keine Wissenschaftler veralbert werden

Die 29. erste jährliche Ig-Nobelpreis-Zeremonie folgte ansonsten dem Muster, an das sich das Stammpublikum gewöhnt hat: Es flogen viele Papierflieger, eine Minioper wurde uraufgeführt, echte Nobelpreisträger verliehen die Preise. Trotz des sehr abstrusen Humors legt der Gründer und Zeremonienmeister Marc Abrahams aber Wert darauf, dass hier keine Wissenschaftler veralbert werden sollen. Die Forschungen sollen das Publikum erst zum Lachen, aber dann zum Nachdenken bringen. Abrahams fasst die Arbeiten in einem kurzen, prägnanten Satz zusammen: "Wir wollen die Leute neugierig machen auf Dinge, denen sie sonst vielleicht aus dem Weg gehen würden, die sie für zu kompliziert halten oder für zu unappetitlich", sagte er der ZEIT in einem Interview im April dieses Jahres. "Wenn wir diese Dinge klar und einfach beschreiben, dann interessiert sich plötzlich jeder dafür."