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Mit diesem Tod habe ich nicht gerechnet. Nicht jetzt. Als ich Sigmund Jähn zum letzten Mal sah, saß er an einem Abend in diesem Mai auf einer Bank im Leipziger Hauptbahnhof und biss gerade in ein Fischbrötchen. Dieses Gesicht, das ich unter Millionen anderen erkennen würde und an dem doch die meisten anderen Passanten einfach vorübergingen, weil der einstige Kosmonaut Sigmund Jähn keiner war, der wollte, dass die Leute vor ihm wie einem Helden stehen blieben, wegen ihm stehen blieben. Ich ließ mich grußlos neben ihm nieder, schaute ihn an, er blickte mit seinen wachen Augen zu mir herüber, erkannte mich, lächelte und sagte: "Ach, die Journalistin." Dann aß er weiter. Und wir lachten.

Dass Sigmund Jähn Humor hatte, dass er gern lachte, dass er für jeden Scherz zu haben war, das wusste ich ja schon. Ich verließ mich darauf. Auch deshalb war ich mir fast sicher, er würde ewig leben. Aber auch, weil man dem über 80-Jährigen noch immer ansehen konnte, wie sportlich und agil er einst gewesen und noch immer war. 

Durch den Garten hinter seinem Haus im brandenburgischen Strausberg führte ein kleiner Weg die Böschung hinunter zum See. Bis vor ein paar Jahren ging er selbst im Winter dort noch jeden Morgen schwimmen, zuletzt tat er es nur, wenn es nicht ganz so kalt war. Wir standen an seiner kleinen Badestelle, er schaute aufs Wasser und fand daran nun gar nichts Besonderes. Wie er sich selbst überhaupt nichts Besonderes gewesen ist.

Zum ersten Mal trafen wir uns im Frühsommer des vergangenen Jahres, weil ich anlässlich des 40. Jubiläums seines Flugs vom 26. August 1978 über ihn schreiben wollte. Er selbst hielt das für eine eher abwegige Idee. Damals ist er vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur gemeinsam mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski als erster und einziger DDR-Bürger, aber auch als erster Deutscher in den Weltraum gestartet. In sieben Tagen, 20 Stunden, 49 Minuten und vier Sekunden haben die Männer 125-mal die Erde umkreist. Ländergrenzen soll man von dort oben gar nicht erkennen können.

Auf meine erste Mail an ihn bekam ich eine Absage. Als ich ihm erneut schrieb und erzählte, dass ich als Kind oft im Ferienlager im Vogtland gewesen war und dass wir eigentlich immer hinüber nach Morgenröthe-Rautenkranz, seinem Geburtsort, ins Sigmund-Jähn-Museum gewandert sind, schrieb er, na gut, dann kommen Sie eben. Aber ich weiß gar nicht, worüber wir reden wollen.

Der Kosmonaut Sigmund Jähn, aufgenommen nach seinem erfolgreichen Flug mit dem sowjetischen Raumschiff "Sojus 31" zur Raumstation MIR im August 1978 © Zentralbild/​dpa

Sigmund Jähn hatte sich mit dem Umstand, dass das wiedervereinigte Land ihn aus seinen Geschichtsbüchern weitgehend herausgestrichen hatte, dass ihm nach der Wiedervereinigung kaum eine Ehre mehr zuteilwurde, mehr noch, dass er als ehemaliger Angehöriger der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR den Statuten der Bundeswehr gemäß als nicht traditionswürdig galt, inzwischen abgefunden. Im Gegenteil, er hatte eher Angst, dass die Leute, wie er sich ausdrückte, ihm nun erneut die Bude einrennen würden. "Ich habe einmal in meinem Leben erlebt, wie die Schilder mit meinem Namen über Nacht abgehängt wurden, ich muss mir nun am Ende meines Lebens nicht noch einmal anschauen, wie sie wieder aufgehängt werden", sagte er einmal gedankenversunken zu mir. Es hörte sich nicht so an, als sagte er solche Sätze oft.

In der DDR war er ein Volksheld

Einen größeren Helden jedoch hatte es in dem sozialistischen Land nicht gegeben. Jeder, wirklich jeder ehemalige DDR-Bürger kennt Sigmund Jähn, den meisten Westdeutschen hingegen ist er lange Zeit weitgehend unbekannt geblieben. Wie so vieles aus dem Land hinter der Mauer. Bis heute. Weder zu einem 80. Geburtstag noch zum 40. Jahrestag seines Flugs ins All hat er einen Glückwunsch der Bundesregierung bekommen. Darüber wollte ich schreiben, darüber schrieb ich. Und ich weiß, es hat ihn auf seine stille und bescheidene Art gefreut. Aber ich weiß auch, es war ihm nicht wirklich wichtig.

Vom Buchdrucker zum Kosmonauten

Er selbst schaute gern auf sein Leben zurück. je älter er wurde, desto öfter sprach er von seiner Kindheit im Vogtland. In dieser rauen und leicht unwirtlichen Gegend, der er bis zuletzt tief verbunden geblieben ist, kam er als Kind einfacher Arbeiter am 13. Februar 1937 auf die Welt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt seine Familie als großes Glück, die Intelligenz und Auffassungsgabe des jungen Sigmund wird von den sozialistischen Neulehrern erkannt und gefördert. Er soll, gegen den Willen seines Vaters, auf die Oberschule gehen. Also wird er erst Buchdrucker, holt später das Abitur nach. Dann folgt, was man eine sozialistische Bilderbuchkarriere nennen kann: Er wird Pionierleiter, tritt in die SED ein, wird Jagdflieger der NVA und schließlich, auch weil er verlässlich aus einfachen Verhältnissen stammt, von der SED-Führung zum ersten und einzigen Kosmonauten der DDR auserwählt.

Sigmund Jähn - Deutschlands erster Raumfahrer ist tot Sigmund Jähn war 1978 an Bord einer sowjetischen Raumkapsel ins All geflogen. Der DDR-Kosmonaut starb im Alter von 82 Jahren. © Foto: Hendrik Schmidt/zb/dpa

Die sozialistische Staatsführung feierte seinen Flug wie ein Jahrhundertereignis. Jähn wird "Held der DDR" und fortan durchs ganze Land geschickt, wie eine lebende Trophäe herumgezeigt. Er hat das alles mitgemacht, vielleicht aus Dankbarkeit, aber versuchte, wo es ging, den sozialistischen Floskeln zu entkommen. Denn er fühlte sich den einfachen Menschen verbunden, seine Herkunft ist ihm bis zum Schluss ein Auftrag geblieben. Auch über das Ende der DDR hinaus. Sie erfüllte ihn mit einem Stolz, den man heute nicht mehr oft antrifft, die ihn aber umgab wie eine feine, beinahe durchsichtige Aura.

Vor zwei Monaten schrieb ich ihm noch einmal und bat ihn, sich für ZEIT ONLINE an die Mondlandung von 1969 zu erinnern. Ich wusste, dass ich ihm mit solchen Fragen eigentlich auf die Nerven ging, aber ich wusste auch, ich würde mich auf seine Höflichkeit verlassen können. Er würde mir antworten und so antwortete er Wochen später, für einen möglichen Text natürlich viel zu spät. Augenzwinkernd fragte er, ob sich die Sache mit der Mondlandung inzwischen erledigt habe, aber auf unser Treffen im Leipziger Hauptbahnhof anspielend schrieb er: "Es könnte ja eine höhere Kraft geben, die versucht, unser beider Reisetätigkeit in eine gemeinsame Richtung zu lenken. Um ehrlich zu sein: Ich würde liebend gern mit Ihnen noch einmal über Gott und die Welt reden."

Dazu ist es nun leider nicht mehr gekommen. Am 21. September ist Sigmund Jähn im Alter von 82 Jahren gestorben. Ich habe ihm auf seine Mail nicht mehr geantwortet, auch weil er seine Ruhe schätzte und es ihn viel Zeit und Kraft kostete, noch immer all die Briefe und Autogrammwünsche zu beantworten. Einer wie Sigmund Jähn mag aus den Geschichtsbüchern bis dato weitgehend getilgt worden sein, aus den Herzen vieler Menschen jedoch, egal, ob sie ihm je begegnet sind oder nicht, ist er nie verschwunden. Und in diesen Herzen wird er bleiben. Das wird ihm wichtiger sein als alles andere.