"Ein Meilenstein, den es zu erwähnen und zu feiern gilt", heißt es von der US-Weltraumagentur Nasa. Absolut, denn am Freitag, den 18. Oktober 2019 wird Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal haben ausschließlich Frauen in Raumanzügen gemeinsam die Internationale Raumstation ISS verlassen, um ein paar Wartungsarbeiten durchzuführen. Die US-Astronautinnen Jessica Meir und Christina Koch sollten eine Ladeeinheit für Lithium-Ionen-Akkus austauschen. Die befindet sich außen und reguliert mit, wie die WG im All über ihre Sonnensegel mit Energie versorgt wird.

Ein bis zu sechs Stunden dauernder Weltraumspaziergang, der für Aufsehen sorgt. Allein wegen der Teilnehmerinnen. Endlich, könnte man auch denken: Die erste Langzeitbesatzung der ISS kreiste bereits im November 2000 um die Erde. Seither gab es 220 Spaziergänge im Weltraum, bei denen an der Raumstation herumgebastelt wurde. Meist stiegen dabei Männer aus. Nur rund ein Dutzend Frauen durften raus – aber eben immer nur in männlicher Begleitung. Nun also der erste komplett weibliche Außeneinsatz. Jessica Meir streifte dafür erstmals einen Raumanzug fürs All über. Ihre Kollegin Christina Koch hatte die ISS zuletzt im Frühjahr für Wartungsarbeiten kurzzeitig verlassen.

Dass nun gefeiert wird, belegt also eindrücklich, dass die Geschichte der Raumfahrt noch immer eine sehr männliche ist. Auch wenn sich daran langsam etwas ändert. So gibt es nur 64 Frauen, aber rund 500 Männer, die bislang ins All flogen. Und zwar seit der Kosmonaut Juri Gagarin im April 1961 als erster Mensch überhaupt um die Erde kreiste.

Die erste Frau im Weltraum war 1963 die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa. Sie musste sich damals immer wieder die Sprüche und Vorurteile ihrer männlichen Kollegen anhören. Man kann sich denken, wie die lauteten: Frauen seien nicht so stark und ausdauernd wie die Raumfahrer, hieß es jahrelang.

Anstrengende Arbeit? Klar! Zu anstrengend? Unsinn, sagen Koch und Meir. Ganz unabhängig vom Geschlecht sind die Einsätze außerhalb der ISS rund 400 Kilometer über der Erde für jeden Menschen eine lebensgefährliche Plackerei: Stundenlang hängt man in klobigen Anzügen in der Schwerelosigkeit und kommt extrem ins Schwitzen. Raumfahrerinnen und Raumfahrer verbrennen während ihrer mitunter mehrstündigen Außeneinsätze Hunderte Kalorien – so viel wie sonst nur Spitzensportler. 

"Wir denken in unserer täglichen Arbeit eigentlich gar nicht darüber nach, ob die Arbeiten von einem Mann oder einer Frau gemacht werden", sagte Meir nun auch vor ihrem historischen Spaziergang. Sie ist nun die 15. Frau überhaupt, die raus ins All darf. Die erste Frau im Außendienst war 1984 Swetlana Sawizkaja, sie reiste damals noch zur kaum bekannten sowjetischen Raumstation Saljut 7. Den Rekord unter den Frauen, was Weltraumspaziergänge angeht, hält die Amerikanerin Peggy Whitson. Zehnmal schwebte sie im Orbit.

Beim ersten Versuch war der Anzug zu klein

Übrigens sollte der all-women spacewalk, schon Ende März stattfinden. Geplant war, dass Christina Koch mit der Astronautin Anne McClain einen Routineeinsatz absolviert. Das scheiterte aber an einem Problem, dass auch mit den Männern in der Raumfahrt zu tun hat: der Größe des Raumanzugs. Es gab auf der ISS keine zwei Anzüge, die zwei weiblichen Astronautinnen in Größe M passten. Beobachter auf Twitter und Social Media konnten es nicht fassen. Die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton twitterte daraufhin: "Stellt einen weiteren Anzug her." Man konnte sie förmlich mit den Augen rollen sehen.

Ganz so simpel war das aber nicht. Und eigentlich sind die Anzüge an Bord der ISS ohnehin sehr variabel konstruiert. Das erklärte Stephanie Schierholz von der Nasa dem Magazin Forbes: Die Anzüge würden mehr als 80 verschiedene Körpermaße berücksichtigen. So habe ein Anzug drei Oberkörpergrößen, acht Größen anpassbarer Ellbogen und mehr als 65 Größen an Handschuhen, zwei Größen, um den Taillenumfang anzupassen und fünf für die Knie. Hinzu kommt eine große Auswahl an Polsterungsoptionen für fast jeden Körperteil.

Und es gibt ein weiteres grundsätzliches Designproblem: Die schweren Klamotten wurden im Prinzip vor vier Jahrzehnten entwickelt. Damals eben nach Vorgaben wie vor allem männliche Astronauten am besten in sie hineinpassen. Auch ihr Beatmungs- und Kühlsystem funktionierte optimiert für männliche Körper und danach, wie es ist, wenn der Astronaut ins Schwitzen gerät. Fitte Frauen schwitzen aber häufig weniger – und außerdem an anderen Körperstellen stärker oder schwächer als Männer.

Jetzt sitzen beide Anzüge perfekt. Kurz vor 14 Uhr deutscher Zeit verließen Meir und Koch am Freitag die ISS:

Mehr Frauen im Nasa-Korps

Tatsächlich hat die Nasa längst beschlossen, dass sie aufholen und ihren Frauenanteil steigern möchte. Mittlerweile versucht die Agentur, in ihrem Astronautenkorps ebenso viele Frauen wie Männer zu haben. 1983 startete Sally Ride als erste Amerikanerin ins All, ein Jahr später mit Ann Fisher auch die erste Mutter. Mehr als 40 weitere US-Amerikanerinnen folgten.

Andere Raumfahrtagenturen tun sich schwerer damit, Frauen ins All zu schicken, vor allem die europäische Esa. Als bisher letzte Astronautin aus Europa war 2014 die Italienerin Samantha Cristoforetti auf der ISS. Zuvor experimentierte und arbeitete 2001 Claudie Haigneré aus Frankreich auf der Station. Davor besuchte 1991 nur die Britin Helen Sharman als erste Kosmonautin die längst verglühte russische Raumstation Mir.

Christina Koch könnte auch noch in anderer Hinsicht Geschichte schreiben. Sie soll insgesamt rund 330 Tage am Stück im All verbringen. So lange hat bislang noch keine Frau vor ihr ohne Unterbrechung im Weltall verbracht. Vor ihrem Ausstieg am Freitag sagte sie: "Ich denke, dass es wichtig ist, weil das, was wir tun, von historischer Natur ist. In der Vergangenheit saßen Frauen nicht immer am Tisch. (...) Es gibt viele Menschen, die ihre Motivation aus inspirierenden Geschichten von Menschen ableiten, die so aussehen wie sie selbst."