Ein Land ist, was es baut. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, die Achtziger und die Wende: All das hat Deutschlands Architektur geprägt. Volkwin Marg, einer der einflussreichsten Architekten der Nachkriegszeit, ist selbst ein Kind der DDR. Vor dem Mauerbau zog er nach Westberlin, wo seine internationale Karriere begann. Für die Serie "Deutschland 70/30" erklärt er die Bedeutung deutscher Bauten und seine Sicht auf Ost und West.

ZEIT ONLINE: Herr Marg, Sie sind 1957 nach Westberlin gekommen, um Architektur zu studieren. Wie wirkte die Stadt auf Sie, die zu jener Zeit in einen amerikanischen, einen britischen, einen französischen Sektor im Westen und den sowjetischen im Osten aufgeteilt war?

Volkwin Marg: Das war ja lange vor dem Bau der Mauer. Damals pendelte ich mit dem Fahrrad vom Osten, wo meine Eltern am Prenzlauer Berg wohnten, zur Technischen Universität im Westteil der Stadt. Baulich hat mir damals die Stalinallee imponiert. Eine urbane Achse, ein großer lebendiger Boulevard mit den zwei großen Turmkuppeln des Frankfurter Tors als Abschluss. Gleichzeitig habe ich diese Architektur, diesen sozialistischen Neoklassizismus der frühen Fünfziger, politisch gehasst.

ZEIT ONLINE: Warum gehasst?

Marg: Ich bin in innerer Opposition zum doktrinären Stalinismus in der DDR aufgewachsen, bildungsbürgerlich aufgeklärt durch meinen Vater, der uns sozusagen philosophische Antitoxine gegen die ideologische Vergiftung gespritzt hat. Die Stalinallee kam mir wie verlogener Pomp vor, ganz so wie die Architektur der Nazis für "Germania" als Reichshauptstadt. Das Gegenprogramm dazu war das neue Hansaviertel der Internationalen Bauausstellung IBA 1957 in Westberlin. Aber die Häuser dort wirkten runtergefallen wie Konfetti vom Himmel. Ich konnte mit diesem Urbanismus ehrlicherweise zwar nichts anfangen noch in der ziemlich baumlosen Besiedlung von zerstreuten Häusern einen gestalteten Städtebau erkennen. Also richtete ich meine Liebe ersatzweise auf architektonische Details. Und dennoch: Ich wollte das Moderne lieben.

"Die Stalinallee kam mir wie verlogener Pomp vor": ehemalige "Stalinallee" (rechts) und Hansaviertel. © Christof Sache/​AFP/​GettyImages, Hans Wiedl/​dpa

ZEIT ONLINE: Haben Sie diese westdeutsche Hansaviertel-Architektur als demokratisch empfunden?

Marg: Nein, ich betrachtete das Viertel einfach als eine Art Ausstellung von architektonischen Attraktionen. Vom Konzept der Stadtlandschaft, das dem Viertel zugrunde lag, habe ich erst später im Studium erfahren.

ZEIT ONLINE: Wenn man damals einige Kilometer weiter durch den langsam nachwachsenden Tiergarten gelaufen ist, vorbei am zerstörten Potsdamer Platz entlang der innerdeutschen Grenze, stieß man auf ein leeres Areal. Dort entstand im Jahr 1963 – nach dem Mauerbau also – eine Art Raumschiff: Die Berliner Philharmonie des Architekten Hans Scharoun. Sie sollte Teil einer landschaftlichen Stadtanlage sein und laut Scharoun "Ausdruck eines demokratischen Gemeinschaftsgefühls". Was war damit gemeint?

Marg: Hans Scharoun war Visionär und einer der bedeutendsten Denker und Architekten seit dem Aufbruch der Zwanzigerjahre in die Moderne. Nach der inneren Emigration während der Nazizeit sah er die Chance, seine Vision einer neuen freien Gesellschaft beim Wiederaufbau nach der Kriegskatastrophe zu verwirklichen, sowohl im Städtebau als auch in der Architektur. (Anm. der Red.: Scharoun, dessen organische Architektur unter den Nazis als entartet galt, emigrierte nicht, sondern plante während des Nationalsozialismus überwiegend Einfamilienhäuser aus Mangel an öffentlichen Aufträgen.)

ZEIT ONLINE: War Scharoun überzeugt, in Berlin nach dem Krieg die Stadt der Zukunft zu bauen?

Anstelle der steinernen Ruinenwüste sollte eine neue Stadtlandschaft ergrünen.

Marg: Ja, ganz gewiss. Anstelle der steinernen Ruinenwüste sollte nach seinem sogenannten Kollektivplan Ende der Vierzigerjahre im Urstromtal der Spree eine neue Stadtlandschaft ergrünen, aus der die Baudenkmale der Vergangenheit herausragten wie die Tempelruinen aus dem mexikanischen Urwald von Chichén Itzá, umgeben von lockeren Wohnquartieren und Arbeitsstätten mit Licht, Luft und Sonne.

ZEIT ONLINE: 1956 zeichnete Hans Scharoun im Zuge des Architekturwettbewerbs für ein neues, als Kulturforum gedachtes Areal in Westberlin eine erste Skizze der Berliner Philharmonie. Erbaut wurde sie 1960/61 nach seinen Plänen. War dieses Bauwerk auch ein Signal an den Osten?

Marg: Die neue Philharmonie war ursprünglich als preisgekrönter Wettbewerbsentwurf in Westberlin in der Bundesallee hinter dem Joachimsthaler Gymnasium vorgesehen. Die Verlagerung des Bauplatzes an die östliche Sektorengrenze am Tiergarten war natürlich eine demonstrative Geste der Zusammengehörigkeit mit Ostberlin. Denn dort in der Friedrichsstadt lagen in der geteilten Stadt die wichtigsten Kulturstätten. Darunter die Museumsinsel, die Staatsoper Unter den Linden, die Humboldt-Universität mit der Staatsbibliothek und das Nationaltheater am Gendarmenmarkt – und ursprünglich auch die alte Philharmonie. 
Dazu kommt: Die neue Philharmonie war der Start für ein neues Kulturzentrum just an der Stelle, an der die Nazis bereits mit dem Bau der Monumentalachse für die Reichshauptstadt Germania begonnen hatten.

"Die Philharmonie inszeniert einen geistigen Vorgang inmitten einer freien und offenen Gesellschaft": Philharmonie, Berlin. © ullstein bild/​Schöning, Rainer Jensen/​epa/​dpa

ZEIT ONLINE: Kann man so weit gehen, zu sagen: In der Philharmonie begegnet sich eine noch im Nationalsozialismus sozialisierte Generation von Deutschen zum ersten Mal kollektiv nicht als selbst erklärtes Herrenvolk, sondern als Gemeinschaft von Gleichen unter Gleichen?

Marg: Eindeutig, ja. Die Philharmonie ist ein Gesamtkunstwerk und inszeniert einen geistigen Vorgang inmitten einer freien und offenen Gesellschaft. Diese versammelt sich wie in einer Landschaft von terrassierten Weinbergen rund um das Geschehen: Es gibt keine Klassenhierarchie, alle Plätze auf allen Ebenen sind miteinander verbunden, die Ehrenloge ist zugleich die Behindertenloge und das vielgestaltige Pausenfoyer umkreist den Konzertsaal.